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Literatur in der Schule : Warum Klassiker?

Bild: Illustration Simon Schwartz

Noch immer lesen Schüler im Unterricht den „Faust“ - ein zweihundert Jahre altes Stück, das sie ohne Hilfe nicht mehr verstehen. Warum sich Schüler mit Literaturklassikern schwertun. Und sie trotzdem lesen sollten.

          Die Schüler, die im Unterricht Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ behandelt hatten, maulten so ausgiebig über die Lektüre, dass ihr Lehrer ihnen riet, den Ärger in den Suhrkamp Verlag zu tragen. Dort erscheinen Hesses Werke seit mehr als sechzig Jahren, „Unterm Rad“ auch in einer speziellen Ausgabe, die sich an Schüler und Studenten richtet - mit Erläuterungen zu einzelnen Begriffen und mit einem zusätzlichen Kommentar. Doch den Neuntklässlern war das nicht genug: Mit der Geschichte aus dem Jahr 1906 vom unglücklichen Schüler Hans Giebenrath konnten sie zwar etwas anfangen, schrieben sie dem Verlag, aber muss denn der Satzbau so kompliziert sein? Warum sind dort Worte, die man nicht auf Anhieb versteht? Warum greift der Verlag nicht in den Text ein und macht ihn leichter lesbar?

          Die Forderung mag seltsam erscheinen, ungewöhnlich ist sie nicht. Und es gibt seit langem Verlage, die diesen Wunsch nach dem barrierefreien Buch auch erfüllen. Sie bearbeiten Texte, gern auch Klassiker, sie eliminieren schwierige Wörter, machen aus einem langen Satz zwei kurze, streichen umständliche Beschreibungen und bringen die Bücher dann derart verschlankt auf den Markt und in die Schule. Welche Veränderungen genau vorgenommen wurden, bleibt intransparent. Dass aber bearbeitet wurde, ist nicht selten sogar ein Verkaufsargument: als Verheißung, eine schwierige Sache werde hier zugänglicher gemacht, der Abstand zwischen dem Werk und dem Rezipienten werde verringert. Wenn auch auf Kosten des Werks.

          Mundgerechte Klassik

          Das ist keine ganz neue Erscheinung. So nennt es Arno Schmidt 1963 in einem Aufsatz „eine Naivität - korrekter: eine Frechheit! - von der Kunst zu verlangen, sie habe sich, per fas et nefas, dem Nie=wo des anzupassen; umgekehrt ist es: der Einzelne, der Große Kunst verstehend genießen will, hat sich gefälligst zu ihr hin zu bemühen!“ Das war schon zur Entstehungszeit dieses Textes ein frommer Wunsch und würde heutigen Schülern wahrscheinlich allenfalls ein Kichern entlocken. Denn besonders im Bereich der Literatur für junge Leser geht seit jeher im Zweifel Verständlichkeit vor Werktreue, so dass Klassiker immer neu adaptiert werden müssen, um in den Horizont der jeweils nachwachsenden Generation zu passen. Das betrifft besonders Texte, die im Fremdsprachenunterricht eingesetzt werden und etwa den Wortschatz und den Umfang von Dickens-Romanen wie „David Copperfield“ für deutsche Schüler deutlich reduzieren. Und jüngst legte etwa der Mönchengladbacher Hahnraths Verlag eine Bearbeitung von Schillers „Wilhelm Tell“ vor, als Teil einer Schulbuchreihe, die Literaturklassiker für Förderschüler aufbereitet. Tatsächlich lässt sich so der Inhalt des Dramas leicht rezipieren, eine Fülle von Sacherläuterungen helfen dem Verständnis enorm. Nur von Schillers Blankversen bleibt nicht viel übrig.

          Es gibt noch einen zweiten Beweggrund, in den Text von Klassikern einzugreifen, wenn sich die Ausgaben an Kinder und Jugendliche richten. Er wurzelt im Weltanschaulichen und zielt auf Sachverhalte oder einzelne Ausdrücke, mit denen man die jungen Leser nicht konfrontieren möchte. So gab etwa Anfang 2013 der Stuttgarter Thienemann Verlag bekannt, Otfried Preußlers Kinderbuch-Klassiker „Die kleine Hexe“ von 1957 nur noch in einer bearbeiteten Fassung zu publizieren, in der das dort ursprünglich verwendete Wort „Negerlein“ fehlt. Und auch in den „Pippi Langstrumpf“-Ausgaben des Hamburger Oetinger-Verlags wurde nach dem Tod der Verfasserin Astrid Lindgren aus dem „Negerkönig“ ein „Südseekönig“. Das Wort „Neger“, so wurde dieser Schritt begründet, hätte heute eine pejorative Bedeutung, die von den beiden Verfassern nicht intendiert gewesen sei.

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