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Der Zauber von „Memory“ : Ein Brett für den Kopf

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Der Zauber der „Memory“-Karten lag darin, dass sie anscheinend schon immer altmodisch gewesen waren. Bild: Ravensburger Spielverlag

Aus verdeckten Karten Paare suchen? Das ist doch noch nicht mal eine richtige Idee! Und trotzdem funktionierte es: Über das geheime Leben von „Memory“ und die Menschen, die es spielen.

          Einer meiner Onkel, der sonst eher schweigsam war, blühte bei Spieleabenden auf, er versuchte sogar sein Leben lang, ein Gesellschaftsspiel zu erfinden, das ihn reich machen würde, einige der erfolgreichsten Spiele basierten ja auf geradezu lächerlich simplen Ideen.

          Man schrieb zum Beispiel Fragen auf Kärtchen und auf die Rückseite die Antworten, die man natürlich vorher recherchieren musste, und schon hatte man einen Spieleklassiker entwickelt. Oder man ließ die Spieler aus einzelnen Buchstaben Kreuzworträtsel legen, nur die Wörter, ohne die Fragen, bei diesem Spiel blieb die eigentliche Arbeit an den Spielern hängen. (Es gab zwei Arten von Familien, jene, die beim Steinchen mit dem „Q“ ein kleines „u“ daneben schrieben, und die, bei denen sich die Spieler der Herausforderung stellten, zum anspruchsvollen „Q“ auch noch ein „u“ zu sammeln. Wenn man dann auch noch ein Wort damit anlegen konnte, war das sozusagen ein echter Coup.)

          Mit dem Leben mussten Spiele nichts zu tun haben, was konnte man aus ihnen schon lernen? Etwa wie eine Dame einen Bauern schlug? Dass man bei einer Sechs noch einmal würfeln durfte? Das nützte einem in den wenigsten Situationen des täglichen Lebens etwas. Die einfachsten Ideen sind natürlich am schwersten zu finden, weil wir viel zu kompliziert denken. Man braucht wohl die seltene Kombination eines kindlichen Gemüts und eines genialen Gehirns, wie sie bei Albert Einstein vorlag.

          Für meinen Onkel war ein Spiel wie Memory die reine Provokation. Aus verdeckten Karten Paare suchen? Das war doch noch nicht mal eine richtige Idee! Und trotzdem funktionierte es! So richtig los ging das Spiel natürlich erst ab der zweiten Runde, wenn man die mühsam memorierten Positionen der Karten aus der ersten Runde noch im Kopf hatte und durcheinanderkam. Ich schlug meinem Onkel ein Scherzartikelmemory vor. Nach Stunden würden die Spieler entnervt alle Karten umdrehen und feststellen, dass sie reingelegt worden waren, weil es gar keine Paare gab! Großes Gelächter! Aber er wollte etwas Eigenes entwickeln, und er steigerte sich in eine heillose Grübelei, um immer wieder Spiele zu erfinden, die es, wie er nach kurzer Recherche betroffen feststellte, schon gab.

          Mein Lieblingsmotiv war die Zumpelliese, die auffällig meiner Frau ähnelt.
          Mein Lieblingsmotiv war die Zumpelliese, die auffällig meiner Frau ähnelt. : Bild: Ravensburger Spielverlag

          Viele Familien spielen jahrzehntelang mit museumsreifen Exemplaren eines Gesellschaftsspiels, die sie in ihrer Frühgeschichte einmal erworben haben. Mein Onkel bewahrte seine „Fang den Hut!“-Spielsteine noch in einer Linda-Neutral-Dose aus den fünfziger Jahren auf (VEB Linda-Werk Schwerin, EVP 1,50 Mark). Und unser Familien-Memory stammte aus den sechziger Jahren, das merkte ich, als ich für meine Tochter (die das Spiel „Mengory“ nannte) genau so ein Memory kaufen wollte, aber nur Spiele mit modernen Motiven fand, dann war es doch nicht mehr Memory! Bei Ebay bot irgendein Verrückter zum Glück das Originalspiel an. Es stammte vom Otto-Maier-Verlag aus Ravensburg.

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