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Computerspiele und Intelligenz : Ein Quentchen Hirnsubstanz

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Im kalifornischen Anheim waren Spieler die Experten. Sie konnten hier Anfang November die Neuerungen der Blizzard-Entwickler testen. Bild: AFP

Machen Computerspiele dumm, lethargisch und aggressiv? Oder trainieren sie Aufmerksamkeit und Intelligenz? Eine klare Antwort fällt schwer.

          Wem League of Legends nichts sagt, der ist vermutlich über dreißig und hat auch sonst nicht viel mit Computerspielen der neueren Generation am Hut. Dabei spielen weltweit rund 100 Millionen Menschen regelmäßig „LoL“, wie es unter Kennern heißt, und in diesem Moment lassen gerade rund sieben Millionen ihre Avatare im Fantasy-Look aufeinander los. Das Spiel, in dem normalerweise zwei Teams mit je fünf Mitgliedern gegeneinander antreten, wird sogar als professioneller E-Sport mit einer jährlichen Weltmeisterschaft vor großem Publikum gespielt. Den Gewinnern, die auffällig oft aus Südkorea stammen, winken Preisgelder in Millionenhöhe.

          Dabei ist LoL nur eines unter vielen. Auch Spiele wie Starcraft, Defense of the Ancients oder das wegen seines Suchtpotentials verrufene World of Warcraft gehören in die Kategorie der Multiplayer Online Battle Arenas (MOBAs). Schaut man sich eines der vielen Einführungsvideos im Internet an, wird schnell klar: Mit stupidem Daddeln hat das wenig zu tun. Die Regeln sind komplex und um gegen die – von Mitspielern gesteuerten – Gegner zu gewinnen, ist strategisches Denken nötig. Nichts für Doofe also.

          „Stellen Sie sich LoL als Team-Schach im Zeitraffer mit Hunderten mutierten Spielfiguren vor“, sagt Alex Wade, Psychologe an der Universität York in Nordengland. Ob und wie Spielerfolge mit Intelligenz zusammenhängen, hat Wade zusammen mit Gaming-Forschern seiner Universität untersucht. Für die kürzlich in „Plos One“ veröffentlichte Studie haben 56 Wettkampfspieler einen gängigen Intelligenztest ausgefüllt: „Es zeigte sich eine deutliche Korrelation. LoL-Spieler mit hohen Plätzen in der Rangliste schnitten auch im Test für fluide Intelligenz, also beim Lösen von Problemen, besser ab.“ Die Frage, ob die Spieler durch die Stunden vor dem Bildschirm klüger wurden oder ob es intelligentere Spieler in der Liga weiterbringen, lässt sich aus solchen Korrelationsdaten allerdings nicht beantworten. „Wir tippen auf Letzteres“, sagt Wade, „denn der IQ lässt sich erfahrungsgemäß durch Training nur geringfügig verbessern.“

          Die Forschung bestätigt so manchen positiven Effekt

          Computerspiele, von der Handy-Daddelei über gewalttätige Ballerschlachten bis hin zu den MOBAs, sind längst ein gängiger Zeitvertreib für große Teile der Industriegesellschaften. Die damit erzielten Umsätze lassen jene der Film- oder Musikbranche weit hinter sich. Auch die Forschung darüber floriert und bringt jährlich Hunderte von Studien hervor. Schließlich will man wissen, ob Hirn und Verhalten von diesem Massenphänomen positiv oder negativ beeinflusst werden.

          Die Ergebnisse laufen entgegen der verbreiteten Meinung meist darauf hinaus, dass Computerspiele die dabei beanspruchten Hirnfunktionen verbessern. Besonders profitiert die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gezielt auf relevante Sinneseindrücke zu lenken und konkurrierende Wahrnehmungen auszublenden. Das zeigt sich etwa in der sogenannten Stroop-Aufgabe, bei der man die Schriftfarbe kurz nacheinander präsentierter Wörter benennen soll. Handelt es sich dabei um anders getönte Farbbegriffe, „blau“ zum Beispiel in Rot, steigen Reaktionszeit und Fehlerquote. Wer sich aber regelmäßig mit action-reichen Computerspielen die Zeit vertreibt, der kommt damit deutlich besser zurecht. Funktionelle Hirnscan-Aufnahmen bestätigen, dass mit konkurrierenden Sinneseindrücken effizienter umgegangen wird.

          Trainingseffekte zeigten sich auch beim räumlichen Vorstellungsvermögen oder in der kognitiven Kontrolle, die jemanden leichter zwischen zwei Aufgaben hin und her wechseln lässt. „Menschen, die oft Action-Computerspiele spielen, sind in solchen Aufgaben sehr gut. Sie wechseln schnell und ohne großen Aufwand“, sagt Daphne Bavelier, die an der Universität Genf seit vielen Jahren untersucht, wie solche Spiele die Hirnfunktionen beeinflussen. Um Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten, wurden auch schon Probanden getestet, die zuvor nicht spielten – mit ähnlichem Effekt.

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