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Familie Der verunsicherte Mann

09.09.2005 ·  Die Debatte um die Greisenrepublik und ihre Folgen dreht sich allein um die Frau und ihre Gründe, keine Kinder zu wollen. Dabei gibt es weit mehr Männer als Frauen ohne Nachwuchs. Über sie wissen wir fast nichts.

Von Sandra Kegel
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Es ist gar nicht so lange her, da zählten Begriffe wie demographischer Wandel zum Fachvokabular von Rentenexperten, Kinderkriegen galt als Privatangelegenheit - und Frauen, die keine hatten, waren irgendwie modern.

Seit sich jedoch das Wort von der Greisengesellschaft und ihren dramatischen Folgen herumgesprochen hat, treibt die K-Frage - die Frage, warum wir immer weniger Kinder bekommen - die Deutschen um. Unter öffentlichem Rechtfertigungsdruck steht besonders die Frau ohne Kind.

Man analysiert ihre Ansprüche, untersucht ihre Wertvorstellungen, beleuchtet ihre Lebensentwürfe, ihr postfeministisches Bewußtsein. Der kinderlose Mann hingegen ist in dieser Rechnung der Demoskopen die bislang unbekannte Größe. Über ihn wissen wir fast nichts; und auch nichts über seine Beweggründe, keine Kinder zu wollen.

Mehr Paare ohne Kinder als Familien

Jetzt hat zwar eine Allensbach-Untersuchung über die Einstellung junger Männer zur Familie auch nach den Ursachen für die bewußte Kinderlosigkeit gefragt - und von sechzig Prozent der Herren die Antwort erhalten, es seien „andere Gründe“ als finanzielle, berufliche oder die ungelöste Situation der Kinderbetreuung . Jedoch hat es das Institut versäumt, bei diesen „anderen“ verschwiegenen Gründen nachzuhaken - denn die Zurückhaltung der Männer in der Kinderfrage ist das eigentlich Spannende.

Es liegt nämlich nicht in erster Linie an den Frauen, daß es in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre mehr Paare ohne Kinder gibt als Familien. Es liegt mindestens so sehr an den Männern. Die Kinderfrage wird fast immer von zweien entschieden. Will einer der beiden nicht mitziehen, findet die Angelegenheit nicht statt.

Ein Viertel bleibt kinderlos

Hierzulande bislang praktisch unbekannt ist die Tatsache, daß es heute in allen Altersgruppen der nach 1940 Geborenen deutlich mehr kinderlose Männer gibt als kinderlose Frauen. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2003 in einer Pionierstudie ermittelte, ist zum Beispiel ein Viertel der fünfundvierzig- bis fünfzigjährigen Männer kinderlos, bei den Frauen sind es dagegen nur halb so viele.

Unter Akademikern ist jeder zweite nach 1965 Geborene noch ohne Nachwuchs, bei den Akademikerinnen hingegen ist es nur jede dritte. Trotzdem stehen stets die kinderlosen Frauen und nie die Männer ohne Kind im Mittelpunkt der Diskussion über den Geburtenrückgang.

„Gebärstreik“, beklagt die Hamburger Journalistin Meike Dinklage, „dieses Wort kursiert ewig. Zeugungsstreik, davon hat man noch nie etwas gehört.“ Von selbst freilich wagt sich der kinderlose Mann, dieses obskure Objekt der Statistik, nur selten aus der Deckung.

Subtile Mechanismen

In ihrem aufschlußreichen Buch „Der Zeugungsstreik - Warum die Kinderfrage Männersache ist“ hat Meike Dinklage, Jahrgang 1965 und selbst kinderlos, etwas Licht in die dunkle Gefühlslage männlicher Kinderverweigerer gebracht. Sie ist durchs Land gereist und hat Männer zu ihrer Kinderlosigkeit befragt.

„Wie kann es angehen, daß Kinderlosigkeit bei Frauen nur als biologisch begründete Entbehrungstragödie akzeptiert wird, während der Mann mit der Einsamer-Wolf-Nummer durchkommt?“ Ihre Vermutung, daß die Mechanismen der gewollten Kinderlosigkeit bei Männern wesentlich subtiler sind als bei Frauen, bestätigt die Lektüre der aufgezeichneten Gespräche - und läßt einen ratlos zurück.

Da gibt es freilich die bewußt kinderlos lebenden Männer wie Dietmar Bartz, der in einem „Rechenschaftsbericht“ in der „Zeit“ forderte, daß „die Wunschlosigkeit in gleichem Maße respektiert wird wie der Wunsch“. Die Kinderfrage, klagt der Autor, habe immer wieder seine Beziehungen zerstört: „Ich kenne das argwöhnische Horchen der Frau auf das Ticken der biologischen Uhr, die Bedrückung über den langsam aufziehenden Großkonflikt, das stille Leiden und die Wutanfälle wegen Schwangerschaftsvorenthaltung“ - aber: „Ich kann das Recht am eigenen Kind nicht abgeben.“

„Ich will vielleicht Kinder“

Häufiger als diesem Typus des Totalverweigerers begegnete Meike Dinklage jedoch jenen „Später vielleicht“-Männern, bei denen sich die Kinderlosigkeit einfach eingeschlichen hat. Sie hegen keinen gesteigerten Pessimismus gegen die Welt wie noch in den achtziger Jahren, als man die Umweltverschmutzung zur Begründung gegen Nachwuchs bemühte, oder die Folgen der Globalisierung in den Neunzigern. Diese Männer verschleppen die Vaterschaft, schieben den Gedanken auf, sind sich nicht sicher, ob sie wirklich Nachwuchs wollen.

„Meine Argumente für oder gegen Kinder sind ein amorpher Brei“, sagt etwa der zweiundvierzigjährige Fotograf und Kinderbuchautor Jan Jepsen: „Ich will vielleicht Kinder, aber der Punkt ist: Ich kann mich nicht entscheiden.“

Auch konkrete Beweggründe werden formuliert, etwa die Angst, das bisherige Leben mit all seinen Möglichkeiten nicht mehr genießen zu können. Er würde sich wohl schwertun damit, „seine Freiheit zu opfern“, fürchtet Jespen: „Man muß viel aufgeben, im Zweifelsfall sich komplett, und an die Stelle der Selbstverwirklichung tritt die des Kindes.“ Kinderwagen statt Cabrio - das ist längst nicht mehr selbstverständlich.

Keine Handhabe gegen latente Verwirrung

Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, die gestern erst einen Bericht über Väter und Väterbilder in Deutschland veröffentlicht hat, vermutet schon seit längerem, daß es am Ende die Männer seien, die bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind häufiger den Ausschlag geben. Weil viele Männer nicht zwischen Spaß und Freude unterscheiden könnten - zumindest dann nicht, wenn die Freude Mühe bereite.

Armin Laschet, der neue CDU-Familienminister von Nordrhein-Westfalen, der sein Ministerium um das hierzulande einzigartige Ressort „Generationen“ erweitert hat, zuckt angesichts der diffusen Gefühlslage seiner Geschlechtsgenossen ratlos mit den Schultern. Das sei für die Politik die schwierigste, ja die entmutigendste Situation, so Laschet, weil man dagegen machtlos sei. Für bessere Betreuungsmöglichkeiten kann man sich einsetzen und auch für mehr Kindergeld - gegen latente Verwirrung bis Indifferenz gibt es hingegen keinerlei ministerielle Handhabe.

Manche Männer können sich Kinder durchaus vorstellen, doch wollen sie sich zuerst wirtschaftlich absichern, ehe sie sich bereit fühlen für Nachwuchs - und schieben den Gedanken wieder beiseite. Studien haben ergeben, daß sich Männer auch in Industriestaaten noch immer als Haupternährer der Familie fühlen, selbst wenn die Partnerin über ein höheres Einkommen verfügt. Für ihr Selbstverständnis scheint es dennoch von Bedeutung, ob sie es sich alleine leisten können, eine Familie zu ernähren.

Nervige Betüddelungsorgien

Im Zuge der Frauenbewegung wurde diese klassische Männerrolle entwertet. Die Folgen sind eine Verunsicherung und die Suche nach einem neuen Rollenbild, mit bisweilen tragikomischen Effekten, wie etwa viel zu teuren Autos oder Abenteuerreisen zum Südpol.

Weil Männer, sagen Psychologen, oft einfach ratlos sind, was Mannsein bedeutet, und daher auch nicht wissen, was Vatersein sein soll. Oder, wie der Kölner Neurologe Alexander Semmler meint: „Mich nerven diese Betüddelungsorgien, die da abgefeiert werden, die Bedingungslosigkeit, mit der man sein Kind in den Mittelpunkt stellt.“

Während Frauen Monat für Monat an die Möglichkeit einer Schwangerschaft erinnert werden und der biologische Zeitrahmen ihnen zudem klare Grenzen nach hinten setzt, existiert bei Männern keine Grenze zwischen dem Zustand des potentiellen Vaters und dem des Mannes ohne Kind. So bleibt der Mann ohne Kind auch im öffentlichen Bewußtsein einfach ein Mann noch ohne Kind - auch wenn er vierzig oder fünfundvierzig ist.

Der Unentschiedenheit folgt oft ein Rückzug

Mit fünfzig gilt er dann als potentieller später Vater. Gelassen kann er seine Unentschiedenheit bis ins hohe Alter pflegen - und darauf spekulieren, daß seine Zeugungskraft dereinst noch so intakt ist wie die von Charlie Chaplin. Frauen über dreißig hingegen kommen auf dem Beziehungsmarkt ganz schlecht an, weil sie, wie es ein spätpubertierender Vierzigjähriger einmal formulierte, diesen Ich-will-ein-Kind-Blick haben.

Daß die Ehe mithin keine Kinder mehr voraussetzt und, seit es die Empfängnisverhütung gibt, auch kein biologisches Gesetz Männer mehr in die Vaterschaft zwingt, ist da Fluch und Segen zugleich. Weil das Vatersein nicht mehr vom Schicksal abhängt, sondern man sich frei dafür entscheiden muß, steht plötzlich alles auf dem Prüfstein: die finanzielle Basis, die Beziehung der Partner untereinander, die Wünsche und Perspektiven, die man mit Kindern verbindet - oder eben ohne.

Manche Männer, die Meike Dinklage interviewt hat, hoffen paradoxerweise, daß das Schicksal sie von der Last der Entscheidung befreit, und sei es eine dea ex machina, die sie mit einer Schwangerschaft vor vollendete Tatsachen stellt. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, daß die Hälfte der ledigen Alleinerziehenden von ihrem Partner während der Schwangerschaft verlassen wurde - der latenten Unentschiedenheit folgt also oft der überstürzte Rückzug.

Der Hugh-Grant-Komplex

Es gibt natürlich auch Männer, die von ihrer Familie verlassen wurden; Männer, die irgendwann keine Kinder mehr zeugen können; es gibt Männer, die keine Frau finden oder die gar nicht wissen, daß sie längst Vater sind. Einer überwiegenden Mehrheit von Kinderlosen jedoch scheinen die neuen Freiheiten unserer multioptionalen Gesellschaft, in der Kinder eben keine Selbstverständlichkeit mehr sind, zu schaffen zu machen.

Für das Phänomen des überforderten Mannes, dem es nicht mehr gelingt, sich aus eigener Kraft festzulegen, hat man den Begriff „Hugh-Grant-Komplex“ kreiert. Tatsächlich versteht sich der britische Schauspieler, dieser Bub jenseits der Vierzig, wie kein anderer im Film und im wirklichen Leben auf die „Grundsätzlich sage ich nicht nein“-Diplomatie. Was sich darin manifestiert, eine trotzig zur Schau gestellte Kindsköpfigkeit, eine Unsicherheit sich selbst und dem Leben gegenüber, wurde durch Hugh Grant geradezu salonfähig.

Liz Hurley, die ehemalige Freundin des Schauspielers, hat mittlerweile von einem anderen Mann ein Kind bekommen. Und Hugh Grant betont neuerdings in Interviews, daß er sich eine Freundin wünscht - „gern auch mit Kind“. Manchmal schafft das Leben dann doch seine eigenen Realitäten.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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