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Arbeit eines Kinderpsychiaters : Was für Kinder möchten wir haben?

Der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort im Gespräch mit einem jungen Patienten. Am Empfangstresen ist eine kleine Treppe installiert, damit junge Patienten auf Augenhöhe mit den Ärzten sprechen können. Bild: Lucas Wahl

Auch Kinder können an Burnout, Depression und Phobien leiden. Michael Schulte-Markwort sieht sich jeden Tag kleinen Patienten gegenüber, die über Erschöpfung klagen. Einblicke in die Arbeit eines Kinderpsychiaters.

          Die Tage, an denen Michael Schulte-Markwort einen weißen Kittel trägt, sind selten. Es sind Tage, an denen sich der Kinderpsychiater ganz bewusst für den Griff zum Garderobenständer vor seinem Sprechzimmer entscheidet, an dem sein Kittel für gewöhnlich hängt.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesen Tagen wird ihm irgendwie alles zu eng, dann gehen ihm die Kinderschicksale besonders nahe. In solchen Momenten braucht er den langen weißen Stoff mit Knopfleiste genau dafür, wofür er ihn sonst so verachtet: für die Distanz zu seinen kleinen Patienten. Der weiße Kittel - den gerade Psychiater oft ablegen - ist dann für ein paar Stunden zugleich Schutzweste und Tarnanzug für ihn. Das aber wird Schulte-Markwort erst viel später an diesem Tag erzählen, und dann wird man sich denken: Das passt zu ihm.

          Donnerstagmorgen, Viertel nach acht, Hamburg ist mit einer dünnen Schneeschicht überzogen. Es ist kalt an diesem Februartag. Schulte-Markwort hat seine dunkle Daunenjacke an den Haken neben den weißen Kittel gehängt. Er trägt Jeans, polierte Lederschuhe, Hemd, Schlips und Jackett. Um neun Uhr beginnt wie jeden Donnerstag seine Sprechstunde als Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Altonaer Kinderkrankenhaus.

          Besuche in den Schulen der Patienten

          Sein erster Patient ist der neunjährige Emil*, der unter ADHS leidet, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Mit seiner zappligen Art macht er in der Schule die Lehrer verrückt, mit seinen Wutanfällen zu Hause Eltern und Geschwister. Freunde zu finden und sich sozial zu integrieren fällt Emil schwer. Den Jungen mit dem dunkelroten Wuschelkopf kennt Schulte-Markwort schon länger; heute soll besprochen werden, welche weitere Behandlung sinnvoll ist.

          Emil hat Schulte-Markwort sein Halbjahreszeugnis mitgebracht, es kann sich sehen lassen. Viele Zweier. Emils Mutter glaubt, dass das auch an Schulte-Markworts Besuch in der Schule liegt. Je nach Möglichkeit macht der Kinderpsychiater sich die Mühe und fährt zu den Lehrern seiner kleinen Patienten. Er erklärt ihnen, was mit den Kindern los ist und was sie brauchen, und er beantragt persönlich einen Nachteilsausgleich, wenn das Kind aufgrund seiner Erkrankung Schwierigkeiten hat, Buchstaben zu erkennen oder Zahlen zu addieren. Zu oft hat er erlebt, dass der Ausgleich erst mit Nachdruck berücksichtigt wurde.

          Überforderte Lehrer geben den Druck weiter

          Nicht nur das ärgert ihn an den Schulen; kommt das Thema auf sie, fängt die sonst eher sanfte Stimme des Mediziners leicht an zu beben. In den Augen von Schulte-Markwort funktioniert das System Schule in unserem Land nicht mehr. Überforderte Lehrer gäben Druck und Schuld an Misserfolgen an die Schüler weiter. Ein sinnstiftender Dialog zwischen Lehrern, Schülern und Eltern fehle. Schulte-Markwort ist davon überzeugt, dass steigende Leistungsansprüche und fehlerhafte Strukturen in der Schule mitverantwortlich sind für viele psychische Erkrankungen bei Kindern, unter anderem für die Diagnose Burnout.

          Über sie hat er ein Buch geschrieben, das nun in den Buchhandlungen steht. „Burn-out-Kids“ klingt nach einem zeitgenössischen Titel, mit dem bei Helikopter-Eltern und Sorgen-Muttis die Angst geweckt und Geld verdient werden kann. Schulte-Markwort ist sich bewusst, dass solche Vorwürfe kommen können. Es sei sein erstes populärwissenschaftliches Buch - und die Angst sei da, damit in die Reihe der Panikmacher eingeordnet zu werden, ganz besonders von seinen wissenschaftlichen Kollegen.

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