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Veröffentlicht: 17.02.2017, 12:03 Uhr

Wie erkläre ich’s meinem Kind? Warum Erwachsene eklige Sachen essen und trinken

Kaviar, Bitterschokolade, Austern und ganz scharfe Chili: Manche Menschen lieben das. Dabei ist Schokoladeneis doch viel besser! Was ist da los?

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© Picture-Alliance Superteuer, eiskalt, schleimig und salzig: Für viele Menschen sind Austern trotzdem das Größte.

Kein Mensch mag Bier. Das stimmt natürlich nicht: Sehr, sehr viele Menschen mögen Bier, aber sie müssen sich das erst beibringen im Laufe der Zeit. Kein Mensch mag den ersten Schluck Bier seines oder ihres Lebens. Es dauert, bis man es mag. Und mache Menschen gewöhnen sich nie daran. Warum sollte man das auch? Das ist doch komisch, warum sollte man sich an etwas gewöhnen, was bitter schmeckt und Blasen im Bauch macht, wenn Cola oder Kakao viel besser schmecken?

Tobias Rüther Folgen:

Die Antwort ist: Es geht da um die Wirkung. Wenn man sich fragt, warum Erwachsene Sachen essen oder trinken, die eigentlich nicht schmecken, dann geht es eigentlich meistens um die Wirkung.

Und die Wirkung vom Bier ist: Man wird fröhlicher. Zum Beispiel. Also: Wenn es gut läuft. Dann redet man lustiges Zeug – oder jedenfalls Zeug, was andere Leute lustig finden, die auch Bier getrunken haben. Und irgendwann wird man müde und noch etwas später, nach sehr, sehr vielen Bieren, auch dicker: Das ist eine Wirkung, die Biertrinker nicht mögen, aber gern in Kauf nehmen, weil ihnen Bier so schmeckt, wegen der anderen Wirkung.

Es gibt natürlich auch Erwachsene, die kein Bier mögen, die essen dann vielleicht Austern gern. Austern sind Muscheln, schleimige Bewohner des Meeres, wonach sie auch schmecken, irgendwie salzig und nach Wellen, aber vor allem eben schleimig. Man muss sie eiskalt essen mit Zitronensaft, wie direkt aus der Gefriertruhe, und dann sind sie auch noch echt teuer, weswegen man überhaupt nicht versteht, warum sich manche Leute extra fein anziehen und ins Restaurant gehen oder an die Austern-Bar, die gibt es oft in feinen Kaufhäusern, um dieses eiskalte Zeug in sich hineinzuschlürfen, als bräuchten sie einen Schlabberlatz.

Warum also Austern? Die Antwort ist, man ahnt es schon: natürlich die Wirkung.

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Denn Austern sind, wie gesagt, teuer, und alles, was teuer ist und sich nicht alle Menschen leisten können, wollen sich natürlich alle Menschen leisten. Man nennt das auch: eine Statusfrage. Deswegen essen die Menschen dann schleimige Austern – oder Kaviar, der ist noch teurer und kommt vor allem aus Russland und man isst ihn auch kalt: kleine schwarze und auch irgendwie schleimige Perlen, wie Mohnkuchenmasse, die in ein Rollmopsglas gefallen ist.

Kaviar sind Fischeier, vom Stör, und bestimmt gibt es Leute, die kleine, schwarze, irgendwie schleimige Perlen viel lieber essen als Schokoladeneis, aber auch da geht es halt meistens doch wieder nur um die Wirkung. Ist halt teuer. Kann sich nicht jeder leisten. Muss deswegen gut sein. Statusfrage.

Die Wahrheit beim Essen ist nämlich: Wir Menschen essen, weil es uns schmeckt, weil es uns satt macht und wärmt und uns gut tut – wir essen aber auch gern mit anderen, in Gesellschaft, und da fängt dann das mit der Wirkung an: Weil sich Erwachsene zum Beispiel in Restaurants setzen, um einerseits mal richtig gut zu essen, aber auch, um dabei gesehen zu werden – wie sie zum Beispiel Austern schlürfen oder Kaviar löffeln. Erwachsene tun viele Dinge in ihrem Leben, weil sie gern möchten, dass andere Menschen sie dabei sehen und bewundern oder beneiden oder krass finden. Und das funktioniert ziemlich gut mit teurem Essen.

Kolumnenbild /  Wie erkläre ich es meinem Kind © Johannes Thielen Vergrößern

Es geht aber auch mit nicht so teurem Essen, das dann zum Beispiel total scharf ist. Es gibt Wettbewerbe, wer die schärfste Currywurst der Welt essen kann, die dann so scharf ist, dass man gar nicht mehr weiß, ob sie jetzt gut oder schlecht schmeckt, sondern sich nur noch fragt, ob sie überhaupt nach irgendwas schmeckt: Weil der Mund nach einem Bissen in Flammen steht und die Schärfe aus allen Poren dampft. Auch hier wieder, was sonst: geht's um die Wirkung. Wer so was freiwillig isst, hat am Ende gewonnen. Ist der beste. Krasser Typ. Und wer wollte das nicht sein? Kinder machen Mutproben, um das herauszufinden. Erwachsene essen rotglühende Chilischoten, bis es ihnen aus den Ohren raucht.

Oder sie essen ganz, ganz dunkle Schokolade. Mit 95 Prozent Kakaoanteil. Überhaupt nicht süß. Man nennt sie Bitterschokolade, und zwar nicht, weil es echt bitter ist, dass Erwachsene so eine Schokolade essen müssen und nicht eine schöne süße Tafel Alpenmilch oder Nougat – sondern weil diese Schokolade eben bitter ist, also das Gegenteil von süß. Manche Menschen, auch da geht es wieder um die Wirkung, machen wirklich richtig gern genau das Gegenteil von dem, was die meisten anderen Menschen tun, weil sie es dann besonders macht. Aus der Masse heraushebt.

Erwachsene essen und trinken aber auch Ingwer. Der ist scharf und hat auch wieder eine Wirkung, aber diesmal eine heilende, er hilft gegen Erkältungen, und weil Erwachsene, wenn sie es raus haben, auf ihre Gesundheit achten, essen sie Ingwer oder trinken ihn als Tee. An Ingwer kann man sich auch gewöhnen, weil Schärfe nichts ist, was man schmeckt, sondern vielmehr spürt: Es wird wärmer im Magen, man wird wacher und heller im Kopf. Und hell im Kopf, und wer wollte das nicht sein?

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