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Kritik an Schulsportwettkampf : Sind Bundesjugendspiele wirklich eine Zumutung?

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Vierhundertmeterlauf der Mädchen bei Bundesjugendspielen in Aachen Bild: Picture-Alliance

Sport ist nicht das Lieblingsfach aller Schüler, und der offene Wettkampf ist manchen verhasst. Eine Online-Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele findet regen Zuspruch. Dabei haben sie durchaus ihre Berechtigung.

          Ist es schlecht für das Selbstbewusstsein von Kindern, wenn sie bei den Bundesjugendspielen langsamer rennen und kürzer springen als andere? Die Mutter eines wenig sportlichen Drittklässlers findet: Ja. Ihr Sohn kam mittags weinend vom Sportplatz nach Hause. Sie twitterte ihre Abneigung gegen die Spiele. Denn auch sie selbst hatte demütigende Erinnerungen daran. In einer Online-Petition fordert sie von Bundesfamilienministerin Schwesig die Abschaffung des Wettkampfs. Damit traf sie eine Nerv: Binnen zwei Tagen schlossen sich mehr als 16.000 Unterstützer an.

          Tatsächlich sind die Bundesjugendspiele Pflicht, seit 1951. Jede allgemeinbildende Schule muss sie ausrichten. So wollen es die Kultusminister der Länder. Aber natürlich können Eltern gnädig eine Entschuldigung schreiben. Oberstufenschüler müssen gar nicht mehr mitmachen. An die Unsportlichen unter den Schülern haben die Kultusminister auch gedacht: Seit 1991 gibt es Teilnahme-Urkunden für alle, die keine Sieger- oder Ehrenurkunde ergattern konnten. Aber da unterschätzen sie die Kinder: Die wissen sehr genau, dass dieses Blatt nur der Trostpreis ist. Das sehen sie schon an den Unterschriften: Die aufgedruckte Signatur des Bundespräsidenten ziert die Ehrenurkunden. Unter den Sieger- und Teilnahme-Urkunden stehen die Namen der Kuratoriumsmitglieder: Familienministerin Schwesig, die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Kurth und der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes Hörmann. Welches Kind kennt die schon? Wenn es Manuel Neuer oder Fabian Hambüchen wären! Fünf Millionen Urkunden werden jedes Jahr verschickt. Das lässt sich das Familienministerium 200.000 Euro kosten. Wie viele Schüler welche Urkunde bekommen, weiß keiner – die Daten werden nicht zentral erfasst.

          Ausgleichende Gerechtigkeit

          Kritik an den Spielen gab es auch schon früher. Daraufhin wurden 2009 Vielseitigkeitswettbewerbe eingeführt. Dabei sollen die Kinder zum Beispiel möglichst exakt drei Minuten lang laufen („Zeitschätzlauf“) oder genau auf einen markierten Punkt in der Sandgrube springen („Zielsprung“). Das soll weniger stigmatisierend für die schlechteren Sportler sein. Doch das funktioniert nicht: Kinder wissen sehr genau, wer schnell und ausdauernd ist und wer lieber gemächlich unterwegs ist. Und auch für die Vielseitigkeitswettbewerbe gibt es eine Wertung, sogar mit festgelegten Quoten: Die besten 20 Prozent bekommen eine Ehrenurkunde; die folgenden 50 Prozent eine Siegerurkunde; dem letzten Drittel wird die Teilnahme bescheinigt. Ob das den Unsportlichen mehr Spaß macht, muss man bezweifeln.

          Dass Sport nicht Jedermanns Lieblingsfach ist, ist nicht weiter schlimm. Sich einen ganzen Vormittag lang an der frischen Luft zu bewegen, ist trotzdem gesund. Und kurzweiliger als normaler Unterricht ist es allemal. Vielleicht entwickelt manches Kind ja auch Ehrgeiz, geht mit den Eltern auf den Sportplatz und fängt an zu trainieren. Vielleicht sogar im Verein. Das Kräftemessen gehört zum Sport wie die grüne Soße zur Kartoffel. Da hilft auch pädagogische Verbrämung nicht. Auch später im Leben wird es in bestimmten Situationen Sieger und Verlierer geben. So ist es nun einmal. Eine Niederlage mit Anstand wegzustecken ist eine wertvolle Erfahrung. Außerdem muss nicht jeder alles können – und irgendetwas kann schließlich jeder.

          Schneller, höher, weiter: Weitsprung bei den Bundesjugendspielen an einer Frankfurter Grundschule

          Natürlich macht es mehr Spaß, Erfolg zu haben als umgekehrt. Aber zum einen sind auf der Tartanbahn meist ja die Schüler gut, die nicht auch in Mathe oder Englisch glänzen. Das ist  ausgleichende Gerechtigkeit. Und zum anderen ist der Wettbewerb auch Ansporn, sich mehr zu bewegen. Denn die Anforderungen sind durchaus ernstzunehmen. Für eine Siegerurkunde im Leichtathletik-Wettkampf zum Beispiel muss ein zwölf Jahre altes Mädchen 50 Meter in 9,4 Sekunden laufen, 2,65 Meter weit springen und den 80 Gramm-Ball 18 Meter weit werfen. Das ist nicht ohne.

          Sportlich betätigen müssen sich übrigens auch die Schulsekretärinnen, wenn auch ohne Stoppuhr: Auf der Internetseite, auf der sie die Urkunden bestellen, ist in warnendem Ton vermerkt: „Lieferung nur bis zur Bordsteinkante“.

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