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Info-Ethiker Rafael Capurro : Schwimmen im digitalen Chaos

Für Jugendliche bedeutet das eigene Smartphone ein Stück Freiheit - und ein Stück Unfreiheit zugleich. Bild: Picture-Alliance

Was wird aus dem Bildungsideal Selbstständigkeit in einer Welt der digitalen Überwachung? Ein Gespräch mit dem Informationsethiker Rafael Capurro über Erziehung zur Freiheit im Zeitalter der Kontrolle.

          Das Netz mit seinen Möglichkeiten der Datenauswertung und Kontrolle stellt uns, wenn es um unsere Kinder geht, vor große Fragen: Wie können wir sie schützen, ohne sie einzuengen? Was wird aus einem unserer großen Bildungsideale: Wie kann Erziehung zur Freiheit im digitalen Zeitalter gelingen?

          Ganz banal gesagt: durch Anerkennung, Unterstützung und Zuwendung. Das klingt furchtbar konservativ, aber ich glaube, das ist weiterhin das A und O für Kinder. Und weniger im Vertrauen, dass die Technik das schafft. Bei der Frage, welche Aufgaben ich an die Technik delegiere und welchen Teil ich noch selber überlegen und entscheiden will, müssen wir natürlich bei uns selbst ansetzen. Dazwischen die richtige Balance zu finden, ist für uns Erwachsene vielleicht etwas leichter, wenn man durchschaut, was mit einem geschieht. Aber was geschieht mit uns, was geschieht mit unseren Daten – angefangen mit der Überwachungsgesellschaft und bis in den Alltag eines Schülers, den auch die eigenen Eltern übers Smartphone orten können? Die Erziehung zur Freiheit hat auch viel mit Vertrauen zu tun.

          Wie können wir zur Freiheit erziehen wollen und gleichzeitig Lernprogramme anwenden, die dem Lehrer nicht nur anzeigen, wie lang welcher Schüler für eine Aufgabe gebraucht hat, sondern auch eine Benotung vorgeschlagen?

          Dadurch erziehen wir unsere Kinder zu kleinen Robotern. Das liegt in der Logik dieses Zeitalters, in der Logik des gesamten Systems Digitalisierung. Wir können uns dem weder verweigern noch sollten wir mit Gegengewalt darauf antworten, sondern mit innerer Unabhängigkeit. Und mit Übungen des Loslassens vom Digitalen in bestimmten Kontexten, aus bestimmten Anlässen, zum Beispiel aus Rücksicht auf das physisch anwesende Gegenüber. Oder mit Übungen, die das Gefühl für den eigenen und den fremdem Leib stärken, zum Beispiel durch Sport oder Erfahrungen in der Natur.

          Schließlich gehören dazu auch alle Formen der ästhetischen Erziehung, durchaus im Schillerschen Sinne. Theaterperformances in der Schule zu diesen Fragen gehören dazu, und sie können wiederum im digitalen Medium stattfinden.  Die innere Unabhängigkeit entsteht erst durch Übungen in der äußeren Unabhängigkeit oder, besser gesagt, im Erlernen des Lebensspiels von Abhängigkeit und Unabhängigkeit im digitalen Zeitalter.

          Wir sollten nicht abwarten, was passiert, wenn Schüler zehn, zwölf Jahre mit solchen Programmen getrimmt werden, was für Charaktere daraus entstehen. Vielleicht wird es dramatisch. Vielleicht bleibt aber auch in der Schule genügend Ausgleich zu diesen Techniken. Die klassische Pädagogik jedenfalls ist darauf nicht vorbereitet.

          Das Problem betrifft bereits die Schüler von heute. Was können wir konkret tun?

          Lehrte bis 2009 Informationsethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart, ist Herausgeber der International Review of Information Ethics und Leiter des International Center for Information Ethics: Rafael Capurro
          Lehrte bis 2009 Informationsethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart, ist Herausgeber der International Review of Information Ethics und Leiter des International Center for Information Ethics: Rafael Capurro : Bild: privat

          Man müsste die Anbieter von Lernsoftware in den Unterricht holen. Man könnte sie im Gespräch mit der Klasse erklären lassen, was sie tun. Was mit den Daten der Schüler passiert. Wenn man die Schüler auf ein solches Gespräch vorbereitet, kann das richtig gut werden. Es darf nur keine Marketingveranstaltung werden. Man kann die Sache umdrehen, die Schüler, die Beobachteten zu Beobachtern machen. Das Internet hat ja schließlich auch die einstigen Empfänger zu Sendern gemacht. Auch das ist ein Stück Freiheit.

          Wir kennen den Rat, Daten, deren Gebrauch wir nciht einsehen, bewusst falsch anzugeben. Sollte man auch Kindern dazu raten?

          Letztlich geht es um die Frage „Was ist eine Lüge im digitalen Zeitalter?“. Ist es schon eine Lüge, wenn ich die Wahrheit nicht sage, wenn ich sie verschleiere, wenn ich sie anonymisiere? Aber was, wenn ich zu einer Aussage, einer Angabe gezwungen bin?

          Bei Facebook gibt es einen Zwang zur Wahrheit. Und gute Gründe, sich diesem Zwang zu widersetzen. Man ist sofort in einer ethischen Debatte, die man mit den Schülern führen kann. Und das macht klug.

          Vielleicht werden im Rückblick wir, die wir das Netz erst als Erwachsene kennengelernt haben, es sein, die als die hilflose Generation gesehen werden, die sich im Umgang mit dem Digitalen am schwersten tut?

          Es ist wie im Meer. Das Meer ist immer stärker, aber man kann lernen zu schwimmen. Man kann zwar immer noch ertrinken, auch wenn man gut schwimmen gelernt hat. Aber man hat sich das Schwimmen einverleibt. Und das geht nicht nur mit dem Medium Wasser. Man kann auch lernen, in diesem digitalen Chaos zu schwimmen – und sogar Spaß haben dabei, das gehört ja auch dazu. Wenn man sich eine digitale Ethik einverleibt hat, handelt man aus sich selbst heraus gekonnt. So etwas nennt man dann Charakter.

          Das bedeutet aber auch, dass wir allgemeine Regeln für die Schiffahrt im Internet entwickeln. Ohne solche ethischen und rechtlichen Regeln bleiben die digitalen Ozeane ein gefährliches Medium für alle, die sich von der Küste entfernen.

          Rafael Capurro lehrte bis 2009 Informationsethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart, ist Herausgeber der International Review of Information Ethics und Leiter des International Center for Information Ethics.

          Quelle: F.A.Z.

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