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Veröffentlicht: 20.04.2015, 11:27 Uhr

Gespräch zu Patchwork-Familien Plötzlich liegt da wieder jemand mit im Bett

Die Hälfte aller Patchwork-Familien bricht wieder auseinander. Warum? Und wie kann man es besser machen? Claudia Starke und Thomas Hess haben ein Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch.

von
© Picture-Alliance Alles so schön bunt hier, aber einfach ist Patchwork sicher nicht: Kinderfüße auf einer Decke im Gras.

Ein Name, der an Handarbeit erinnert, und ein allgemeines Bild, das in seiner Unbekümmertheit vielleicht zu optimistisch ist: Haben wir gemeinhin eine falsche Vorstellung von Patchwork-Familien?

Fridtjof Küchemann Folgen:

Claudia Starke: Patchwork klingt so schön bunt und hübsch zusammengewürfelt, wie in der Idealvorstellung von Familie, nur eben ein bisschen größer, ein bisschen lustiger. Das ist der größte Fehler, den man machen kann: zu denken, Patchwork ist eine bessere Auflage oder die Neuauflage einer Kernfamilie. Dabei ist eine Patchwork-Familie wirklich etwas anderes. Es kann lustig und bunt zugehen, aber wir sehen natürlich gerade in unserer Praxis auch das Gegenteil.

Glauben Sie, dass der Entschluss, es als Patchwork-Familie zu versuchen, mitunter zu leichtfertig getroffen wird?

33832604 © privat Vergrößern Claudia Starke ist Ärztin und Psychotherapeutin in München und Zürich.

C.S.: Vor allem zu schnell. Man ist wieder verliebt, und die Sehnsucht nach Familie, nach Geborgenheit, nach Zusammensein treibt die Frischverliebten zum Zusammenzug. Sie sehen oft nur die positiven Aspekte: Es ist praktisch, man sieht sich immer, man muss nicht so großartig organisieren. Und sie denken: wir zwei lieben uns, und wenn wir uns lieben, dann reicht das, dann werden sich die anderen ja wohl auch lieben.

Am Anfang ist wirklich oft ein Entlastungseffekt bei den Kindern zu merken: Die sind froh, dass Mama wieder lächelt, der neue Partner bemüht sich und macht tolle Sachen. Oder der Papa ist nicht mehr so traurig und hat eine nette Freundin. Die Kinder springen oft recht rasch auf den neuen Partner an, weil sie froh sind über das Neue, Lustige und Fröhliche. Aber wenn sie zusammenziehen, dann geht es natürlich ans Eingemachte. Dann kommt der Alltag, und die Kinder merken, hier muss ich die Liebe teilen, jetzt verliere ich vielleicht die Mutter oder den Vater, jetzt liegt da plötzlich jemand im Bett, wo ich immer nachts kommen konnte zum Kuscheln. Dann wird getestet. Und die Gretchenfrage gestellt: Wen hast du lieber, Papa, deine Neue oder mich?

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Patchwork-Versuch gelingen kann?

C.S.: Versuch ist ein gutes Stichwort: Es wäre günstig, man würde es vorher mal versuchen, sich schon einmal im Alltag miteinander zu erleben. Man kann natürlich nicht für zwei Monate eine Wohnung miteinander suchen und dann wieder ausziehen, wenn es nicht klappt, aber zumindest einen längeren Urlaub, damit man auch die Nicht-Schokoladenseiten aneinander kennenlernt, die Rituale in der anderen Familie, die Ecken und Macken.

33832603 © privat Vergrößern Thomas Hess ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und arbeitet zusammen mit Claudia Starke in einer systemischen Praxisgemeinschaft am Zürichsee.

Thomas Hess: Wir raten den Leuten, wenn sie zusammenziehen, dass sie nicht alle Brücken hinter sich abreißen. Dass sie vielleicht eine gemeinsame Wohnung beziehen, aber der Partner, der einzieht, nicht sofort seine Wohnung kündigt, damit eine Rückzugsmöglichkeit noch vorhanden ist. Er kann sich dann noch retten in seine Wohnung, und notfalls kann das Paar wieder zurückschalten auf das System mit den zwei Wohnungen, und die Partnerschaft könnte weitergehen. Es ist nicht so selten, dass die Partnerschaft dann aufrecht erhalten wird, auch wenn Patchwork nicht geht, weil plötzlich deutlich wird, dass die ganzen Erziehungshintergründe der Kinder – vor allem, wenn von beiden Seiten Kinder kommen – gar nicht zueinander passen. Dann kann man sagen: Wir lieben uns weiterhin, aber wir leben in zwei verschiedenen Wohnungen. Bei Fünfjährigen ist das noch nicht so ein Thema. Aber wenn die Kinder schon Richtung Pubertät gehen, ist ein Zusammenführen zweier Familienteile oft ein zu großer Schritt und eine Überforderung aller Beteiligten.

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