http://www.faz.net/-gqz-94cyu

Fidget Spinner : Die Spielzeug-Blase

Völlig durchgedreht Bild: dpa

Nischenprodukt, Verkaufsschlager, Ladenhüter: Die Fidget Spinner haben eine sensationelle Turbokarriere hinter sich. So mancher Spielwarenhändler rätselt noch immer über das Phänomen.

          Es dreht sich – aber wofür sollte das Ding sonst noch nützlich sein? Spielwarenhändler, die sich zu lange mit dieser Frage aufhielten, hatten im Fidget-Spinner-Boom des Frühsommers das Nachsehen. Die Kreisel, zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten, sorgten in diesem Jahr für eine so schnell emporschnellende Nachfrage, wie es die Branche selten erlebt hat. Mittlerweile sind die Fidget Spinner beinahe Ladenhüter, Händler, die zu spät und dann zu viele orderten, haben noch Vorräte. Der Trend verschwand so schnell wie ein Sommerhit aus den Musikprogrammen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Schnelldreher“ werden im Handel Produkte genannt, die schon verkauft werden, kurz nachdem sie ins Regal gestellt wurden. Die Fidget-Spinner waren regelrechte Turbo-Dreher – allerdings nur für kurze Zeit. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre wurde die Spielwarenbranche von einem Trend überrascht. Zuvor hatten die „Loom Bands“ – grell bunte Kunststoffbändchen – unerwartet eine vorübergehende Renaissance der Handarbeit und des Flechtens in Kinderzimmern ausgelöst. Doch es gibt einen Unterschied zwischen den bunten Bändern und den Drehdingern: „Während der Loom-Trend neun Monate brauchte, um die Welt zu erobern, waren es bei den Fidget-Spinnern nur vier Wochen“, berichtet Eurotoys-Marktforscher Joachim Stempfle.

          So viel Tempo ist selten in der Spielwarenbranche, in der das Marktgeschehen sonst einigermaßen überschaubar ist. Zwar wird nicht alles, was zu Jahresbeginn prominent auf der Nürnberger Spielwarenmesse zu sehen ist, zum Verkaufsschlager. Aber alles, was Monate später Kinderherzen höher schlagen lässt, ist in der Regel auf der Messe ausführlich von Fachleuten zu bestaunen. Die Fidget Spinner lagen im Messegewusel hingegen in einer Nische – geschadet hat es ihnen nicht. Bis Ende Oktober wurden in Deutschland 9,5 Millionen Euro für die Drehdinger ausgegeben. Stückpreis: selten mehr als 5 Euro. Nur Premium-Varianten mit LED-Licht oder Strass-Steinchenbesatz kosteten bis zu 30 Euro. 1,9 Millionen Spinner gingen über die Ladentheken.

          Schneller Aufstieg und Fall

          Aus Stempfles Zahlen lässt sich ablesen, wie schnell die Spinner zum großen Dreher wurden. Ihre Popularität begann Anfang April in den Vereinigten Staaten, vier Wochen später zeigte sich in deutschen Statistiken die erste Nachfrage. Zu Pfingsten wurden dann im deutschen Handel bereits 1,6 Millionen Euro für Fidget Spinner ausgegeben – nicht insgesamt, sondern innerhalb einer Woche. Ende Juli war der Wochenumsatz wieder auf ein Viertel des Spitzenwerts zusammengeschnurrt. „So schnell der Trend groß geworden ist, so schnell ist er auch wieder vorbei“, fasst Stempfle zusammen.

          Dabei waren die Kreisel nicht neu: Erfunden hat sie eine Amerikanerin in den neunziger Jahren. 2005 lief ihr Patent aus, 2017 wurden die Drehdinger zum Verkaufshit. Um die Kreisel rankte sich die Geschichte, dass sie hyperaktive Kinder beruhigen, Rauchern den Abschied von der Zigarette erleichtern, kurzum für Entspannung sorgen. Lehrer berichteten eher von Kindern, die mehr mit Kreiseln als mit dem Unterricht beschäftigt waren.

          Auch Spielwarenhändlern bereiteten die drehenden Dinger eher Stress. Diejenigen, die den Trend nicht rechtzeitig erkannten, hatten Schwierigkeiten, auf die Schnelle Ware zu bekommen. Die Nachbestellwelle führte zu eigentümlichen Auswüchsen. Am Frankfurter Flughafen beschlagnahmte der Zoll Kartons mit einem Gewicht von 35 Tonnen – voll mit Fidget Spinnern. Es dürften Hunderttausende aus asiatischer Billigfertigung gewesen sein. Allen fehlte das für einen Verkauf in der EU vorgeschriebene Siegel. Schnelltests ergaben, dass die Lieferung Sicherheitsstandards nicht genügte. Als reguläre Kreisel nachgeliefert wurden, war es für manchen Verkäufer zu spät, um mit dem Trendartikel noch ein Geschäft zu machen. Da hatte sich das Marktgeschehen schon weiter gedreht.

          Weitere Themen

          Der Milliardär vom Hinterhof

          Gründergeschichten : Der Milliardär vom Hinterhof

          Hakan Koç, Sohn türkischer Einwanderer, verkauft mehr Gebrauchtwagen als jeder andere in Europa. Um gegen die Konkurrenz vorzugehen, verbündet sich Koç mit Großkonzernen in der Finanzbranche. So gehen Gründergeschichten in Deutschland.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Der Moment der Wahrheit naht

          Beim EU-Gipfel in Brüssel sind sich die Teilnehmer einig: Eine Einigung für den anstehenden Brexit zu erzielen, wird immer schwerer. Und neue Kritik an der britischen Premierministerin gibt es auch.
          Mit oder ohne Krawatte: Amtsinhaber Bouffier mit Herausforderer Schäfer-Gümbel

          TV-Duell in Hessen : Und plötzlich eine Schicksalswahl

          Der Zusammenhalt der Koalition, die Zukunft der SPD: Nach der Bayern-Wahl geht es in Hessen um mehr als nur den neuen Landtag: Beim TV-Duell wird deutlich, wie schwer die Klötze an den Füßen der beiden Spitzenkandidaten sind.

          Anschlag auf der Krim : „Ich liebe Dich, meine Sonne“

          Eine mit Metallteilen gefüllte Bombe geht in einer Berufsschule im Osten der Krim hoch. Dutzende Schüler werden verletzt. Zunächst wird wegen Terror ermittelt – doch die Tat war wohl nicht politisch motiviert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.