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Psychotherapeutin über ADHS : Verstehen ist besser als verschreiben

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Wie kann Kindern wie diesem zehn Jahre alten Jungen geholfen werden? Ritalin ist verbreitet, aber nicht alternativlos Bild: dpa

Bei über vier Prozent der deutschen Kinder wird ADHS diagnostiziert. Hyperaktiven Kindern kann nicht nur mit Pillen geholfen werden. Ein Gespräch mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Adelheid Staufenberg.

          Frau Staufenberg, mehr als vier Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und vierzehn Jahren tragen die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Mehr als siebzig von hundert bekommen mindestens einmal das Medikament Methylphenidat verordnet. Geht es nicht ohne Ritalin?

          In vielen Fällen geht es ohne ein Medikament. Es gibt aber Krisensituationen, in denen das Medikament das Mittel der Wahl ist, weil die Konflikte so eskaliert sind, dass vor allen weiteren Maßnahmen Ruhe einkehren muss, die oft mit Methylphenidat erreicht werden kann. Wir wissen aber auch aus der stationären Arbeit, zum Beispiel von Hans Hopf am Therapiezentrum Osterhof in Baiersbronn, dass ADHS-Kinder mit extrem schwerer Ausprägung der Symptomatik ohne Medikation, nur mit der intensiven psychotherapeutisch-pädagogischen Begleitung, die dort 24 Stunden umfasst, geheilt wurden. Das ist nicht immer zu leisten. Für den ambulanten Bereich liegt mit der in diesem Jahr veröffentlichten „Frankfurter Wirksamkeitsstudie“ des Sigmund-Freud-Instituts aber jetzt die erste Studie zur analytischen Psychotherapie bei ADHS vor, die methodisch-empirischen Ansprüchen genügt. Diese Studie zeigt, dass die analytische Therapie Symptome und Lebensqualität der Kinder deutlich verbessert und der Verhaltenstherapie und medikamentösen Behandlung nicht nachsteht.

          Die deutschen ADHS-Forscher, die sich Anfang Dezember in Berlin zu einer Statuskonferenz trafen, stellten eindrucksvolle Daten zu den genetischen Hintergründen der Störung vor. Liegt hier tatsächlich die Hauptursache?

          Natürlich bringen die Kinder „etwas mit“, eben ein unterschiedliches Temperament. Wenn Sie sich die Frankfurter Wirksamkeitsstudie ansehen, dann findet man aber bei auffallend vielen betroffenen Kindern biographische Risikofaktoren, etwa psychisch erkrankte Eltern oder Gewalterfahrungen. Wir wissen auch, dass eine unsichere Bindung des Kindes an seine wichtigste Bezugsperson ein Risikofaktor ist. Das bedeutet, dass ein Kind keine hinreichend stabilen Erfahrungen macht, sich beruhigen lassen zu können und seine Affektstürme als etwas zu erleben, das es mit Hilfe eines Gegenübers überstehen kann. So kann es zu mangelnder Regulationsfähigkeit kommen, die sich dann oft in Hyperaktivität und Impulsdurchbrüchen zeigt. Diese Kontrollverluste quälen und ängstigen das Kind selbst ja auch. Leider sehen wir, dass die Konzentration auf den genetischen Hintergrund, also die „biologische“ Seite, dazu führt, dass die Rolle der psychosozialen Dimension als irrelevant oder als weniger wichtig betrachtet wird.

          Sie behandeln in Ihrer Praxis auch Kinder und Jugendliche mit ADHS ab dem Kleinkindalter. Wie muss eine analytische Psychotherapie bei Kindern gestaltet werden?

          Ich stelle dem Kind einen Raum zur Verfügung, in dem es sich mit seinen Problemen und in seiner Not darstellen kann. Das ist schwer, weil diese Kinder oft über Stühle und Bänke gehen und die Grenzen des Therapieraumes nicht respektieren. Es hat sich aber gezeigt, dass die wiederholte Erfahrung, dass da jemand ist, der sich für das Kind interessiert und danach fragt, welche Bedeutung hinter den lärmenden Symptomen steckt, dazu führt, dass sich wirklich etwas für das Kind auflöst und verändert.

          Es geht der Psychoanalyse darum, etwas von den unbewussten Trieben, Ängsten, Wünschen zu erfassen und verstehbar zu machen. Das gilt auch für Kinder mit der ADHS-Diagnose, die ja Symptome nur beschreibt. Ein Kind gerät außer sich, schlägt um sich, wirft alles in die Luft und verursacht ein großes Chaos, und ich sage: „Hier ist jetzt alles durcheinander, und ich glaube, so fühlst du dich auch manchmal.“ Das Kind beruhigt sich bei diesen Worten und sagt: „Komm, wir räumen auf.“ Dies als Beispiel für die zentrale Erfahrung, dass diese schwer erträglichen Gefühle beschrieben, gehalten und verstanden werden können. Und so erlebt das Kind sein eigenes Verhalten als etwas mit Zusammenhang und Bedeutung, und das stärkt sein Selbsterleben und sein Selbstwertgefühl.

          Woher kommt die Skepsis der Öffentlichkeit? ADHS wird immer wieder als „erfundene Diagnose“ bezeichnet.

          Der massenhafte Anstieg in der Diagnosestellung für so unterschiedliche Ausprägungen der Symptome besorgt uns in der Tat, es ist also auch die schiere Quantität, die zur Kontroverse führt. Auch die Tatsache, dass vor allem Jungen die Diagnose erhalten, wird zu wenig auf die Beteiligung psychosozialer Aspekte hin untersucht und verweist auf Probleme der Diagnostik.

          Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Erziehungsprobleme und ein chaotisches Umfeld häufig hinter der Problematik stehen?

          Mit dieser Vereinfachung kommt man nicht weit. Sie führt nur zur nächsten: Den Eltern wird an allem die Schuld gegeben. Dann streiten wir nur und verstehen nichts. Wir sind froh, wenn Kinder nicht autoritär und nicht mit Angst erzogen werden. Aber vielleicht haben wir auch unterschätzt, dass Erziehung dadurch zeitaufwendiger wird. Kompromisse schließen, Einsichten erzeugen, kurz: demokratische Prozesse zu erlernen, all das erfordert viel mehr Zeit als autoritäre Methoden. Kinder sind oft störend für reibungslose Abläufe und anstrengend. Sie suchen die Grenze und testen aus, ob sie ihnen Halt gibt. Das brauchen sie. Aber die Eltern haben nicht so viel Zeit. Der gesellschaftliche Leistungs- und Optimierungsdruck macht nicht halt vor dem Familienleben. All diese Zusammenhänge spielen eine Rolle bei der Diagnose ADHS und der kontroversen Diskussion über die Entstehung der Verhaltensauffälligkeiten.

          Die Fragen stellte Christina Hucklenbroich.

          Adelheid Staufenberg ist niedergelassene analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Frankfurt und Dozentin und Supervisorin am Anna-Freud-Institut Frankfurt.

          Quelle: F.A.Z.

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