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Ikea-Beziehungskrisen : Schuld war nur der neue Ivar

Ich oder Mjölvik! Beim gemeinsamen Möbelkauf geht es oft nicht nur um Tisch und Stuhl, sondern um den großen Lebensentwurf. Bild: Hannes Jung

Der gemeinsame Ikea-Besuch gehört zu den schlimmsten Beziehungsfallen, in die Paare tappen können. Aber warum ist das so? Endlich haben Psychologen eine Erklärung.

          Gut, dass es amerikanische Wissenschaftler gibt. Die erklären uns immer wieder die wunderbarsten Phänomene des Alltags. Aktuell haben sich amerikanische Psychologen des schwierigen Themenkomplexes „Ikea und Beziehung“ angenommen und suchen nach einer Antwort auf die Frage, warum sich Paare dort immer streiten – oder sich zumindest in einem angespannten Zustand befinden, der sich auch beim gemeinsamen Aufbau von Klingsbo und Vittjö nicht wesentlich bessert.

          Die Psychologin Dr. Ramani Durvasula sagte dem Wall Street Journal: „Dieser Laden wird zu einer Landkarte der Beziehungsalbträume“. In ihrer Praxis saßen derart oft Paare, die sich bei einem Ikea-Besuch zerstritten hatten, dass sie anfing, sich für das Phänomen der Ikea-Krise zu interessieren. Bei einem Besuch des Möbelhauses identifizierte sie die Möbelthemenbereiche als Trigger für damit zusammenhängende Beziehungsminenfelder.

          Kooperation angesichts widerspenstiger Schrauben

          Jeder Bereich eines Ikea-Hauses ist voller Fallen. Wohnzimmer: Wie um Himmels Willen kann man dieses Sofa mögen? Küche: Ja, du trocknest ja auch nie ab. Aufbewahrungslösungen: Deinen Krempel im Keller könnte man ja auch mal aussortieren. Schlafzimmer: Hier sollen wir Sex haben? Haben wir überhaupt noch Sex? Kinderzimmer: Eisiges Schweigen. Schauraum für Schauraum reißt man sich gegenseitig immer tiefer in die Abgründe und vielbemängelten – oder noch schlimmer: die unausgesprochenen – Defizite der Gemeinsamkeit herab.

          Ausgehend von Durvasulas Theorien befragte der „Atlantic“ weitere Fachkräfte wie Familientherapeuten und Verhaltensforscher. Denn hat man das Möbelhaus endlich mit einem Karton verlassen, ist das Gröbste noch lange nicht überstanden, nun beginnt der Aufbau. In dieser Extremsituation zeigt sich, wie gut ein Paar unter schwierigen Bedingungen (sperrige Bretter, widerspenstige Schrauben, doofes Werkzeug, alles schief) kooperiert. Üblicherweise, sagt der Psychologe Scott Stanley, übernimmt einer der Partner die Führung. Wenn das von beiden so akzeptiert ist, ist alles in Ordnung. Ansonsten beginnt ein unschöner Machtkampf ums Hereinreden, Besserwissen und „dann mach du doch!“ – „Obwohl wir alle wissen“, so Stanley, „dass wir in der Regel mit konstruktivem Feedback besser fahren, mag das niemand wirklich.“

          Gibt man dem anderen die Schuld?

          Wenn es halbwegs gut läuft, ist es schon schlimm genug. Richtig gefährlich wird es allerdings, wenn die Klingsbo- und Vittsjö-Bausätze einfach kein sinnvolles Möbel bilden wollen. An komplexen Aufgaben gescheiterte und dementsprechend frustrierte Menschen finden deutlich weniger liebe Worte für ihre Partner als erfolgreiche, so hatte Gary Lewandowsky von der Universität Monmouth bereits in einer Studie herausgefunden. Und auch möbelaufbauinduzierte Frustration ist valide Frustration, die sich auf die Beziehung auswirken kann, indem sie positive Gefühle für den anderen unterdrückt. Es braucht dann einiges an Verständnis, den fluchenden Partner wieder zu besänftigen und in seinem Selbstbewusstsein zu stärken.

          Ist Klöfta endlich gekauft, geht der Ärger erst richtig los.
          Ist Klöfta endlich gekauft, geht der Ärger erst richtig los. : Bild: Reuters

          Dan Ariely, Professor für Psychologie und Verhaltensökonomie, bringt einen weiteren wichtigen Faktor ein: „Die Frage ist: Versteht man, dass Dinge einfach so schiefgehen können, oder tendiert man dazu, dem anderen die Schuld zu geben?“ Wer wissen will, ob sein Partner zu ihm passe, sollte am besten zusammen Kanufahren gehen. „Genauso ist es aber mit den Ikea-Möbeln. Manchmal passiert Unvorhergesehenes. Teile fehlen. Man baut etwas falsch zusammen. Die Frage ist nun: Wie sehr gibt man dem anderen die Schuld dafür?“ Gründe für die eigenen Fehler seien ja immer äußere Faktoren – nur wenn andere etwas falsch machten, seien sie selbst Schuld.

          Mit dem Hirn eines Neandertalers

          Dieses Verhalten wird dadurch bestärkt, dass man bereits den größeren Teil des Tages in einem überfüllten Möbelhaus verbracht hat, das einem zeigt, wie unpraktisch und falsch man selbst eingerichtet ist. Das zehrt am Selbstwertgefühl. Wer dann noch den ersten Streit mit dem Partner hinter sich bringt, dessen Hirn ist auf Kampf- und Fluchtreflexe geschaltet und für höhere Vernunft kaum noch empfänglich. Spätestens beim heimischen Möbelaufbau hat man das Reflexionslevel eines Neandertalers erreicht.

          Die schlechte Nachricht: Einen Ausweg aus dem Dilemma gibt es leider kaum. Entweder, man bemüht sich darum, sich sein eigenes Verhalten ständig bewusst zu machen, man zahlt einen Aufbauservice – oder man gibt sich beim nächsten Mal gleich im Bällebad ab.

          Quelle: FAZ.NET

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