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ADHS und andere Defizite : Kinder werden oft vorschnell zum Therapeuten geschickt

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Dann steht er halt mal Kopf: Die Diagnose ADHS schadet manchmal mehr, als sie hilft. Bild: Picture-Alliance

Eltern sollten mehr Selbstvertrauen haben, sich gegen vorschnelle Therapien für ihre Kinder zu wehren, findet der Düsseldorfer Kinder- und Jugendarzt Michael Hauch: „Sie kennen ihre Kinder am Besten.“

          Lauras Mutter macht sich große Sorgen um ihre Tochter: Die Kleine geht in die erste Klasse der Grundschule. Und der Lehrerin ist aufgefallen, dass Laura nicht mit der Schere umgehen kann. „Außerdem ist sie verträumt und passt im Unterricht nicht auf“, so heißt es. Wahrscheinlich habe sie ADS, eine Aufmerksamkeitsstörung, vermutet die Lehrerin.

          Als die stark beunruhigte Mutter das Lauras Kinderarzt Michael Hauch erzählt, ist der „einigermaßen fassungslos“: Er soll Laura eine Therapie verschreiben, weil Laura manchmal lustlos ist und Papierfiguren nicht penibel ausschneidet? Maßlos übertrieben findet er das. Und hat jetzt sogar ein ganzes Buch über das Thema geschrieben. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen übertriebene Therapiefreudigkeit geworden.

          Vertrauen ins Kind nimmt ab

          „Eltern sind heute extrem verunsichert“, sagt Hauch. „Sie haben kein Vertrauen mehr in ihre eigene erzieherische Kompetenz und kein Vertrauen mehr in ihr Kind. Dafür aber große Angst, dass das Kind es später nicht zum Abitur schafft und dass dann sein ganzes Leben verpfuscht ist.“ Von allen Seiten werde auf Eltern eingewirkt, von Erziehern, Lehrern, Freunden, Bekannten und durch das Internet: „Bloß nichts verpassen, rechtzeitig eingreifen, das kann doch nicht schaden.“ Mit der Lupe werde da schon von der Geburt der Kinder an nach „Entwicklungsverzögerungen“ und „Defiziten“ gesucht, bedauert der Arzt.

          Früher seien Eltern nicht so unter Druck gesetzt worden. Zu Beginn seiner Praxiszeit als Kinderarzt vor mehr als zwanzig Jahren habe er vor allem körperliche Krankheiten behandelt: „Damals vertrauten Erzieher, Lehrer, Eltern und auch Ärzte darauf, dass jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo hat.“

          Das Problem liegt im System, nicht im Kind

          Mittlerweile erhielten 20 bis 25 Prozent aller Jungen bis zu ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal die Diagnose, an ADHS zu leiden, einer Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität. „Das halte ich für sehr bedenklich“, sagt Hauch. Auch der psychologische Psychotherapeut Dietmar Lucas aus Berlin sagt: „Es hat einen massiven Anstieg an ADHS-Diagnosen gegeben.“ Grund sei, dass Eltern heute schneller intervenieren, sagt der Psychologe.

          Immer dann, wenn Kinder in der Schule auffällig würden, indem sie etwa einfach mal im Unterricht aufstünden, ein Schwätzchen hielten oder nicht aufpassten, komme sehr schnell der Verdacht auf, dass da ADHS vorliege, so Lucas. Das Schulsystem sei für kleine Kinder einfach nicht geeignet: „Da sollen Sechsjährige 45 Minuten lang still sitzen und zuhören. Und das nicht nur eine, sondern fünf bis sechs Schulstunden hintereinander“, kritisiert Lucas.

          Vorherrschendes Defizitdenken

          Unruhige oder auffällige Kinder habe es schon immer gegeben, sagt Henri Viquerat vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Und selbstverständlich gebe es Kinder, die eine Therapie nötig hätten, stellt der Experte klar, der in einem sozialpädiatrischen Zentrum arbeitet. „Aber die Gesellschaft hat Kindern gegenüber weniger Toleranz als früher.“ Viquerat kritisiert, dass es oft zu schnell zu einer Diagnosestellung und zu schnell zu einer Verabreichung von Medikamenten komme.

          Wenn Hauch in seiner Praxis von besorgten Eltern um eine Therapieverordnung gebeten wird, ruft er die Erzieherin oder Lehrerin an und hört sich zunächst die Klagen an. „Und dann frage ich: Was kann er denn gut? Wo können wir ihn abholen, wo können wir ihn unterstützen?“ Bei vielen herrsche ein „Defizitdenken“ vor, nur wenige sagten von sich aus einmal, wo die Stärken des betreffenden Kindes lägen.

          Eltern ruft er zu mehr Selbstbewusstsein auf: „Eltern kennen ihr Kind am besten und am längsten. Sie haben 90 Prozent der Erziehungsarbeit zu leisten. Sie sollten ihre Kinder unterstützen, indem sie ihnen vertrauen und ihnen die Zeit geben, sich zu entwickeln.“ Mit seinem Buch „Kindheit ist keine Krankheit“ will Hauch eine gesellschaftliche Diskussion anregen: „Wollen wir alle gleichgeschaltete Roboter? Oder dürfen sich Kinder auch mal die Zeit nehmen, um erst später durchzustarten?“

          Michael Hauch: Kindheit ist keine Krankheit. Wie wir Kinder nur mit Tests und Therapien zu Patienten machen. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2015, 14,99 Euro

          Quelle: epd

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