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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir Lachkrämpfe kriegen

Zwei Mädchen aus Nosy Be in Madagaskar Bild: Picture-Alliance

Manchmal fängt einer an, und dann kriegt man sich überhaupt nicht mehr ein. Aber warum lachen wir Menschen überhaupt? Und warum ist das so ansteckend?

          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war gar nicht so leicht, diesen Text zu schreiben, weil ich immer so lachen musste. Ich wollte eigentlich erklären, wieso man überhaupt Lachkrämpfe bekommt. Und warum Lachkrämpfe glücklich machen, aber irgendwie auch hilflos, weil man dabei ja die Kontrolle verliert und immer und immer nur weiter lachen muss – aber dann habe ich im Internet nach dem Stichwort „Lachkrampf“ gesucht und bei Youtube so viele Beispiele dafür gefunden, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte, sie mir alle anzuschauen: lauter Nachrichtensprecher, die ernst in die Kamera gucken, sich aber verlesen und dann einfach nicht mehr einkriegen!

          Die Sache am Lachen ist ja, dass man immer nur noch mehr lachen muss, je mehr man versucht, es nicht zu tun. Und dass man automatisch mitlachen muss, wenn andere lachen, und wenn diese anderen auch noch so lachen, dass sie gar nicht mehr aufhören können – dann erst recht.

          Einmal, vor fast sechzig Jahren in Afrika, ist daraus eine richtige Epidemie geworden. Das war in Tanganjika, das heute Tansania heißt, und die Geschichte war überhaupt nicht lustig: Drei Schülerinnen einer Mädchenschule in Kashasha am Victoriasee mussten so lachen, dass bald die ganze Schule mitgelacht hat. Es wurde so schlimm und hörte vor allem nicht mehr auf, dass ihre Schule zwei Monate lang geschlossen werden musste. Und weil die Mädchen zuhause dann auch noch andere ansteckten, breiteten sich die Lachkrämpfe in der ganzen Region aus, tausend Menschen sollen am Ende betroffen gewesen sein. Es waren fast nur Schülerinnen und Schüler. Sie mussten so lachen, dass sie keine Luft mehr bekamen und sogar ohnmächtig wurden. Es ging ihnen überhaupt nicht gut dabei.

          Bis heute rätselt man, was damals nur passiert sein könnte. Forscher vermuten, dass es etwas mit der politischen Lage im Land zu tun hatte: Tanganjika war gerade erst ein unabhängiger Staat geworden, es war davor eine sogenannte Kolonie gewesen, regiert von den Briten und ganz viel früher sogar von Deutschen. Aber jetzt waren die Menschen von Tanganjika frei, und viele werden sich gefragt haben, wie es nun weitergeht, ob es auch gut ausgeht. Und wenn Erwachsene angespannt sind, kriegen Kinder das ja genau mit, und diese Anspannung könnte sich dann in krampfhaftes Lachen aufgelöst haben.

          Das kennt man ja selbst. Man lacht ja nicht nur, wenn jemand lustig ausrutscht oder sich verspricht: Lachen kann oft helfen, dicke Luft zu vertreiben. Und man lacht ja oft auch, wenn einem eigentlich zum Weinen zumute ist. „Lachen ist das älteste und natürlichste Mittel gegen die Angst“, sagt der Lachforscher Rainer Stollmann. „Angst heißt ja Enge, und Lachen ist Platzen.“

          Kinder lachen viel, viel häufiger als Erwachsene, haben Forscher herausgefunden.

          Warum aber Menschen überhaupt lachen und was dann im Körper passiert: Das wird intensiv erforscht, das Fachgebiet nennt man „Gelotologie“. Lachen ist aber gar nicht so leicht zu erforschen. Um zum Beispiel Hirnströme beim Lachen messen zu können, müssten die Patienten dafür still liegen – aber habt ihr schon mal versucht, euch beim Lachen nicht zu bewegen? Man sagt ja auch, dass man sich vor Lachen schüttelt. Oder windet. Oder platzt.

          Was man aber weiß: dass Lachen gut für den Körper ist. Weil mehr Sauerstoff ins Gehirn fließt, was es besser funktionieren lässt. Und unser Herz kommt auch gut auf Touren dabei. Oft fühlt man sich ja nach einem Lachkrampf wie nach einem Hundertmeterlauf. Erschöpft, aber total happy.

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          Was man auch weiß: dass Babys im Alter von vier Monaten anfangen zu lachen, und dass Kinder häufiger am Tag lachen als Erwachsene. Sogar viel, viel häufiger: Kinder angeblich vierhundert Mal, Erwachsene fünfzehn Mal. Und man weiß, dass Lachen etwas ist, das man in Gemeinschaft tut: Lächeln kann der erste Schritt zu einer Freundschaft sein. Eine amerikanische Künstlerin hat vor kurzem Lachtränen unter einem Mikroskop enorm vergrößert und fotografiert – und wenn man die mit den Tränen vergleicht, die man weint, weil man traurig ist oder Zwiebeln schneidet, sehen diese Lachtränen ganz anders aus: wie eine Meereslandschaft von oben.

          Seit wann die Menschen lachen, wird auch noch untersucht. Und warum, vor allem. Es könnte so gewesen sein, dass unsere Vorfahren vor Millionen Jahren ihre Kinder gekitzelt haben, damit die nicht mehr so anhänglich sind. Damit sie selbständig werden und in die Welt hinausgehen. Eine schöne, aber auch lustige Vorstellung, oder? Dass eine Mama ihrem Kind nicht mehr die Brust geben wollte und es stattdessen durchgekitzelt hat – und dass so, mit Lachen, der erste Schritt zum Großwerden begann.

          Aber es gibt auch eine ganz einfache Erklärung, warum wir lachen, bis wir nicht mehr können: Weil es Spaß macht.

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