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Fahrradfahren als Kind : Wer zuerst bremst, hat verloren

Easy Radler: Für Kinder ist das Fahrrad eine Verlockung. Bild: Picture-Alliance

Am ersten eigenen Rad hängen die schönsten Kindheitserinnerungen der Unabhängigkeit. Und am ersten Rad des eigenen Kindes die Ängste heutiger Eltern.

          In der Erinnerung hat die Szene längst unglaubwürdige Züge angenommen, sie ist zu einem Standbild erstarrt und zeigt den Jungen auf dem Fahrrad im Licht eines Novembernachmittags. Den graubraunen Steg hat er gerade hinter sich gelassen, er schwebt über dem See, gleich wird er hineinplatschen. Waghalsig wie James Dean beim Hasenfußrennen in „. . . denn sie wissen nicht, was sie tun“, entschlossen wie Elliott aus „E.T.“, als er den armen Außerirdischen auf seinem BMX-Rad rettet. Dabei hatten wir damals, Ende der siebziger Jahre, beide Filme gar nicht sehen können, den einen, weil wir dafür noch zu klein waren, den anderen, weil es ihn noch gar nicht gab. Es gab einen Plattenweg an der Badestelle des Dörfchens, in dem wir aufwuchsen. Er führte die Liegewiese hinab geradewegs auf einen Steg, und ausgerechnet, wenn das Wasser schon richtig kalt war und der Holzsteg einigermaßen glatt, kamen wir auf die Idee, mit den Rädern die Wiese hinabzujagen: Wer zuletzt bremst, gewinnt.

          Ich weiß nicht mehr, ob der Junge, der in meiner Erinnerung so majestätisch über dem Wasser schwebt, überhaupt gebremst hat. Aber ich weiß noch, mit welcher Begeisterung wir den tropfnassen Gewinner nach Hause begleitet haben, voller Anerkennung und voller Neugier, wie sein Vater das Rad wohl wieder aus dem See bekommen würde.

          So war es ganz bestimmt

          Daran, dass es Ärger geben könnte, haben wir keinen Gedanken verschwendet. Wir waren eine kleine Kinderhorde, höchstens zwei, drei Jahre auseinander, das Dorf, die Felder und Wälder, der See waren unser Spielplatz. Und das Fahrrad war unsere Freiheit: Auf den Rädern preschten wir vom einen Ende des Dorfs zum anderen, raus zu den zwei, drei Bauernhöfen, die einzeln lagen, raus an den Waldrand, vor dem die Eltern eines Freundes einen Schrottplatz betrieben. In den Autowracks spielten wir Verfolgungsjagden, setzten uns danach auf unsere Räder und spielten einfach weiter.

          Wenn ich an die Sommer meiner Kindheit zurückdenke, sehe ich die Freunde mit braungebrannten Rücken und hochgereckten Armen beim Wettkampf im Freihändigfahren, sehe ich Bierdeckel in den Speichen, sehe ich ein Bonanza-Rad im Staub der Schotterpiste liegen. Das Hinterrad dreht sich noch, als sei jemand in voller Fahrt einfach abgesprungen. Dabei hatte nur der ältere Bruder des einen Freundes ein solches Rad. Der Freund durfte es manchmal ausleihen und musste es pfleglich behandeln.

          So musste es ja kommen

          Jetzt ist mein Sohn so alt, wie ich damals war. Mehr als dreißig Jahre liegen zwischen uns, er wächst in der Großstadt auf, in einem Viertel ohne Fahrradwege, in einer Welt mit Helmpflicht, wenigstens für Kinder. Den ersten Unfall hatte er mit zwei Jahren auf dem Laufrad. Ich war gerade mit einer Spielplatzbekanntschaft in ein Gespräch über die Vorzüge des Laufradfahrens vertieft, schwärmte von der Selbstverständlichkeit, mit der die Kleinen sich auf diesen Gefährten bewegten, und von der Leichtigkeit, mit der sie dann später einmal auf ein Rad mit Pedalen wechseln würden. Und sah nur aus den Augenwinkeln, wie sich das Lenkrad verdrehte und das Rad des Jungen halb nach vorne, halb seitlich wegkippte. Zu seiner großen Empörung. Den zweiten Unfall, Jahre nach dem ersten, hörte ich nur.

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