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Väter und ihre Arbeit : Hallo? Papa? Bist du eigentlich da?

Hat die Notbremse gezogen: Christof Fischoeder mit seinen Töchtern Emmi, Freda und Lilli im heimischen Wohnzimmer. Bild: Andreas Müller

Wenn Väter zu viel arbeiten, leiden die Kinder. Diese Vermutung haben Wissenschaftler beweisen können. Aus diesem Teufelskreis gibt es aber einen Ausweg.

          Christof Fischoeder hat eine Frau und drei Töchter. Außerdem hat er zwölf Jahre lang jede Woche sechzig Stunden gearbeitet. Und ein bis zwei Tage in der Woche war er außerdem auf Dienstreisen. Man muss sich Christof Fischoeder in dieser Zeit aber nicht als unglücklichen Mann vorstellen. „Man wächst da so rein, man nimmt die Situation nicht als was total Absurdes wahr, und wenn ich meine Kinder gesehen habe, habe ich mich dafür ja umso mehr bemüht, mental total präsent zu sein“, erinnert er sich. Fischoeder war Berliner Standortleiter einer international operierenden PR-Agentur. „Das wurde einfach erwartet, dass ich da auch nach Feierabend noch zur Verfügung stand.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das alles führte dazu, dass er die Kinder unter der Woche kaum sah, und wenn er es doch mal zum Abendessen nach Hause schaffte, dann klingelte meist irgendwann sein Handy und er musste noch mit Kunden sprechen oder E-Mails schreiben. Wenn die Kinder sich über irgendwas gefreut hatten, zum Beispiel bei einem Sportevent, dann erfuhr er das nur aus ihren Erzählungen.

          Sven Hecker erging es ganz ähnlich wie Fischoeder. Hecker war Inhaber einer Kommunikationsagentur mit 25 Mitarbeitern, viel auf Reisen und beruflich so eingespannt, dass er selbst dann meist mit den Gedanken bei der Arbeit war, wenn er mal zu Hause war. Seine Kinder waren damals, vor drei Jahren, drei und neun Jahre alt, und wenn er heute an diese Zeit zurückdenkt, dann ist ihm klar, dass er sich damals „der Realität der Kinder nicht gestellt“ hat: „Ich habe die meisten Sachen nur zur Kenntnis genommen, war emotional nicht bei der Sache und war auch nicht empathisch.“

          Ab und zu habe seine Frau ihn zwar gefragt: „Hallo? Bist du eigentlich da?“ Und dann habe er Schuldgefühle gehabt und gedacht, dass er womöglich viele Dinge, zum Beispiel in Bezug auf seine Kinder, verpasse. Aber so richtig bewusst sei ihm die meiste Zeit nicht gewesen, was er da tat, erinnert er sich. Er habe einfach nur funktioniert und in seiner wenigen Freizeit nicht im Moment gelebt.

          Emotional nicht bei der Familie

          Dass eine solche starke berufliche Belastung der Väter den Kindern schadet, das haben zwei Soziologen vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nun erstmals anhand der Auswertung deutscher Pendlerdaten nachgewiesen. Laut Jianghong Li und Matthias Pollmann-Schult ist die Wahrscheinlichkeit, dass fünf oder sechs Jahre alte Kinder Probleme mit Gleichaltrigen haben, statistisch signifikant erhöht, wenn ihr Vater jeden Tag zur Arbeit pendelt und dabei pro Wegstrecke mehr als 40 Kilometer zurücklegt. Ihre Erklärung: Pendelnde Väter können weniger Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen, weil sie seltener zu Hause sind. Und die Zeit, die sie dann mit ihren Kindern zusammen sind, ist dann meist keine quality time, weil sie schlichtweg zu erschöpft sind, um noch angemessen auf deren Bedürfnisse einzugehen.

          Je weiter die Wegstrecke ist, die der Vater jeden Tag zurücklegen muss, umso deutlicher treten diese Probleme nach den Untersuchungen der beiden Soziologen zutage; bei einer Wegstrecke von mehr als 60 Kilometern pro Weg ist der Effekt am größten. Was bei der repräsentativen Studie noch herauskam: Pendelt der Vater im Wochenrhythmus, haben seine Kinder häufiger emotionale Probleme, sind öfter traurig, weinen öfter und haben größere Ängste als Kinder, deren Väter das nicht tun. Außerdem wiesen die Forscher nach, dass diese Väter die durch ihr Pendeln entstandenen Probleme nicht kompensieren konnten, etwa durch ihr erhöhtes Einkommen, ihre eigene Bildung oder ihren beruflichen Status.

          Werner Wicki, Professor für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Luzern, hat dafür eine Erklärung: „Pendelnde Väter sind nicht nur zeitlich, sondern vielleicht auch emotional weniger verfügbar, weil Pendeln zumindest teilweise mit Stress verbunden ist.“ Außerdem könnten zu Hause weniger präsente Väter ihre Frauen weniger entlasten und daher in der Kindererziehung weniger ablösen. Es bleibe mehr und manchmal eben auch zu viel an den Müttern hängen, wodurch sich die Qualität von deren Interaktion mit den Kindern verschlechtere, weil sie überlastet seien: „Wenig verfügbare Väter sind auch für ihre Partnerinnen weniger verfügbar, was einen negativen Effekt auf die Partnerschaftsqualität haben kann.“ Und das könne auf die Beziehung der Eltern zu den Kindern durchschlagen.

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