http://www.faz.net/-i35-8yv05

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Soll man in den Ferien für die Schule lernen?

Entspannung oder Lernen, was ist in den Ferien wichtiger? Bild: dpa

Sechs Wochen Faulenzen in den Sommerferien – da kann man einiges vergessen, und ins neue Schuljahr geht man unvorbereitet. Was ist wichtiger, Entspannung oder Lernen?

          Jeder Schüler kennt das besondere Gefühl am letzten Schultag. Erst die Zeugnisausgabe,  kurzer Kommentar vom Klassenlehrer,  Pausengong. Schon während man das Schulgebäude verlässt, seinen Freunden noch ein „Tschüss, bis in sechs Wochen zuruft“, spürt man eine  Leichtigkeit. Endlich  Ferien! Lange Ferien! Die längsten des Jahres!  Auf die Sommerferien freut sich jeder: Ausschlafen, Rumgammeln, Freunde treffen, ans Meer, in die Berge, zum Sportcamp oder ins Ferienlager fahren. Sechs Wochen Freiheit. 42 Tage ohne Druck. Aber ist das wirklich so?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt immer mehr Kinder, die auch in den Ferien für die Schule lernen.  Selten kommt der Impuls von den Kindern selbst. Fast immer sind es die Eltern, die sich das Lernen von ihren Kindern wünschen oder sie gar dazu zwingen, sich auch in den Ferien mit Bruchrechnung  oder Englischvokabeln zu beschäftigen. Manche wollen das, weil die Noten ihrer Kinder nicht so gut sind. Andere weil sie möchten, dass ihr Kind ein Einser-Schüler wird.

          Dass es immer mehr Eltern gibt, die ihre Kinder dazu nötigen, in den Ferien für die Schule zu lernen oder sie in Lerncamps anmelden – laut Umfragen sind es mehr als die Hälfte – , hat mit dem Leistungsdruck in der Gesellschaft zu tun. Eine gute Arbeit zu finden ist schwerer geworden, sie zu behalten nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor dreißig Jahren. Diese Ängste geben die Eltern oft an die Kinder weiter. Sie wollen, dass etwas aus ihnen wird und sie sich keine Sorgen machen müssen. Viele denken, dass ihr Kind auf jeden Fall das Abitur machen sollte, damit es alle Möglichkeiten hat, später erfolgreich zu werden.

          Aber selbst manche Lehrer sagen, dass die Sommerferien eine sehr lange Zeit sind, in denen der Stoff wieder vergessen wird, und dass es mühsam ist, nach den Sommerferien wieder daran anzuknüpfen. Tatsächlich haben amerikanische Wissenschaftler herausgefunden, dass es ein Sommervergessen gibt, das „Summer learning loss“. Das betrifft vor allem das Fach Mathematik. Allerdings haben die amerikanischen Schüler auch drei Monate lang Sommerferien, viel Zeit also zum Vergessen, während in Deutschland die Sommerferien „nur“ sechs Wochen dauern.

          Ferienlernen kann sinnvoll sein,  wenn zum Beispiel in den letzten Ferientagen eine Nachprüfung ansteht und davon die Versetzung abhängt. Oder wenn das Kind in einem Hauptfach die Note 5 hat. Vielleicht ist es sogar so, dass die Kinder selbst den Wunsch nach Lernen äußern und ihre Noten verbessern wollen. Wenn schon lernen, dann sollte es am besten in der zweiten Ferienhälfte sein. Weil die Kinder dann den Stoff zu Schulbeginn parat haben. Und weil sie sich vorher schon erholt haben. Auf keinen Fall  sollte sechs Wochen Dauerlernen stattfinden.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Denn schließlich bekommen auch die Eltern von ihren Arbeitgebern gesagt, dass man den Urlaub zur Erholung nutzen soll. Im Bundesurlaubsgesetz steht, dass der  Arbeitnehmer während des Urlaubs von der vertraglichen Arbeitspflicht befreit ist. Und wenn der Chef anruft und  möchte, dass der Arbeitnehmer etwas erledigt,  ist das nicht erlaubt.

          Auch für Schüler sind die Ferien grundsätzlich dazu da, sich von den anstrengenden Schulwochen zu erholen. Dabei geht es nicht nur  um den Unterricht, es kann auch wichtig sein, mal Abstand von den Mitschülern zu gewinnen, vom sozialen Druck, der mitunter in den Klassen oder auf dem Pausenhof herrscht. Ferien, das bedeutet  auch, sechs  Wochen lang einfach mal man selbst sein zu können.

          Weitere Themen

          Die letzten echten Bauern Europas Video-Seite öffnen

          Siebenbürgen : Die letzten echten Bauern Europas

          Giftigen Schnaps, süße Büffelmilch und Weihrauch im Überfluss – im Zentrum Rumäniens hat sich das alte bäuerliche Leben bewahrt. Die Bauern versorgen die Kinder und Arbeiter in der Ferne mit Nahrung und Heimat. Anders wollen sie gar nicht leben.

          Bildung geht durch den Magen

          FAZ Plus Artikel: Kantinenkonflikt : Bildung geht durch den Magen

          Was bringt eine Schule in Frankfurt dazu, gegen einen Großcaterer ins Feld zu ziehen? Warum wird so erbittert um einen veganen Kindergarten gestritten? Die Auseinandersetzung um das, was Kinder essen, wirft ein Licht auf die Bruchstellen einer Stadtgesellschaft.

          Hunderttausende Kinder im Kongo brauchen Nahrung Video-Seite öffnen

          UNICEF : Hunderttausende Kinder im Kongo brauchen Nahrung

          Seit den Kämpfen zwischen dem Militär und einer Miliz 2016 sind mehr als eine Million Menschen auf der Flucht. Lebensmittelknappheit und eine schlechte medizinische Versorgung bedroht die, die in ihre Dörfer zurückkehren. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ruft zu mehr Hilfe für die Region Kasai auf.

          Topmeldungen

          Trump-Kim-Gipfel : Was war der Grund für die Absage?

          In seinem Brief an Kim Jong-un schreibt Donald Trump, ein Treffen zum jetzigen Zeitpunkt sei wegen nordkoreanischer Äußerungen unangemessen. Es gibt aber auch andere Erklärungsversuche. Eine Analyse.

          Warnung ans DFB-Team : „Es wird die schwierigste WM“

          Bis auf Kroos hat der Bundestrainer alle Spieler im Trainingslager vor der WM zusammen. Gute Nachrichten gibt es von Boateng. Einer tritt vor dem Turnier in Russland allerdings als Mahner auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.