http://www.faz.net/-i35-8wnle

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Erwachsene Langeweile gut finden

Wenn überhaupt etwas eine große Zukunft hat, dann ist es die Langeweile, sagt Gerhard Polt. Kinder sehen das anders. Bild: Picture-Alliance

Kinder hassen Langeweile, aber die meisten Erwachsenen haben dafür null Verständnis: Sie würden sich gern mal wieder langweilen. Warum eigentlich?

          Sonntagnachmittags, wenn kein Spiel oder Buch mehr interessant war und wir nicht fernsehen durften: Da war sie, die alles erstickende Langeweile. Meistens legten wir uns dann auf den Boden und schauten an die Decke (im Winter) oder in den Himmel (im Sommer). Kam ein Erwachsener vorbei, klagten wir: „Mir ist langweilig!“ und bekamen zu hören: „Genieß es.“ Zack, dreißig Jahre später, Rollenwechsel, plötzlich sprechen unsere Eltern aus uns: „Kind, genieß die Langeweile, ich hätte sie auch gern.“ Dafür ernten wir von Kindern den gleichen irritierten und leicht verärgerten Blick, mit dem wir damals reagierten. Aber was ist eigentlich passiert, dass wir Langeweile plötzlich attraktiv finden?

          Schließlich gibt es sie bei Erwachsenen auch, die Stunden, in denen man nur rumliegt. Meist auf dem Sofa und nicht mehr auf dem Boden, weil, der Rücken. Aber das ist meistens keine Langweile, denn Erwachsene verbringen sehr viel Zeit damit, daran zu denken, was sie jetzt eigentlich tun müssten. Spätestens mit dem Auszug von daheim und dem ersten Job geht das los: Man hat immer etwas zu tun. Wer also auf dem Sofa liegt und denkt, eigentlich müsste ich die Fenster putzen und die Kontoauszüge abheften, der hat keine richtige Langeweile. Und das Abendessen macht sich ja auch nicht von alleine, also muss man eh bald wieder aufstehen. Man hängt also nur ein bisschen rum und versucht zu ignorieren, was man stattdessen tun sollte.

          Bild: Johannes Thielen

          Dieser Zustand, nichts zu tun zu haben oder das, was zu tun wäre, gar nicht zu sehen: um den beneiden Erwachsene Kinder. Dabei vergessen sie, dass sich das nicht immer gut anfühlt. Erst wenn sie selbst in eine Situation kommen, wo sie zu viel Zeit und zu wenig zu tun haben, erinnern sie sich wieder daran. Etwa wenn sie arbeitslos sind. Oder wenn sie von allem, was sie tun müssten, weit weg sind: Manche drehen schon durch, wenn sie eine halbe Stunde auf ihren Zug warten müssen. Dann ist nämlich vielleicht der Akku vom Handy leer und kein spannendes Buch zur Hand und niemand zum Reden da. Sie sitzen auf dem Bahnsteig und können nur gucken. Ihnen ist langweilig, und sie können es überhaupt nicht genießen, denn woanders wären ja all die Aufgaben, die nun liegenbleiben. Sie nennen das auch nicht Langeweile, sie nennen es Warten, dabei ist Langeweile ja auch nur Warten: darauf, dass die Zeit vergeht oder etwas passiert.

          Aber zur Langeweile gehört, dass der Geist ganz frei wandern kann und nicht dauernd von irgendwelchen Pflichten abgelenkt wird. Das fällt Erwachsenen schwer. Dabei ist es das Tolle an der Langeweile, mal wieder zu merken, wie unterhaltsam es sein kann, einfach nur die Gedanken schweifen zu lassen. Langeweile ist also etwas, das man können muss. Wie man das dann nennt, ob Langeweile, Grübeln, Chillen, vor sich hin Gucken – das ist egal. Hauptsache, man lässt dabei in sich selbst etwas passieren.

          Studiertes Heckenwachstum : Die Entdeckung der Langeweile

          Weitere Themen

          Who’s who? Video-Seite öffnen

          Prominente Kinderfotos : Who’s who?

          Sie wurden 1968 geboren und fingen ganz klein an. Wir haben Prominente um Kinderbilder gebeten. Aber welches Foto gehört zu welchem Erwachsenen? Schauen Sie, wer hinter den Bildern steckt.

          Der Mythos Streif Video-Seite öffnen

          Hinter den Kulissen : Der Mythos Streif

          Das Hahnenkamm-Rennen im österreichischen Kitzbühel ist nicht nur eine sportliche Attraktion. Unter den 90.000 Besuchern finden sich jedes Jahr zahlreiche Prominente, die dem Skirennen Glamour verleihen. Auf sie warten höchstens kulinarische Herausforderungen.

          Topmeldungen

          Kramp-Karrenbauer steigt auf : Merkels Mädchen?

          Annegret Kramp-Karrenbauer könnte ehemaligen Mitgliedern und Wählern der CDU wieder das Gefühl von politischer Heimat geben. Dazu muss sie den Verdacht entkräften, sie sei als Angela Merkel 2.0 ins Amt der Generalsekretärin berufen worden. Ein Kommentar.
          Die neue SPD-Parteispitze um Andrea Nahles und Olaf Scholz muss schon in ihrer Anfangsphase mit Rückschlägen zurechtkommen.

          Neue Umfrage : AfD erstmals knapp vor SPD

          Während die CDU stabil bleibt, sinken die Umfragewerte der SPD immer weiter. In einer aktuellen Umfrage rutscht sie erstmals hinter die AfD und wird nur noch drittstärkste Kraft.
          Bild und Ton sind nicht genug, Text soll es sein: Mikrofone bei einer Pressekonferenz

          ARD, ZDF und das Geld : Wirtschaftlich ist das nicht gerade

          Die Finanzkommission Kef hat ausgerechnet, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio nicht zu wenig, sondern zu viel Geld haben: eine halbe Milliarde. Droht trotzdem ein höherer Rundfunkbeitrag?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.