23.02.2007 · Der Augsburger Bischof Mixa nennt die Familienministerin von der Leyen „ideologisch verblendet“: Sie würdige mit ihrem Konzept zur Kinderbetreuung Frauen zu „Gebärmaschinen“ herab. Was denken die jungen Mütter darüber? Eine Antwort von Sandra Kegel.
Von Sandra KegelIn einem Lokal in der Frankfurter Innenstadt trifft sich nach Büroschluss eine fröhliche Runde junger Frauen. Juristinnen, Medizinerinnen und Unternehmensberaterinnen sitzen an einer langen Tafel, ich gehöre auch dazu. Wir haben uns viel zu erzählen, ein Thema aber verbindet uns vor allem: Wir alle haben Kinder, und wir alle hadern mit den Bedingungen für berufstätige Mütter in Deutschland. Deshalb haben einige, die hier sitzen, diesen Verein gegründet, um sich gegenseitig zu stützen - „networking“ nennen sie das.
Diesen jungen, gut ausgebildeten Frauen, die unsere Wirtschaft bald noch viel mehr brauchen wird, als dies schon heute der Fall ist, und die also an ihren Berufen ebenso Spaß haben wie an ihren Kindern, spricht die derzeit so umstrittene Familienpolitikerin Ursula von der Leyen aus der Seele. Von der studierten Ärztin und spätberufenen Politikerin mit sieben Kindern fühlen sie sich nicht nur verstanden. In ihr haben sie jemanden gefunden, die zum ersten Mal in der deutschen Politik ihre Interessen vertritt und dafür ernst genommen wird - endlich, muss man sagen, denn Familienpolitik fand in den vergangenen fünfzehn Jahren praktisch nicht statt. Das war ein Fehler, wie sich heute zeigt.
Fachkräfte und Beitragszahler
Längst sind sich Wissenschaftler und Wirtschaftsführer darin einig, dass Wohlstand und das Überleben der Sozialsysteme westlicher Industrienationen in hohem Maße von den Frauen abhängen werden: von ihrer (Mit-)Entscheidung, eine Familie zu gründen, ebenso wie von ihrer Bereitschaft, einen Beruf auszuüben. Weil eine Gesellschaft ohne Kinder ihre Zukunft verspielt. Und weil die weibliche Präsenz am Arbeitsmarkt zu Wachstum führt sowie Fachkräfte und Beitragszahler bringt.
Die Kontroverse um die neuen, dringend benötigten Krippenplätze, die Ursula von der Leyen in den nächsten Jahren schaffen will, scheint da vor diesem Hintergrund geradezu weltfremd. Vielen Frauen klingt sie denn auch wie Hohn in den Ohren, denn alles, was sie wollen, ist die Freiheit, entscheiden zu können, ob sie ihre Kinder zu Hause erziehen oder sie für einige Stunden am Tag außer Haus bringen.
Krippenplatz als Lottogewinn
Mütter wie ich haben sich mit der Situation, dass ein Krippenplatz in Deutschland noch immer einem Lottogewinn gleichkommt, arrangiert. Von den Frauen künftiger Generationen wird man das nicht mehr erwarten können. So, wie es auch schon in den neuen Bundesländern bekanntermaßen die jungen Frauen waren, die vor der Trostlosigkeit in den Westen flohen, wird man die Frauen auch hier nicht halten können, wenn sich ihnen anderswo bessere Chancen bieten.
Meine belgische Freundin, die gerade zu Besuch ist, staunt über die deutschen Missverhältnisse: „Ihr seid doch sonst in allem so perfektionistisch.“ Sie erzählt nicht ohne Stolz von den vielen Kindereinrichtungen in ihrem Land. Ein Platz in einem Brüsseler Kindergarten, der von morgens um sechs Uhr bis abends um halb sieben genutzt werden kann - wobei kein Kind die ganze Zeit bleibt -, kostet inklusive Essen siebzig Euro im Monat - so viel wie bei uns allein die Mittagsspeise. Sogar das belgische Opernhaus hat einen Babysitterservice eingerichtet, den meine Freundin anrufen kann, wenn sie Karten für eine Vorstellung, die Oma aber keine Zeit für die Enkel hat.
Erlöst aus der Heldenrolle
Seit dem Amtsantritt von Frau von der Leyen macht sich auch hierzulande Hoffnung breit, denn es vollzieht sich unter der CDU-Frau jene radikale Wandlung in der Familienpolitik, die ihrer Vorgängerin Renate Schmidt nicht geglückt war. Da gilt in der SPD das Thema Familie nicht mehr als „Gedöns“, da finden nicht alle CDU-Politiker die französische Maternelle schon deshalb verdächtig, weil dort die Kleinsten mit Buchstaben konfrontiert werden, da sind die einstigen Unworte „Krippe“, „Ganztagsschule“ oder „frühkindliche Bildung“ plötzlich salonfähig. Kurz: Das deutsche Muttertier, dem man bescheinigte, allein befähigt zu sein, mit den lieben Kleinen im Sandkasten zu matschen und Klötzchen übereinanderzustapeln, scheint endlich erlöst aus seiner überstrapazierten Heldinnenrolle.
Niemand wird heute noch ernsthaft behaupten wollen, dass allein die Mutter den Bedürfnissen ihres Kindes gerecht wird, im Gegenteil: Gegen Ende des ersten Lebensjahrs interessieren sich Kinder brennend für andere Kinder und auch andere Erwachsene. Diese Neugier wurde früher in der Großfamilie befriedigt, heute, da es dieses soziale Miteinander kaum mehr gibt, kann es durch Krabbelgruppen und Kindergärten ersetzt werden. Und man kann es nicht oft genug wiederholen: In Ländern wie Frankreich, in denen schon vor Jahrzehnten ein hervorragendes System der frühkindlichen Bildung und Erziehung entwickelt wurde, leben Kinder nachweislich seltener in Armut als bei uns, schneiden sie in Bildungsvergleichen besser ab, und es werden dort mehr Kinder geboren. Zugleich sind dort deutlich mehr Frauen berufstätig.
„Sozialistische Verhältnisse“
Die Beharrungskräfte der Traditionalisten sind gleichwohl nicht zu unterschätzen, auch wenn Frau von der Leyen demonstrative Deckung von CDU-Granden wie den Ministerpräsidenten Koch und Wulff erhält. Gestern erst hat sie wieder für Gesprächsstoff gesorgt mit ihrem Vorschlag, ein verpflichtendes Vorschuljahr einzuführen. Die Reaktionen auf solche Vorstöße fallen harsch aus: Von der DDR als Vorbild war bereits im Streit um die Krippenplätze reflexartig die Rede - ausgerechnet ein Minister aus Sachsen warnte vor „sozialistischen Verhältnissen“ -, und davon, dass Ursula von der Leyen Mütter in die Berufstätigkeit drängen wolle. Vom Augsburger Bischof Mixa wurde sie jetzt gar als „kinderfeindlich und ideologisch verblendet“ kritisiert. Frau von der Leyen degradiere die Frau zur „Gebärmaschine“.
Da will jemand offenbar nicht begreifen, dass sich Politik nicht mit einer an alten Zeiten orientierten Ideologie betreiben lässt. Es ist, als glaubten manche noch immer, man könne Familienkonzepte mit Parteitagsbeschlüssen auf ewig festlegen - dabei übersehen sie, wie wenig die Wirklichkeit noch zu tun hat mit den Vater-Mutter-Kind-Spielen, mit denen sie sich vor einer Dreiviertelgeneration die Zeit im Sandkasten vertrieben haben. Die Familie folgt keiner Doktrin. Man muss es nicht gutheißen, aber zur Kenntnis nehmen: Sie unterwirft sich dem Wechsel der Zeiten. In Deutschland sieht die Wirklichkeit heute so aus: Ein Drittel aller Kinder kommt unehelich auf die Welt, ein Drittel aller Kinder hat ausländische Eltern, jedes fünfte Kind lebt bei einem alleinerziehenden Elternteil. In vielen Schulklassen sind Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern leben, heute in der Unterzahl. Schon deshalb hat Ursula von der Leyen recht, wenn sie ein Familiensplitting für alle Familienformen fordert, ob mit oder ohne Trauschein, ob traditionell oder patchwork, denn Familie ist da, wo Kinder sind.
Den Kindern geht es nicht gut
Deshalb geht es in der Debatte auch keineswegs nur um jene gut ausgebildeten Mütter, die unbedingt weiterhin arbeiten wollen und darin auch einen wichtigen Teil ihres Selbstbilds sehen, sondern auch um jene Frauen, die sich als Alleinerziehende oder Sozialhilfeempfänger mehr recht als schlecht durchschlagen und in ihrer Mutterrolle dringend entlastet werden müssen. Wie wenig zufriedenstellend die jetzige Situation für die Kinder ist, hat erst vor einigen Tagen in dramatischem Umfang eine Studie des Kinderhilfswerks Unicef gezeigt. In einundzwanzig Ländern wurde die Situation von Kindern untersucht: Demnach geht es ihnen ausgerechnet in Deutschland, wo Mütter immer noch häufiger zu Hause sind als in anderem Staaten, vergleichsweise nicht besonders gut: Viele wachsen in armen Verhältnissen auf, obwohl sie in einem der reichsten Länder der Welt leben und Familien hierzulande stark subventioniert werden; doch das Geld kommt bei den Kindern offenbar nicht an.
Schwer wiegt auch, dass deutsche Kinder im Vergleich zu denen aus anderen Ländern den geringsten Zuspruch erfahren. Niemand in den Familien höre ihnen zu, beklagen sie laut der Studie; von der Zukunft erwarten sie wenig. Es wäre unredlich, daraus gleich Zusammenhänge zu konstruieren, aber es ist erschreckend, dass Kinder hierzulande so früh wie nirgendwo sonst zu Alkohol und Zigaretten greifen. Insbesondere für die ärmeren Familien wird es irgendwann ein Segen sein, dass die Ministerin nicht müde wird, die Reformen bei der Betreuung und Bildung von Kindern voranzutreiben.
Wie schwer sich die Politik mit ihren neuen Leitlinien noch tut, zeigt sich nicht zuletzt in der Rhetorik. Die CDU-Familienpolitikerin Ilse Falk gebrauchte keine geringere Vokabel als die des Paradigmenwechsels, um die Orientierung am Ist-Zustand der Gesellschaft zu beschreiben. Dort aber ist man längst in einer Normalität angekommen, in der niemand mehr uns berufstätige Mütter für die Verwahrlosung der Jugend verantwortlich macht oder uns fragt, weshalb wir uns Kinder anschafften, wenn wir ihnen dann doch keine Zeit widmen. Vielmehr wird geachtet, dass man den Balanceakt wagt - aus Freude an beidem.