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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir über Kopftücher streiten

Die britische Königin Elizabeth II. Anfang Februar auf dem Bahnhof von King’s Lynn Bild: dpa

Eigentlich darf doch jeder tragen, was er will. Nur bei Kopftüchern gibt es darüber immer wieder Streit – und die Queen darf ihres trotzdem weiterhin tragen. Worüber regen sich denn alle so auf?

          Es gibt eine Reihe von Witzen, da wird eine Frage gestellt an den erfundenen Radiosender Eriwan. Die Frage handelt zum Beispiel von einem russischen Auto: „Kann man mit einem Moskwitsch mit 120 km/h durch eine enge Kurve fahren?“ Die Antwort lautet: „Im Prinzip ja, aber nur einmal.“ Das klingt also nach Ja, heißt aber Nein – wenn man es überleben möchte, wovon doch auszugehen ist.

          So ähnlich klingt das neueste Urteil des Europäischen Gerichtshofes zum Tragen von Kopftüchern bei muslimischen Frauen am Arbeitsplatz. Zwei Frauen hatten geklagt, weil ihre Arbeitgeber wollten, dass sie ohne Kopftuch zur Arbeit kommen. Dürfen sie ihre Kopftücher nun tragen? Urteil: Im Prinzip ja, es sei denn, der Arbeitgeber verbietet es. Dafür muss er zwar generell verbieten, religiöse Zeichen in der Firma zu zeigen, aber das betrifft auf christlicher Seite eigentlich nur die wenigen, die ein Kreuz offen an einer Kette um den Hals tragen. Unter dem Hemd können sie das weiterhin tun.

          Ein Kopftuch kann man allerdings nicht unter den Haaren tragen. Jetzt stehen viele muslimische Frauen also vor der Wahl, entweder ihr Kopftuch abzunehmen, auch wenn sie sich damit sehr unwohl fühlen, ein bisschen so wie andere Leute sich nackt fühlen würden. Oder sie arbeiten nicht. Das bedeutet, dass sie von ihren Familien oder Ehemännern finanziell abhängig sind und selbst später fast keine Rente bekommen. Außerdem kann ein Leben ohne Job ganz schön einsam und traurig machen. Es möchte nämlich jeder gerne Dinge tun, die er gut kann, damit er stolz auf sich sein kann. Diesen Stolz findet man oft in der Arbeit.

          Aber was haben Leute überhaupt gegen das Kopftuch, wo doch manche alten Frauen, zum Beispiel die Königin von England, das eh schon immer tragen – zumindest draußen, wenn auch nie im Haus? Der Unterschied ist, dass sie es aus rein praktischen Gründen tun. Oder weil sie es hübsch finden vielleicht. Das ist erlaubt. Das muslimische Kopftuch hingegen ist ein Symbol. Es zeigt klar: Die Trägerin glaubt an Allah. Bei weitem nicht alle Frauen, die das tun, tragen ein Kopftuch, aber für manche gehört das ganz klar dazu.

          Nun haben wir in Deutschland Religionsfreiheit, das heißt: Man darf sich seine Religion selbst aussuchen. Wir haben außerdem einen Staat, der sich verpflichtet, religiös neutral zu bleiben. Auf den ersten Blick passt das perfekt zusammen. Aber wenn die Muslima mit dem Kopftuch als Lehrerin arbeitet, also im Staatsdienst ist – repräsentiert sie dann nicht den Staat? Und ist das trotzdem okay? Über diese Frage wird jetzt schon seit Jahrzehnten gestritten.

          Bild: Johannes Thielen

          Bei anderen Arbeitgebern ist das mit dem Staat egal, ihnen geht es um andere Gründe. Manche machen sich Sorgen, dass ihre Kunden den Islam im Allgemeinen kritisch sehen und deshalb nicht so gerne etwa von einer Kopftuch tragenden Apothekerin bedient werden wollen. Manche Chefs denken selbst, dass das Kopftuch irgendwas Gefährliches bedeutet, zum Beispiel, dass die Trägerin islamistische Attentate befürwortet. Und dann gibt es natürlich immer Menschen, die jeden verdächtig finden, der sich anders kleidet als sie selbst.

          Immer wieder geht es auch darum, ob das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung der Frau im Islam ist. Tatsächlich tragen nur die Frauen Kopftücher, nicht die Männer, und bei großer Hitze im Sommer haben die Männer es da deutlich besser erwischt. Im Islam gelten nämlich nur die Haare der Frau als verführerisch, deshalb finden manche, man sollte sie besser verstecken. Und es gibt durchaus Männer, die von ihren Frauen und Töchtern verlangen, dass sie das tun. Dabei möchten die das vielleicht gar nicht. Umgekehrt gibt es Muslimas, die gar keinen Mann haben und das Kopftuch selbst wichtig finden.

          Das Problem mit dieser Argumentation ist aber: Jemand findet, Frauen sollten sich nichts vorschreiben lassen, und deshalb schreibt er ihnen was anderes vor. Da kann man lange sagen, dass die Regeln eines Staates durchdachter sind als die Regeln eines Ehemannes – ein komisches Gefühl bleibt trotzdem. Und es wird für die Frauen nicht leichter dadurch: Die deutsche Journalistin Kübra Gümüşay etwa, deren Großeltern aus der Türkei stammen, gehört zu den Muslimas, die immer Kopftuch tragen wollen, auch am Arbeitsplatz. Sie schrieb auf Twitter nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs besorgt: „Die finanzielle Unabhängigkeit ist der mitunter wichtigste Faktor für d Emanzipation eines Menschen. Ohne wird diese ungemein erschwert.“ Weil nämlich zu kurz denkt, wer glaubt, jetzt nehmen alle Muslimas ihre Kopftücher ab und sind mit ihren Männern gleichberechtigt. Es wird Frauen geben, die froh sind über den guten Grund, es nicht mehr zu tragen. Es wird Frauen geben, die von ihren Männern gesagt bekommen, dass sie dann nicht mehr arbeiten gehen sollen. Und es wird Frauen geben, die von selbst kündigen, weil ihr Kopftuch ihnen so wichtig ist.

          Es ist also wirklich kompliziert, und es geht um viele große Dinge: um den Beruf, um Frauenrechte, um Ängste und Vorurteile. Deshalb kann und muss man lange über das Kopftuch diskutieren. Wir können zwar jetzt schon sagen, dass wir ganz sicher keine Regelung finden, die allen gerecht wird. Aber um möglichst nahe dranzukommen – dafür lohnt sich die Diskussion.

          Europäischer Gerichtshof : Arbeitgeber dürfen Kopftuch verbieten

          Quelle: FAZ.NET

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