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Studie zur Geburtenrate : Deshalb bekommen die Deutschen so wenig Kinder

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Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat untersucht, warum so viele junge Menschen in Deutschland keine Familien gründen. Ein entscheidender Grund: ein unerreichbarer Perfektionsanspruch.

          Warum bleibt seit dem Pillenknick die Zahl der Neugeborenen in Deutschland hinter der der Verstorbenen zurück? Warum werden im statistischen Mittel kaum mehr als 1,4 Kinder pro Frau geboren? Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat darauf Antworten gesucht, die über die klassischen Erklärungsansätze der Familienpolitiker - Geld, Zeit, Infrastruktur - hinausgehen. Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, sieht kulturelle Leitbilder als bestimmend dafür, ob ein Paar eine Familie gründet und wie viele Kinder es sich wünscht. Das Institut befragte im zweiten Halbjahr 2012 für seine Studie zu den Familienleitbildern der Deutschen 5000 Menschen im Alter von 20 bis 39 Jahren zu ihren Vorstellungen zu Partnerschaft, Familiengründung und Elternrollen; im Jahr 2014 folgte die Befragung über ihre Ansichten zur Kinderbetreuung. Die Ergebnisse werden auf dem Berliner Demographieforum an diesem Donnerstag erstmals präsentiert.

          Das erfreuliche Ergebnis zuerst: Es gehört nach wie vor für die große Mehrheit der jungen Erwachsenen zu den zentralen Lebenszielen, Kinder zu haben. Nur knapp zehn Prozent wollen kinderlos bleiben. Als gewünschte ideale Familiengröße geben die meisten zwei Kinder an; immerhin ein Viertel der Befragten wünscht sich drei oder mehr Kinder. Diesen Wunsch auch zu verwirklichen, gelingt nur 15 Prozent der Familien. Auch verzichten viele - entgegen ursprünglicher Absichten - ganz auf Kinder: Von den Frauen der Geburtsjahrgänge 1970 bis 1980 nehmen die Forscher an, dass 22 Prozent kinderlos bleiben werden. Bei den Akademikerinnen der Jahrgänge 1969 bis 1973 sind es gar 30 Prozent.

          Die Studie erhellt manche der Gründe hierfür. Die Geburt eines Kindes ist für viele an sehr hohe Bedingungen geknüpft. Denn die überwiegende Mehrheit der Befragten sieht als Voraussetzungen, dass eine solide Partnerschaft bestehen muss und auch die materiellen Grundlagen geschaffen sein sollen. Beide Eltern sollten ihrer Ansicht nach ihre Ausbildung abgeschlossen haben (69 Prozent). Mindestens ein Partner sollte sich beruflich bereits etabliert haben (67 Prozent). Die Zahl der Kinder, die ein Paar sich wünscht, fällt dabei umso niedriger aus, je höher die Ansprüche der Erwachsenen an die ökonomischen Voraussetzungen sind. Das Leitbild der „materiell gesicherten Elternschaft“, wie es die Forscher nennen, tritt so in Konkurrenz zur Selbstverständlichkeit des Kinderhabens. Das führt dazu, dass Kinder tendenziell später zur Welt kommen, als sich dies die Partner ursprünglich wünschten.

          Das Alter, das für die Geburt des ersten Kindes als ideal angesehen wird, und das Alter, in dem es tatsächlich zur Welt kommt, klaffen auseinander. Die Befragten gaben an, im Durchschnitt mit 27 Jahren eine Familie gründen zu wollen. Tatsächlich waren die Frauen dann im Jahr 2012 im Schnitt 29,2 Jahre alt. Sehr frühe und sehr späte Geburten wurden von den Befragten kaum akzeptiert. Zusammen mit dem Wunsch nach materieller Absicherung verengt sich so der Zeitkorridor für die Geburt von Kindern auf wenige Jahre. Das wiederum macht das Aufziehen einer größeren Zahl von Kindern unwahrscheinlich.

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          Individuell wird Kinderreichtum gleichwohl als positiv und bereichernd wahrgenommen. 72 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, es sei wundervoll, viele Kinder zu haben. 70 Prozent von ihnen waren aber der Meinung, dass die Mehrheit der Bevölkerung anders denke und Kinderreichtum für „asozial“ halte.

          Hoch sind auch die ideellen Ansprüche, die junge Erwachsene an sich in ihrer Rolle als Eltern stellen. So besaßen nur zehn Prozent die Gelassenheit zu sagen, dass „Kinder sowieso groß werden“ und man sich keine allzu großen Gedanken machen müsse. Jeder Dritte hingegen meinte, „Eltern sollten ihre eigenen Bedürfnisse für ihre Kinder komplett zurückstellen“ - eine Haltung, die Elternschaft zu einer anstrengenden Angelegenheit macht. 84 Prozent offenbarten eine große Unsicherheit; sie meinten, man könne „bei der Erziehung vieles falsch machen, daher muss man sich gut informieren“.

          Konkurrierende Leitbilder tragen gerade Frauen in sich: Sie haben ein Rollenbild verinnerlicht, zu dem die eigene Berufstätigkeit gehört - zugleich sind sie ambitionierte Mütter, die ihr Kind optimal fördern und immer für es da sein wollen. So meinen in Westdeutschland zum Beispiel 32 Prozent der Befragten, dass ein Kind unter drei Jahren nicht in eine Kita gehört. Mit Elterngeld und Betreuungsausbau lassen sich solche Dilemmata nicht lösen. Die Forscher raten dazu, allzu hohe Erwartungen an Eltern zu senken. Dazu könne auch die Politik beitragen, indem sie Leitbilder nicht bewusst verstärke.

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