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„Paddington 2“ im Kino : Bärige Barmherzigkeit

Struppige Herzen, trockenes Brot, das Leben im Knast ist Mühsal und Not: Paddington (links) erklärt Knuckles McGinty (Brendan Gleeson) die Lage. Bild: Studio Canal

Die Abenteuer eines Bären von großem Verstand: Wer an einem kalten Novemberwochenende mit der ganzen Familie ins Kino möchte, der sollte sich in „Paddington 2“ wagen.

          Als der kleine Wuschel dem großen Schläger beigebracht hat, wie man sich auf der Welt nützlich macht, statt anderen immer nur Böses zu tun, krümeln dem Riesen zum vermutlich allerersten Mal im Leben ein paar zaghafte Worte der Selbstüberprüfung aus dem breiten Maul: „Ich hab ein eigenartiges warmes Kribbeln in meinem Bäuchlein.“ Sein Benimmlehrer, ein kluger, sprechender Bär namens Paddington, erklärt’s ihm: „Ich glaube, das nennt sich Stolz.“ Der Schwererziehbare erwidert: „Ich mag es nicht.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der zweite Teil der 2014 begonnenen und vermutlich noch lange nicht beendeten Filmreihe, die sich von den rund hundertfünfzig Kinderbüchern des Engländers Michael Bond über einen konfitüresüchtigen Pelzschelm mit rotem Hut und blauem Mäntelchen inspirieren lässt, vermeidet, wie sich in solchen Dialogen zeigt, genauso klug wie der erste Teil selbst an seinen moralisch zerbrechlichsten Stellen wohlfeilen Empathieschleim, auch wenn da durchaus Mitgefühl gelehrt und demonstriert wird. Anstatt Widersprüchliches an seinen Figuren wegzustreicheln, nimmt der Film diese Figuren ernst, die deshalb zwar dazulernen dürfen, aber immer nur ein bisschen, meist gerade genug, dass die Welt nicht untergeht – genau wie du, ich und all die andern „gehfähigen Verwundeten“ (Kurt Vonnegut) im wirklichen Leben.

          „Flüsse aus Marmelade und die Straßen mit Brot gepflastert“

          „Paddington 2“ handelt von Friseurkunstfehlern, Antiquariatspreistreiberei, Hundegalopp, Falschbeschuldigung, einem Justizskandal, Resozialisierung und sogar topaktuellen politischen Problemen wie Familiennachzug (sehr gerne würde Paddingtons peruanische Tante wenigstens einmal im Leben London sehen, hat ihr Gatte ihr doch davon erzählt, dort wären die „Flüsse aus Marmelade und die Straßen mit Brot gepflastert“).

          Obwohl der erste Film bereits eine Helden-Herkunftserzählung anbot, erfährt man noch Neues über Paddington selbst, nämlich dass seine beiden Erzieher ihn aus dem Strom gefischt haben wie seinerzeit Pharaos Tochter den kleinen Moses. Er war also gewissermaßen schon daheim irgendwie heimatlos, eine Metapher, die dem unaufdringlich gegenwärtigen interkulturell-migrationsbedingten Subtext dieser Filme so etwas wie eine Grundmoral injiziert: Ein Zuhause gibt es nicht als Fertiggeborgenheit, das müssen Leute und Bären schon sich selbst und einander einrichten.

          Filmisch hat der Regisseur Paul King abermals das Kindliche dem Kindischen vorgezogen und nutzt etwa die Computertechnik nicht für den faden Überwältigungs-Illusionismus, der heute so viele ideenarme und lästig zappelige Produktionen gerade für Kinder zusätzlich verhässlicht, sondern animiert damit zum Beispiel ein Aufklappbuch; allein schon für diese beiläufige Humanisierung des Trickhandwerks sollte man ihn dankbar hinter den Ohren kraulen. Ein sanfter Schimmer von Nostalgie liegt über der ganzen Veranstaltung, aber kein rückschrittlicher – für den alten Krempel, den King ganz offensichtlich liebt, findet er durchweg progressive und emanzipatorische Verwendungszwecke, etwa wie die Tochter der Familie Brown im Film eine alte Druckerpresse entdeckt und sofort eine Zeitung gründet, selbstbewussterweise „ohne Jungs“ und von Anfang an im Kampf gegen Falschmeldungen.

          Der Eigensinn der Figuren, ihre unterschiedliche Herkunft, ihr ungleichmäßiger Zugang zu Ausbildung oder Marmelade bilden zusammen ein Thema, das der Film seinem jüngeren Publikum nicht aufdrängt, aber auch nicht verschweigt; eine schwierige, staunenswert leicht geglückte Leistung, an der auch das fabelhafte Schauspielensemble Anteil hat: Hugh Grant zernagt Shakespeare-Sätze und mampft Hundefutter, Brendan Gleeson stampft durch die Knastküche wie ein haariger Knüppel, und Sally Hawkins im Mollipulli ist die schönste Mutter der tollsten Familie der Welt. Prädikat: Weihnachtsplätzchen.

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