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Helikopter-Eltern : Lasst uns in Ruhe!

Stopp! Wenn Eltern sich keine Grenzen setzen, müssen es die Kinder tun. Bild: Frank Röth

Eltern mischen sich so viel wie nie zuvor in das Leben ihrer Kinder ein. Am Ende sind die Kleinen wie eine Pflanze, die überdüngt wurde: kraftlos.

          Wenn Eltern von ihrer Kindheit erzählen, wird es meistens romantisch. Sie schwärmen von nicht enden wollenden Nachmittagen, an denen sie mit ihren Freunden durch die Straßen zogen, herumalberten, Klingelmännchen spielten und Zigarettenkippen sammelten. Sie träumen von der Zeit, als sie in ihren Zimmern abhingen, an die Decke starrten, ihren Barbie-Puppen die Haare abschnitten und Löcher in die Tapete bohrten. Sie schwärmen von einem Leben, in dem sie stundenlang sich selbst überlassen waren - unkontrolliert, unbeobachtet, ungefördert.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und trotzdem gibt es so viele Eltern wie nie zuvor, die ihren Kindern eine Kindheit bescheren, die das genaue Gegenteil ist: Sie kontrollieren sie auf Schritt und Tritt, sie quälen sie an vier Nachmittagen in der Woche mit Klavierstunden, Balletttraining, Frühenglisch oder Geige. Sie zerren sie ins Yoga, zu Malkursen, ins Mutter-Kind-Turnen. Und wenn ihr Kind die erste 3 nach Hause bringt, wird auch noch der letzte freie Nachmittag gestrichen und hektisch Turbo-Nachhilfe mit Geling-Garantie gebucht. Wo aber bleiben die Freiräume für diese Kinder? Wo sind die Orte, an denen sie - unbeobachtet von den Eltern - spielen können?

          Wehe, wenn es dann nicht schmeckt: Viele Eltern fühlen sich auch von den eigenen Ansprüchen überfordert

          Helikopter-Eltern : Wenn Kinder zu viel behütet werden

          Dabei signalisieren Kinder schon früh, dass es Zeiten gibt, in denen sie ihre Ruhe haben möchten. Kaum haben sie Schreiben gelernt, verfertigen sie die ersten Verbotsschilder, die sie an ihre Kinderzimmertür hängen. Eltern lächeln darüber milde, aber es macht sie mitunter auch nervös: Was passiert hinter der Zimmertür? Malt Leo seinen Kleiderschrank mit Fingerfarben an? Hat er schon wieder seinen Nintendo an? Liegt er vielleicht nur auf dem Bett herum und träumt, wo er sich doch so viel sinnvoller mit schriftlichem Addieren oder einem neuen Lernspiel beschäftigen könnte?

          Vor allem Eltern aus der Mittelschicht leben in permanenter Angst, die wenigen Jahre, die ihnen mit ihren Kindern bis zu deren Erwachsenwerden bleiben, zu vertändeln. Da darf nichts schief gehen. Was, wenn das einzige Kind schlecht in der Schule ist? Unsportlich? Unkreativ? Am Ende kein Abitur macht? Was, wenn es in der Pubertät an falsche Freunde gerät und Komasaufen zu seinem Hobby macht? Was, wenn die Tochter vom Auto angefahren wird? Mit 16 schwanger ist? Viele Eltern verfahren nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und lieber einmal mehr als zu wenig fördern. Am Ende aber ist es bei dem Kind wie mit einer Pflanze, die überdüngt wurde und deshalb nicht strahlend blüht, sondern die Blätter hängen lässt.

          „Die Eltern sind heute wahnsinnig stolz, wenn ihr Kind mit fünf Jahren rechnen und schreiben kann, und fragen sich nicht, was denn eigentlich mit dem Rest ist, dem Körperlichen und Seelischen“, mahnt Gabriele Pohl an, Spieltherapeutin und Autorin von „Kindheit - aufs Spiel gesetzt“. Denn Kinder, die keine eigenen Erfahrungen gemacht haben, kennen ihre Grenzen nicht gut genug. „Kinder, die beispielsweise immer auf Bäume klettern durften, wissen genau, welcher Ast trägt und welcher vermutlich nicht“, sagt Pohl. „Klettern Kinder auf einen Baum, die das noch nie gemacht haben, können sie die Gefahr nicht abschätzen.“

          Wenn es um die Kinder geht, regiert die Angst

          Im Extremfall hängen Kinder ihre gesamte Kindheit in der Abhängigkeits-Schleife: Erst werden die Babys im Maxi Cosi durch die Gegend getragen, damit sie sich nicht verletzen, dann werden sie vom Kindergarten mit dem Auto abgeholt, in die Schule laufen sie besser auch nicht alleine - zu gefährlich! In der Pubertät müssen sie mit dem Handy 24 Stunden erreichbar sein. Zum Studienstart sind es folgerichtig die Eltern, die das Uni-Sorgentelefon anrufen, um zu fragen: „Wie kommt mein Kind in der neuen Stadt am besten zurecht?“

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