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Veröffentlicht: 07.04.2017, 12:40 Uhr

Wie erkläre ich’s meinem Kind? Warum Erwachsene Langeweile gut finden

Kinder hassen Langeweile, aber die meisten Erwachsenen haben dafür null Verständnis: Sie würden sich gern mal wieder langweilen. Warum eigentlich?

von
© Picture-Alliance Wenn überhaupt etwas eine große Zukunft hat, dann ist es die Langeweile, sagt Gerhard Polt. Kinder sehen das anders.

Sonntagnachmittags, wenn kein Spiel oder Buch mehr interessant war und wir nicht fernsehen durften: Da war sie, die alles erstickende Langeweile. Meistens legten wir uns dann auf den Boden und schauten an die Decke (im Winter) oder in den Himmel (im Sommer). Kam ein Erwachsener vorbei, klagten wir: „Mir ist langweilig!“ und bekamen zu hören: „Genieß es.“ Zack, dreißig Jahre später, Rollenwechsel, plötzlich sprechen unsere Eltern aus uns: „Kind, genieß die Langeweile, ich hätte sie auch gern.“ Dafür ernten wir von Kindern den gleichen irritierten und leicht verärgerten Blick, mit dem wir damals reagierten. Aber was ist eigentlich passiert, dass wir Langeweile plötzlich attraktiv finden?

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Schließlich gibt es sie bei Erwachsenen auch, die Stunden, in denen man nur rumliegt. Meist auf dem Sofa und nicht mehr auf dem Boden, weil, der Rücken. Aber das ist meistens keine Langweile, denn Erwachsene verbringen sehr viel Zeit damit, daran zu denken, was sie jetzt eigentlich tun müssten. Spätestens mit dem Auszug von daheim und dem ersten Job geht das los: Man hat immer etwas zu tun. Wer also auf dem Sofa liegt und denkt, eigentlich müsste ich die Fenster putzen und die Kontoauszüge abheften, der hat keine richtige Langeweile. Und das Abendessen macht sich ja auch nicht von alleine, also muss man eh bald wieder aufstehen. Man hängt also nur ein bisschen rum und versucht zu ignorieren, was man stattdessen tun sollte.

Kolumnenbild /  Wie erkläre ich es meinem Kind © Johannes Thielen Vergrößern

Dieser Zustand, nichts zu tun zu haben oder das, was zu tun wäre, gar nicht zu sehen: um den beneiden Erwachsene Kinder. Dabei vergessen sie, dass sich das nicht immer gut anfühlt. Erst wenn sie selbst in eine Situation kommen, wo sie zu viel Zeit und zu wenig zu tun haben, erinnern sie sich wieder daran. Etwa wenn sie arbeitslos sind. Oder wenn sie von allem, was sie tun müssten, weit weg sind: Manche drehen schon durch, wenn sie eine halbe Stunde auf ihren Zug warten müssen. Dann ist nämlich vielleicht der Akku vom Handy leer und kein spannendes Buch zur Hand und niemand zum Reden da. Sie sitzen auf dem Bahnsteig und können nur gucken. Ihnen ist langweilig, und sie können es überhaupt nicht genießen, denn woanders wären ja all die Aufgaben, die nun liegenbleiben. Sie nennen das auch nicht Langeweile, sie nennen es Warten, dabei ist Langeweile ja auch nur Warten: darauf, dass die Zeit vergeht oder etwas passiert.

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Aber zur Langeweile gehört, dass der Geist ganz frei wandern kann und nicht dauernd von irgendwelchen Pflichten abgelenkt wird. Das fällt Erwachsenen schwer. Dabei ist es das Tolle an der Langeweile, mal wieder zu merken, wie unterhaltsam es sein kann, einfach nur die Gedanken schweifen zu lassen. Langeweile ist also etwas, das man können muss. Wie man das dann nennt, ob Langeweile, Grübeln, Chillen, vor sich hin Gucken – das ist egal. Hauptsache, man lässt dabei in sich selbst etwas passieren.

© DW, Deutsche Welle Die Entdeckung der Langeweile
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