http://www.faz.net/-gqz-930xj

Familientreffen : Boah, sind wir viele!

Wenn Großfamilien nach vielen Jahren wieder zusammenkommen, kann es für Historiker spannend werden. Bild: Andreas Gries

Großeltern, Cousins und Neffen: In unruhigen Patchwork-Zeiten sind Familientreffen eine schöne Sache. Denn das Zurück-zu-den-Wurzeln kann viel Freude bereiten.

          Die Idee wurde auf einer Beerdigung in Aachen geboren. Die Familie hatte sich lange nicht gesehen. Schade eigentlich. Das ließe sich ändern. Wäre doch schön, wenn wir uns alle mal zu einem fröhlichen Anlass wiedersehen könnten! Die Rede ist weder von einer Hochzeit noch von einer Taufe, wo Brautpaar oder Säugling im Mittelpunkt stehen, die Rede ist von einem Begegnungsfest für alle, also einem Familientreffen. Wer sich bei der Frage nach der Organisation nicht schnell genug wegduckt, den trifft es. Das ist in diesem konkreten Fall Arno van den Boom. Der Vertriebsdirektor einer Versicherung hat mit tatkräftiger Unterstützung anderer nach Jahrzehnten wieder ein Familientreffen in der Nordeifel organisiert. Rund 80 Familienmitglieder trafen sich im Saal Stollenwerk im Dorf Steckenborn. Ein Zweig war von Windpocken gebeutelt und musste absagen. Alt und Jung aus nah und fern schwelgten in Erinnerungen, erfreuten sich am Wiedersehen oder überhaupt erst Kennenlernen. Kamera drauf, und ein launiger Heimatfilm hoch über dem Rursee wäre im Kasten. Mehr Klischee geht nicht. Mittendrin die glücklichen Familien. Und alle, wirklich alle, fanden und finden das gut. Wer sich für so viel Nähe nicht erwärmen konnte oder wollte, der blieb fern. Auch in Ordnung.

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Sechs Geschwister lebten einst auf dem schönen Fachwerkhof gleich gegenüber der Kirche des Dorfes. Inzwischen sind die drei Jungen und drei Mädchen von damals gestorben, fast alle hochbetagt nach dem, was in Nachrufen „erfülltes Leben“ genannt wird. Jetzt vernetzen sich die Nachfahren. An dem bewegten Abend im September wurde das jüngste Familienmitglied vorgestellt und vom stolzen Papa ein bisschen wie eine Trophäe in die Höhe gereckt: ein 18 Tage altes Mädchen.

          Ältere Semester freuen sich über Zusammenkunft

          Das wiederum entzückt wider Erwarten nicht nur die älteren Semester, also die Söhne und Töchter der sechs Steckenborner Geschwister, sondern die Enkel und Urenkel. Die finden es toll, einmal nicht die Kleinsten zu sein, sagt der neunjährige Münchener voller Nachdruck. Nicht nur ihm gibt es ein warmes Gefühl im Bauch, Teil eines großen Ganzen zu sein. Besonders die Handvoll Einzelkinder unter den Gästen finden es wundersam, sich plötzlich in einer Art Clan wiederzufinden. Dieses Zurück-zu-den-Wurzeln mutet – je nach Lebensalter – vorgestrig an. Aber in Zeiten auseinanderbrechender Partnerschaften und kräftezehrender Patchwork-Konstellationen kann eine Rückbesinnung auf die Ursprungsfamilie trösten. Auch wenn das Teenager nur zeitverzögert erkennen.

          Immer vorausgesetzt, ein wichtiger Punkt wird nicht ignoriert: Ein launiges Familientreffen ist nicht der Ort und Anlass, die große, gehässige Generalabrechnung einzuläuten und familiäre Dramen zu inszenieren. Das mag eine Steilvorlage für Drehbuchautoren sein: Beim Familientreffen donnern die schwarzen Schafe, die Erbschleicher, die zweibeinigen Trennungsgründe aufeinander, und ein hochexplosives Figurenkabinett spielt sich aneinander ran. Da geigt der Loser dem angepassten Streberbruder endlich mal vor versammelter Mannschaft so richtig die Meinung. Da ist die Hochleistungshorrorshow eröffnet, die da lautet: „meine Villa, mein Porsche, meine Gattin, meine Supersöhne“ gegen deine verkrachte Aussteigerexistenz. Dieses Schaulaufen verbietet sich von selbst, sonst wird das einer der unschönsten Tage im Leben.

          Was auch klar sein sollte: Wer nach Zwist auf große Momente der Versöhnung oder Aussprache hofft, der ist an einem solchen Tag ebenso eine Fehlbesetzung. Das geht nur in kleinerem Rahmen. Wenn überhaupt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch.

          Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

          Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?
          Der amerikanische Präsident Donald Trump und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Bethlehem

          Naher Osten : Palästinenser drohen Amerikanern mit Gesprächsabbruch

          Der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Palästinensern eskaliert. In Washington muss die Mission der Palästinenserorganisation PLO schließen. Palästinenserpräsident Abbas warnt vor „gefährlichen Konsequenzen für den Friedensprozess“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.