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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wozu Autoren Verlage brauchen

Balanceakt Buch: Aufbauarbeiten vor der Frankfurter Buchmesse Bild: dpa

Auch wenn man Bücher meist alleine schreibt, ist es gut, dass sich ein Verlag darum kümmert, was außer dem Schreiben noch dazugehört. Wenn er nicht durcheinanderbringt, wer was am besten kann.

          Wer ein Buch schreibt, muss sich über längere Zeit ganz darauf konzentrieren. Dabei ist es egal, ob das, was im Buch steht, erfunden oder in der Wirklichkeit herausgefunden werden muss: Es dauert in jedem Fall länger als das Lesen, wenn das Buch fertig ist. Die Autorin oder der Autor können sich zwar auch noch darum kümmern, den Umschlag zu gestalten, die Werbung zu organisieren, die Herstellung, den Vertrieb und den Verkauf zu beaufsichtigen. Aber dann wird die Zeit, die das kostet, von der Zeit fürs Bücherschreiben abgezogen, oder das Buch wird eiliger geschrieben und deshalb schlechter.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Verlag nimmt der Autorin oder dem Autor das alles ab, und wenn es ein guter Verlag ist, gibt es auch noch eine Lektorin oder einen Lektor, die erstens genau wissen müssen, was die Autorin oder der Autor eigentlich mit ihrem Buch sagen wollen, und dann zweitens während der langen Zeit, in der das Buch geschrieben wird, aufpassen, dass das, was da gesagt werden soll, auch wirklich gesagt wird, dass also keine Fehler passieren, keine Widersprüche und nichts, was das Verständnis unnötig stört – lauter Sachen, die bei langer Arbeit an ein- und derselben Sache schneller vorkommen als bei kleineren Aufgaben, die man alleine überschauen kann.

          Bild: Johannes Thielen

          Das alles – das Fehlerfinden und in Ordnung Bringen, die Gestaltung und Herstellung, die Werbung, der Vertrieb und der Verkauf – ist allerdings nur die ursprüngliche Idee, wie ein Verlag funktionieren soll. Weil die Leute heute aber viele andere Möglichkeiten als nur das Bücherlesen haben, sich die Zeit zu vertreiben oder neue Sachen zu erfahren, vom Fernsehen und Radio übers Internet bis zu Kino, Theater, Konzert und Museum, sind die Verlage ängstlich geworden, dass niemand mehr ihre Bücher kaufen könnte, und haben die Zusammenarbeit ihrer verschiedenen Bestandteile verändert. Die Abteilungen für Werbung und Vermarktung bestimmen jetzt fast alles und fressen die anderen Abteilungen langsam auf, denn viele Chefinnen und Chefs denken, nur die Werbeleute und Vermarktungsprofis wissen, wie man Bücher verkauft.

          Verlage dürfen nicht vergessen, wozu sie da sind

          Weil also zum Beispiel die Lektorinnen und Lektoren dauernd vor den Abteilungen für Werbung und Vermarktung rechtfertigen müssen, was für Bücher sie beim Geschriebenwerden begleiten und wie sie diese Bücher so verbessern, dass sie gelesen werden, haben die Lektorinnen und Lektoren oft keine Zeit mehr, herauszufinden, was die Autorin und der Autor eigentlich sagen wollen. Weil sie ihre Arbeit deshalb nicht mehr richtig machen können, tun sie so, als würden sie arbeiten, damit sie nicht entlassen werden. Sie finden Fehler  nicht mehr, weil ein Fehler ja eine Abweichung von der Absicht der Autorin oder des Autors ist, und man ihn also nur finden kann, wenn man diese Absicht verstanden hat. Statt aber Fehler zu finden, verändern sie Sachen, die gar nicht falsch sind, damit man denkt, sie hätten Fehler gefunden. Wenn zum Beispiel da steht: „Auf der Treppe liegt ein Hund“, dann streichen sie das durch und machen daraus „Ein Hund liegt auf der Treppe“.

          Manche wollen sich dabei dann als Schriftstellerin oder Schriftsteller fühlen, da sie nur Lektorin oder Lektor geworden sind, weil sie sich davor fürchten, nirgends angestellt zu sein und als Schriftstellerin und Schriftsteller zu wenig Geld für Essen, Miete und Kleidung zu verdienen. Von diesen sinnlosen Veränderungen in den Büchern werden viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller verrückt und geben komische Interviews oder schreiben immer schlechtere Bücher. Gleichzeitig machen aber zum Glück die Werbeleute und die Vermarktungsprofis die Verlage, in denen es so zugeht, gründlich kaputt, denn ihre neue Macht über alle anderen Abteilungen macht sie unvorsichtig und dumm.

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          Sie fangen nämlich an, selber zu glauben, dass sie am besten wissen, wie man Bücher macht, und zwar so, dass man schaut, welche Bücher besonders erfolgreich sind, und dann alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller und Lektorinnen und Lektoren dazu zwingt, genau solche Bücher zu schreiben, die dann von der Gestaltung und der Herstellung auch noch so gestaltet und hergestellt werden, dass sie aussehen wie die, die schon von vielen gekauft wurden. Die Leserinnen und Leser sind aber gar nicht so dumm, wie die Werbeleute und die Vermarktungsprofis glauben. Sie haben die erfolgreichen Bücher ja gekauft, weil die etwas Neues waren, und wenn man sie nur nachmacht, ist das nichts Neues und wird also nicht gekauft und nicht gelesen.

          Bald werden alle Verlage, in denen man die Idee vergessen hat, dass Verlage dazu da sind, den Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu helfen, kein Geld mehr haben oder durch große Internet-Paketverkäufer ersetzt werden, bei denen Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre eigenen Bücher selber vermarkten und verkaufen müssen. Diese Bücher sind nicht besonders gut, weil den Schriftstellerinnen und Schriftstellern die Zeit fehlt, sie ordentlich zu schreiben. Gute Bücher wird es aber wahrscheinlich trotzdem noch geben, weil ein paar Verlage die Idee, wozu sie da sind, nicht vergessen und während der Zeit, in der eben das ganze sinnlose Zeug stattfindet, sehr sparsam wirtschaften und ganz sorgfältig mit ihren Büchern umgehen, zusammen mit denen, die sie schreiben. Wenn diese Verlage überleben, wird es danach sogar wieder für eine Weile normal, bevor die nächste ansteckende Dummheit aufkommt.

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          Quelle: FAZ.NET

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