09.08.2005 · Für Kinder haben sie keine Zeit: glänzend ausgebildete Akademikerinnen, die scheinbar alles richtig gemacht haben. Doch der Arbeitsmarkt will sie nicht. Auf die mit Kindern verzichtet er gleich ganz.
Von Melanie MühlSie wünschen sich Kinder und empfänden eine Schwangerschaft als Katastrophe. Und das liegt ebensowenig an jenem überkommenen Familienbild, das die Mutter am heimischen Herd, umgeben von einer fröhlich glucksenden Kinderschar zeigt, wie an der Tatsache, daß Krippenplätze ein knappes Gut sind. Für Kinder haben sie keine Zeit. Sie, das sind glänzend ausgebildete Akademikerinnen. Junge Frauen, deren Lebensläufe längst nicht mehr auf eine DIN-A4-Seite passen. Frauen, die scheinbar alles richtig gemacht haben, die flexibel und mobil sind, zielstrebig und engagiert, kommunikativ und teamorientiert.
Ins Ausland sind sie gegangen, um an einer renommierten Universität in England oder Amerika zu studieren, während das Bankkonto immer tiefer ins Minus rutschte und die Eltern der Verwandtschaft stolz von den Erfolgen der Tochter erzählten. Ihren Kinderwunsch haben sie verdrängt, sich an Fernbeziehung, doppelte Haushaltsführung und unbezahlte Praktika gewöhnt. Sie wissen, was Verzicht bedeutet. Aber weil sie erwartungsvoll in ihre Zukunft blickten und meinten, sie würden gebraucht, verzichteten sie gerne: Die Welt gehört uns, dachten sie. Und dann wird diesen Superakademikerinnen ebendiese Turbolebensphase, die „rush hour of life“ zum Verhängnis. Denn der Arbeitsmarkt will sie nicht. Er braucht sie nicht. Auf die mit Kindern verzichtet er gleich ganz.
Erst Zweifel, dann Depression
Die ersten zehn Bewerbungen, die wieder im eigenen Briefkasten landeten, ignorierten sie noch. Es sei nicht so einfach, hatten sie gehört. Mit der fünfzigsten Absage kommen die Zweifel; dann kommt die Depression. Die berufliche Perspektive, für die sie jahrelang geschuftet haben, gibt es nicht mehr. Aus einst hoffnungsvollen Akademikerinnen sind gescheiterte Berufsanfänger geworden, eine verlorene Generation.
Manche nehmen dankbar Stellen an, für die sie überqualifiziert sind. Andere schreiben sich für einen der vielen Aufbaustudiengänge ein. Von diesen Beschäftigungsbeschaffungsmaßnahmen gibt es mittlerweile rund eintausendsiebenhundert in Deutschland. Wo aber soll der Kinderwunsch dieser Frauen bleiben, wenn ihre Zukunft derart unsicher ist? Wenn sie nicht wissen, ob der Zeitvertrag von gestern morgen noch Bestand hat?
Kinder oder Vollzeitstelle
Der Akademikeranteil unter den 5,2 Millionen Arbeitslosen in Deutschland ist freilich noch gering. Doch zwischen 2001 und 2003 ist er um vierzig Prozent gestiegen, im vergangenen Jahr noch einmal um elf Prozent. Und diese Zahlen verschweigen die vielen Praktikanten-, ABM- und Zeitverträge. Eine Entwicklung, die Harro Honolka, Geschäftsführer der Vereinigung Student und Arbeitsmarkt in München, mit Sorge beobachtet. Nur zweiundzwanzig Prozent der Absolventen des Jahrgangs 2001 bekamen laut einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems Hannover nach Studienende eine Vollzeitstelle. Von den achtundsiebzig Prozent, die nirgendwo eine dauerhafte Anstellung finden konnten, studierten viele einfach weiter, andere unterschrieben einen Jahresvertrag. Ausbildung, Studium, Berufseinstieg, so die gängige Reihenfolge. Eine Reihenfolge, die gewünschte Kinder aus Zeitgründen nicht zur Welt kommen läßt und den Geburtenrückgang in Deutschland verschärft. Dies ist auch das Ergebnis einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach. Jenes „Erst-mal-Prinzip“ zu überwinden, müsse das Ziel sein, fordern Bundesfamilienministerin Schmidt und Allensbach-Direktorin Renate Köcher.
Ist der Berufseinstieg erst geglückt, bedeutet dies allerdings nicht, daß junge Frauen ihren Kinderwunsch auch verwirklichen. Denn Arbeit auf Zeit - sie verschafft der erste Vertrag meist - verspricht weder Unabhängigkeit noch Planungsfreiheit. Wohin einen der nächste Arbeitgeber, findet man ihn überhaupt, schickt, ist ungewiß. Wer dranbleiben will, muß auf gepackten Koffern sitzen. Die Folgen für junge Frauen, die sich eine Familie wünschen, sind evident: Sie hüten sich, Kinder in die Welt zu setzen und mit dem Partner in eine gemeinsamen Wohnung zu ziehen, leben sie doch voraussichtlich bald wieder in einer anderen Stadt oder können die Miete nicht mehr bezahlen, weil der Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde. Unbemerkt werden Zeitordnungen zu sozialen Machtordnungen. Jenes Gefühl der Zeitnot, welches Alltag und Erwerbsbiographie beherrscht, wird durch den gesellschaftlichen Diskurs um eine sinnvolle Zeitverwendung und die Forderung, doch effizienter zu leben (und möglichst rasch Kinder zu bekommen), noch verstärkt.
Für Unternehmen ist das wunderbar und profitabel. Nach ein oder zwei Jahren tauschen sie die Arbeitskraft einfach aus. Stellenausschreibungen wie die des Sachbuchverlags „Compact“ sind nicht selten: Dort sucht die Fremdsprachenredaktion einen Mitarbeiter für zwölf Monate und bietet ein bescheidenes Gehalt. Bei der Verlagsgruppe „Random House“ soll der künftige Angestellte achtzehn Monate lang die Vertriebsaktivitäten der Fifa für die Fußballweltmeisterschaft 2006 betreuen. Und wenn die Weltmeisterschaft in Deutschland vorbei ist?
Im Zweifel für den Mann
Besonders kritisch beäugt der Arbeitsmarkt Frauen über dreißig. Daß die biologische Uhr tickt, wissen auch Personalchefs. Doch kein Unternehmen gibt offen zu, daß Geschlecht und Alter des Bewerbers bei der Entscheidung eine Rolle spielen: im Zweifel für den Mann, der keine Kinder bekommt und sich nicht in den Erziehungsurlaub verabschiedet, auch wenn ihm das der Gesetzgeber freilich einräumt.
Eine neunundzwanzig Jahre alte Betriebswirtin hat 47 Bewerbungen geschrieben und 47 Absagen erhalten. Zu alt sei sie, überqualifiziert oder passe nicht ins Unternehmen. Früher wollte sie drei, lieber vier Kinder. Bei Bewerbungsgesprächen mimt sie die kühle Akademikerin, der Kinder gleichgültig sind. Natürlich darf die Bewerberin nicht gefragt werden, ob sie schwanger sei. Das muß sie auch gar nicht, es gibt andere Strategien. „Perfide Verhörmethoden“ nennt sie das. „Oft beginnt es mit einem scheinbar harmlosen Gespräch über die Kindheit“, sagt sie. „Über die Wichtigkeit familiärer Geborgenheit.“ „Sie sind ja auch schon neunundzwanzig“ ist einer jener Sätze, die in diesem Zusammenhang gern fallen. Darüber, wie sich Beruf und Kinder miteinander vereinbaren ließen, wird nicht gesprochen. Daß Familienfreundlichkeit den meisten deutschen Unternehmen nicht wichtig ist, paßt ins Bild: Wenn die Angestellten keine Kinder haben, benötigt man auch keine Betriebskindergärten.
Vorbild „Burda Bande“
Ist die weibliche Wahrnehmung für den Erfolg eines Unternehmens allerdings unentbehrlich, finden sich auf sämtlichen Konzernebenen Frauen. Daß deren Nachwuchs im betriebseigenen Kindergarten betreut wird und die Arbeitszeiten flexibel sind, ist dann auch selbstverständlich. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten des Burda-Verlags, der Zeitschriften wie „Freundin“, „Instyle“, „Frau im Trend“ oder „Lisa“ herausgibt, sind Frauen. Um die Versorgung ihrer Kinder sorgen sie sich nicht. „Burda Bande“ heißt jenes Konzept, das den Mitarbeiterinnen des Verlags eine Unterstützung bietet, die Freiheiten schafft, und sie meist nach nur wenigen Monaten Erziehungsurlaub wieder an den Arbeitsplatz zurückführt. Ob die Mutter fünf Vormittage in der Woche oder drei ganze Tage arbeitet, bleibt ihr überlassen, schließlich kann sie sich für eine Dreiviertel- oder Ganztagesbetreuung entscheiden.
Die Normalität sieht anders aus: Im Jahr 2001 vereinbarten die Bundesregierung und die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft die Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft. Doch die im Januar vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlichten Zahlen zeigen, daß Frauen in Entscheidungspositionen hierzulande die Ausnahme sind; der Weg zur Chancengleichheit ist noch weit. Nur drei Prozent aller Geschäftsführungsposten der befragten Unternehmen besetzen Frauen. Im Vorstand der nach Beschäftigungszahlen siebenundachtzig größten Unternehmen der „Old Economy“ liegt der Frauenanteil bei nur einem Prozent.
Noch bedenklicher als diese Zahlen ist die Erkenntnis, daß auf dem Karrierepfad Frauen, die keine Familie gründen, deutliche Vorteile gegenüber jenen mit einem Kind haben.
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