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Analyse : Von wegen Ganztagsschule

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Wie lange sollen Schüler lernen? Viele haben ab dem Mittag frei. Bild: dpa

Schüler sollen auch am Nachmittag guten Unterricht bekommen. So lautete das Versprechen nach dem großen Pisa-Schock. Pustekuchen!

          Montagmittag 13 Uhr in Deutschland: Kinder im schulpflichtigen Alter strömen allerorts auf die Straßen. Ihr Tagwerk ist weitgehend vollbracht, jetzt wartet entweder zu Hause oder im Hort der dampfende Mittagstisch. Dann Hausaufgaben und vielleicht noch das eine oder andere Hobby. So sieht auch 2017 in vielen Fällen noch immer der Tagesablauf deutscher Schüler aus – nicht nur am Montag, sondern an allen Schultagen der Woche.

          War da nicht was? Gab es nicht einmal den Wunsch, um nicht zu sagen den erklärten politischen Willen, flächendeckend in Deutschland die Ganztagsschule auszubauen? Sechzehn Jahre ist das inzwischen her, es war zu Zeiten des großen Pisa-Schocks, als Deutschland in der ersten internationalen Vergleichsstudie von Schülerleistungen beschämend schlecht abschnitt. Im Jahr 2001 fasste die Kultusministerkonferenz deshalb den Beschluss, die Ganztagsschule voranzutreiben. Der Bund stellte bis 2009 ein Investitionsprogramm zur Verfügung. Damit sollten insbesondere für Kinder mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen Fördermöglichkeiten geschaffen werden. Aber letztlich, so war die Hoffnung, profitieren alle Schüler von einem gut strukturierten Tag, der sie nicht schon zur Mittagszeit in die Freizeit entlässt. Doch für 60 Prozent der Schüler ist das noch graue Theorie. Woran liegt das?

          Natürlich könnte ein Grund sein, dass sich die Eltern sträuben. Als eine Dauerbeschallung in unterkühlten Klassenräumen wollen sie das Ganztagsangebot nicht. Doch aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung geht hervor, dass sich knapp drei Viertel der Eltern einen Ganztagsplatz für ihr Kind wünschen. Das hat auch organisatorische Gründe: Eine sinnvolle Beschäftigung bis zum späten Nachmittag gäbe sowohl Vätern als auch Müttern die Möglichkeit, in Ruhe voll zu arbeiten. Denn so manche schrecken davor zurück, ihr Kind in einem Hort abzugeben, wenn sie denn überhaupt einen geeigneten Platz finden. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch weil Betreuung allein in ihren Augen keine erfüllende Nutzung der Zeit zu sein scheint.

          „Riesenchance“ für eine neue Lernkultur

          Das Hauptproblem sind die immensen Kosten für den Staat. Und die Organisation. Eigentlich müssten sich die Länder auf einen einheitlichen Qualitätsstandard einigen. Doch davon sind sie noch weit entfernt, weil der viel Geld kostet. Deshalb müsste der Bund weiter aushelfen, aber das Investitionsprogramm ist bereits ausgelaufen. In den Schulen sieht die Wirklichkeit häufig so aus: vormittags Unterricht, nachmittags freiwillige Betreuung. Dabei gehen viele Kinder in den Hort und nicht in die „erweiterte schulische Betreuung“, wie es oft heißt. Dort reichen die Betreuer von ehemaligen Schülern bis zu ausgebildeten Pädagogen. Dementsprechend schwanken die Kosten und das Programm.

          Ganz anders geht es in der „gebundenen Ganztagsschule“ zu: Dort wechseln sich Bildung und Betreuung mindestens dreimal in der Woche den ganzen Tag hindurch ab. Denn natürlich geht es nicht darum, aus sechs Schulstunden neun zu machen, die permanente Konzentration erfordern. Wichtig ist auch dort, den Tag mit kreativen Angeboten aufzulockern. Das setzt allerdings voraus, dass die Ganztagsschule für alle verpflichtend ist, damit das Kind nachmittags keinen Unterricht verpasst – und dass bis zum Schulschluss auch Lehrer zur Verfügung stehen. Bis zum Jahr 2025 wären das jährlich etwa 2,8 Milliarden Euro an zusätzliche Personalkosten für knapp 50.000 weitere Lehrer und Pädagogen – und das ist noch vorsichtig geschätzt. Hinzu kämen Investitionen in die räumliche Infrastruktur von rund 15 Milliarden Euro.

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