Home
http://www.faz.net/-gqz-py1r
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Familie Wunschkind.de

25.02.2005 ·  Die Reproduktionsmedizin kann für Frauen Fluch und Segen zugleich sein. Denn Kinder zu bekommen läßt sich nicht beliebig und, wie man zunehmend erkennt, nur unter Mühen und zahlreichen Risiken vertagen.

Von Martina Lenzen-Schulte
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Drei Viertel derer, die ein Studium beginnen, wünschen sich ein Leben mit Kindern, nur sechs Prozent wollen keine Kinder, heißt es in einer Umfrage des Hochschul-Informationssystems aus dem Jahr 2002. Die Familienwissenschaftliche Forschungsstelle im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg weist indes nach, daß von den dreißig- bis neununddreißigjährigen Hochschulabsolventinnen 43 Prozent keine Kinder haben.

Wer wissen will, auf welcher Strecke die Kinderwünsche dieser gutausgebildeten Klientel geblieben sind, findet ihre Spuren in Internetforen wie denen der "www.wunschkinder.net" wieder. Dort trauen sich verzweifelte Frauen, ihre Sehnsucht nach einem Kind zu offenbaren.

Pein und Peinlichkeiten der Infertilitätstherapie

Eines der inzwischen berühmtesten Beispiele aus den zahllosen Internetforen ist www.alittlepregnant.com, auf dem uns die dreiunddreißigjährige Amerikanerin Julie schonungslos und eloquent alle Pein und manche Peinlichkeiten ihrer jahrelangen Infertilitätstherapie miterleben läßt. Ihr Sohn Charlie hat mittlerweile Kultstatus, die Kunde von seiner Geburt ließ unlängst im Netz Freudentränen fließen.

Fünfzehn bis zwanzig Prozent aller Paare in Deutschland sind nach Schätzungen von Medizinern ungewollt kinderlos. Längst nicht immer geht die Unfruchtbarkeit auf eine Erkrankung zurück, für manche der Betroffenen ist es schlicht biologisch zu spät. Mit zunehmendem Alter der Frau wird es immer schwieriger, ein Kind zu bekommen. Die Schnittmenge zwischen denen, die sich ihren Kinderwunsch im Laufe von Ausbildung und Berufsleben nicht erfüllt haben, und den ungewollt Kinderlosen sind exakt jene Frauen, die Christine Carl in ihrem Buch „Leben ohne Kinder - Wenn Frauen keine Mütter sein wollen“ die „Aufschieberinnen“ nennt. Sie haben den richtigen Zeitpunkt verpaßt. Die Frage, warum so viele Frauen sich gegen Kinder entscheiden, muß für einen Teil von ihnen lauten: Warum entscheiden sich viele Frauen erst dann für Kinder, wenn es meist schon zu spät ist?

Projekt „Mädchen-Frauen-Meine Tage“

Unwissenheit ist ein Grund. Wenn Mütter heute in einem Alter Kinder bekommen, in dem sie früher oft schon Großmutter waren, entsteht der Eindruck, jenseits der Fünfunddreißig könne man sich ebensogut noch für ein Kind entscheiden wie diesseits der Fünfundzwanzig. Weit gefehlt. Mehr als die Hälfte der reproduktiven Jahre sind dann bereits verschenkt, die verbleibende Zeit ist die am wenigsten fruchtbare. Eine jüngste Umfrage läßt erkennen, daß das Wissen um derartige Zusammenhänge denkbar schlecht ist. Alle Aufklärungsbemühungen zielten bislang darauf ab, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Man muß aufpassen, daß man keine Kinder zur Unzeit bekommt, die kommen später von selbst, lautet infolgedessen eine ebenso weitverbreitete wie medizinisch naive Vorstellung. Dem will man jetzt Rechnung tragen und die Dinge so schnell wie möglich zurechtrücken. Im Projekt „Mädchen-Frauen-Meine Tage“ zum Beispiel, das innerhalb der Initiative „Natürliche Fertilität“ an der Universitätsfrauenklinik in Heidelberg angesiedelt ist, werden zehntausend Mädchen in Workshops über ihre Fruchtbarkeit informiert.

Das Durchschnittsalter derer, die sich in Fertilitätskliniken vorstellen, steigt stetig an und liegt derzeit bei dreiunddreißig Jahren. Im Jahr 2003 wurden rund zwölftausend der 715000 in Deutschland geborenen Kinder im Labor gezeugt. Bei weiteren vierzigtausend, so schätzen Mediziner, half man auf andere Weise nach, etwa mittels Hormonen, um den Eisprung zu erzwingen. In Japan - auch dort macht man sich über die niedrige Geburtenrate von 1,29 Gedanken - zählt inzwischen die Förderung reproduktionsmedizinischer Maßnahmen zum Arsenal der Bevölkerungspolitik.

Benachteiligung durch Krankenkassen

Man muß das Drängen von oben nicht begrüßen, darf sich aber fragen, ob es das richtige Signal ist, wenn hierzulande die gesetzlichen Krankenkassen seit vorigem Jahr einen großen Kostenanteil der In-vitro-Fertilisation auf die Betroffenen abwälzen. Frauen über vierzig haben gar keinen Anspruch auf Unterstützung mehr. Das bedeutet, daß sich oft nur sozial bessergestellte Paare die Finanzierung leisten können. Auf den Internetseiten der Selbsthilfegruppen wie „www.wunschkind.de“ formiert man sich derzeit, um eine Sammelklage gegen diese Benachteiligung anzustrengen.

Wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt, dauert es nicht lange, meist drängt ja die Zeit, bis man sich zur künstlichen Zeugung entschließt. Der Siegeszug der modernen Reproduktionsmedizin - seit dem ersten Retortenbaby im Jahr 1978 nahmen weltweit zwei Millionen Kinder den Zeugungsweg über die Petrischale - läßt oft übersehen, daß ihre Erfolgsaussichten sehr gering sind und daß das psychische Auf und Ab der Behandlung den Betroffenen einen erheblichen Tribut abverlangt. Allenfalls fünfzehn bis zwanzig Prozent der Versuche einer künstlichen Befruchtung bescheren dem Paar ein Kind. Vier von fünf Behandlungen enden in Enttäuschung und Schmerz, wenn sich keiner von den eingepflanzten Embryonen einnisten wollte. Diesen Abschied machen viele Paare wieder und wieder durch, bis sie nach manchmal Jahren des Bangens und Hoffens den Wunsch nach einem Baby endgültig aufgeben. Die Texte, in denen Frauen diesem Abschiedsschmerz Ausdruck verleihen, zählen zum Aufwühlendsten, was die medizinische Leid-Literatur hervorgebracht hat.

Kinderwunsch endet nicht stets im Wunschkindidyll

Aber auch die Erfüllung des Kinderwunschs endet nicht stets im Wunschkindidyll. Retortenkinder sind häufiger gesundheitlich beeinträchtigt als natürlich gezeugte. Eine jüngste Analyse aus Australien bestätigt abermals die Vermutung, daß sie mehr Fehlbildungen haben, zum Beispiel Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Herzfehler oder Erweiterungen der Harnleiter. Es gibt Hinweise, daß schwere genetische Defekte auffällig oft mit bestimmten In-vitro-Maßnahmen einhergehen. Auch der Verdacht, es gebe bei diesen Kindern ein erhöhtes Krebsrisiko, ist nicht widerlegt. Die häufigsten Gesundheitsschäden sind jene, die infolge der vielen Mehrlingsschwangerschaften entstehen, weil immer noch mehrere Embryonen in den Mutterleib eingesetzt werden. Mehrlinge kommen überwiegend zu früh zur Welt, was ein lebenslanges Handicap für die körperliche und geistige Entwicklung bedeuten kann. Nicht selten drohen ihnen Hirnblutungen, die Lähmungen nach sich ziehen. Mehrlinge sind eine große Belastung für die Mutter, die Kinder selbst und den Vater, wie es Elisabeth Bryon von der International Society for Twin Studies in England unermüdlich auch denen, die es lange nicht wahrhaben wollten, vor Augen führte.

Belastend für die Frauen und für ihre Partner sind nicht nur die Risiken, die sie abzuwägen haben. Sie fühlen sich zudem falsch verstanden, weil die Gesellschaft inzwischen unterschiedslos alles, was mit Reproduktionsmedizin zu tun hat, von vornherein dem Verdacht von Menschendesign und Eugenik aussetzt. Wenn Paare sich immer öfter der (hierzulande nicht praktizierten) Präimplantationsdiagnostik bedienen, um das Geschlecht ihres künftigen Kindes im Labor festlegen zu lassen, wenn sie dann - wie in einem Fall dokumentiert ist - ein vollkommen gesundes Kind abtreiben lassen, nur weil es das versprochene Geschlecht nicht hatte, so sind dies eben nicht Paare, die keine Kinder bekommen können, sondern zeugungsfähige Eltern, die vielleicht schon Kinder haben und eine optimale Bestückung der Geschwisterriege verwirklichen wollen.

Test für Homosexualität

Die Begehrlichkeiten, die sich an die Erfüllungsgehilfen der Reproduktionsmedizin richten, gehen freilich noch weiter. Timothy F. Murphy von der University of Illinois in Chicago fordert beispielsweise die Freiheit, die sexuelle Veranlagung von Kindern vorherbestimmen zu dürfen. Sobald es einen verläßlichen Test für Homosexualität gebe, solle es künftigen Eltern auch gestattet sein, ihn dazu zu benutzen, homosexuell veranlagte Nachkommen mittels Embryonenselektion zu verhindern. Eltern hingegen, die sich jahrelang vergeblich ein Kind wünschen, versichern häufig, sie nähmen jedes Kind, wie es ist. Dennoch werden die Zuspätgekommenen ohne Erbarmen der Unersättlichkeit geziehen: "Die wollen erst nur das Leben genießen, und dann ist ihnen kein Kind gut genug."

Das Aufschieben des Kinderwunschs ist ein schleichender, tückischer Selbstläufer. Zuerst die Ausbildung beenden, danach ein erster Job, eine Promotion, eine erste leitende Funktion und so fort. Oft trifft es die ambitioniertesten Frauen, die kein Land mehr sehen, wenn sie Kindern und Beruf gleichermaßen gerecht werden sollen. Also begraben die einen ihre beruflichen Träume, die anderen, zunehmend öfter, ihren Kinderwunsch. Auf diese Weise machen das enge biologische Zeitfenster der reproduktiven Jahre sowie ein Konglomerat von Ausbildungszwängen, mangelnder Absicherung und eigenen Ansprüchen das Leben vor fünfunddreißig für Frauen zu einer Sprintstrecke, die viele Opfer und kaum Sieger kennt. Dabei beweisen uns Demographen täglich, daß danach noch fünfzig Jahre kommen, es sich also in Wahrheit um einen Marathonlauf handelt, bei dem es eher darauf ankommt, die Kräfte wohldosiert den Streckenerfordernissen anzupassen. Kinder zu bekommen läßt sich nicht beliebig und, wie man zunehmend erkennt, nur unter Mühen und zahlreichen Risiken vertagen.

Quelle: F.A.Z., 25.02.2005, Nr. 47 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Babelsberg, mon amour?

Von Andreas Kilb

Einhundert Jahre wird das Studio Babelsberg alt. Doch Rührung und echte Nostalgie wollen sich nicht einstellen. Babelsberg ist weder eine nationale Ikone noch ein Haus der Träume. Mehr