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„Kinder in der digitalen Welt“ : Nicht ins Netz geboren

Eine Frage der Zeit: Ein Junge spielt mit dem elterlichen Smartphone. Bild: Picture-Alliance

Ein Zehntel der Dreijährigen ist online? Es sind nicht so sehr die Zahlen, die bei der Studie „Kinder in der digitalen Welt“ überraschen, sondern die Fragen, die unbeachtet bleiben.

          Die gute Nachricht zuerst: Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren spielen immer noch am liebsten mit ihren Freunden. Das ist das Ergebnis der Studie „Kinder in der digitalen Welt“, die Familienministerin Manuela Schwesig und das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (Divsi) an diesem Dienstag vorgestellt haben. Ein Ergebnis. Die anderen sorgen in einer Zeit für große Augen, in der die Befürchtung, Deutschland könne in Sachen Digitalisierung (wahlweise der Verwaltung, der Wirtschaft, der Bildung oder gleich des ganzen Lebens) den Anschluss verlieren, ein Allgemeinplatz der politischen Rhetorik geworden ist.

          Dem Bericht zufolge, der erstmals die digitale Sozialisation von drei bis acht Jahre alten Kindern in Deutschland beleuchtet, ist gut die Hälfte der Achtjährigen (55 Prozent) hierzulande online, 37Prozent sogar mehrfach in der Woche oder täglich. Bei den Sechsjährigen ist bereits fast ein Drittel (28 Prozent) teils regelmäßig im Netz unterwegs, bei den Dreijährigen jedes zehnte Kind. Dabei sind die digitale Ausstattung von Kindern und ihr technischer Zugang zu digitalen Medien und Internet trotz großer Einkommensunterschiede der Eltern nicht etwa eine Frage des Geldbeutels: „Kinder haben nahezu vergleichbare Möglichkeiten, auf Spielekonsolen, Smartphones und Computer beziehungsweise Laptops zuzugreifen.“

          Online abgeschlagen

          Sieht man von der bei Jungen deutlich beliebteren Spielkonsole ab, sind sechs- bis achtjährige Mädchen und Jungen gleichermaßen an digitalen Medien und dem Internet interessiert. Auch bei der Selbsteinschätzung, wie gut sich die Kinder damit auskennen, stellt die Studie keine Geschlechterunterschiede fest. Während Jungen online eher spielen, recherchieren Mädchen häufiger Informationen. Die Souveränität der Eltern im Umgang mit dem Internet und den digitalen Medien korreliert mit der Selbstsicherheit der Kinder im Umgang mit digitalen Medien. Eltern mit geringerer formaler Bildung engagieren sich weniger bei der Begleitung ihrer Kinder in der digitalen Welt. Sie sind vielmehr der Meinung, man brauche Kinder beim Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien nicht anzuleiten, da sie dies von allein lernen würden.

          Doch selbst die Kinder aus Familien, in denen die Mediennutzung kaum reglementiert wird und der Fernseher oftmals den ganzen Tag über läuft, geben nicht häufiger als Kinder aus den sechs anderen „Internet-Milieus“, zwischen denen das Institut unterscheidet, an, sich am liebsten mit Spielekonsolen, Smartphones, Tablets, Computern oder dem Internet zu befassen.

          In der allgemeinen Rangliste der Lieblingsbeschäftigungen teilen sich hinter „Mit Freunden spielen“ (71Prozent) „Draußen spielen“ und „Fernsehen“ mit jeweils 58 Prozent den zweiten Platz. Mit 34 Prozent der Antworten von mehr als tausend befragten Sechs- bis Achtjährigen rangiert die Spielekonsole als erstes interaktives digitales Medium (Fernsehen ausgenommen) noch hinter dem Kinobesuch, Sport und Musikhören.

          Ohne entwicklungspsychologische Grundsatzfragen

          Noch sind sie also nicht ganz im Cyberspace verschwunden, unsere Kinder. Noch haben sie ihre Eltern im gewandten Umgang mit den neuen Technologien nicht abgehängt, schon gar nicht unabhängig davon, ob es sich, den Milieu-Einteilungen der Forscher gemäß, bei diesen Eltern um „digital Souveräne“, „postmaterielle Skeptiker“ oder „internetferne Verunsicherte“ handelt. Der sichere und selbstbestimmte Umgang mit digitalen Medien wird gelernt, er wird von Eltern und in diesem Alter hauptsächlich mit Eltern gelernt. Er ist nur begrenzt eine Frage der Bildung und des Einkommens und schon gar keine Frage der Ausstattung. Er ist letztlich eine Frage des pädagogischen Bewusstseins.

          Grundsätzlich sind sich die Eltern dabei der Gefahren des Internets für Kinder – Kontakt mit verstörenden Inhalten oder unbekannten Personen, Preisgabe von Privatem, Mobbing – bewusst, auch wenn sie zugeben, sich nicht ausreichend ihren Sorgen entsprechend zu informieren. Die Einwände seitens der Entwicklungspsychologie oder der Hirnforschung gegen den frühen Kontakt von Kindern mit digitalen Medien spielen hingegen keine Rolle. Ist deren Abstraktionsvermögen überhaupt schon weit genug entwickelt, um vom Gebrauch digitaler Medien zu profitieren? Erschwert die Reizintensität vielleicht sogar die synaptischen Verschaltungen im Großhirn? Oder sollten doch, wie eine Studie der Universität London jüngst empfahl, Tablets am besten gleich in die Wiege gesteckt werden? Zur digitalen Souveränität von Eltern muss auch gehören, sich ein Urteil in dieser Diskussion zu bilden.

          Das Hamburger Start-up Tiger Books hat gerade eine erste Lese-Flatrate fürs Smartphone direkt für Kinder angekündigt.

          Quelle: F.A.Z.

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