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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Falsches Wahlprogramm Wo war Bosbach?

 ·  Am Sonntag hätte das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigen können, was Bildung ist. Aber wo waren die Europäer, die Griechenlandkenner, die Franzosen und die Schleswig-Holstein-Spezialisten bloß?

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Von Professor Kirchhof wissen wir, dass uns das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu Recht auch dann Gebühren abnimmt, wenn wir gar nicht zuschauen oder nicht einmal ein Gerät dafür haben. Denn das öffentlich-rechtliche Fernsehen erweitere, so ging das Argument, den Welthorizont (incl. Bildung, Wissen, Kultur und solcher Sachen) seines Publikums. Was nicht nur der Demokratie, sondern buchstäblich jedem zugutekomme, der ihr - der Fernsehzuschauer - Mitbürger sei. Also allen.

Dieses Konzept des ideellen Gesamtnutzens wirkt auf den ersten Blick gewagt und wartet noch auf seine Nachahmung durch allgemeine Zwangsgebühren für Kindergärten und Leihbibliotheken. Es hängt aber zuletzt nicht an der Metaphysik des Nutzenbegriffs, sondern an der Empirie des Fernsehens. Haben wir uns jedenfalls so gedacht, als wir am Sonntagabend Zeugen der Welthorizonterweiterung bei Günther Jauch werden durften. In Athen hatte sich gerade das Wahlvolk radikalisiert, in Paris jubelten die Hollandisten, und in Kiel ging es turbulent zu, weil wieder einmal gar nicht leicht festzustellen war, wer die Wahl gewonnen hatte.

Die falschen Kandidaten

Und Jauchs Gäste an diesem je nachdem deutsch-französischen, europäischen oder friesisch-holsteinischen Abend? Etwa Europäer, Griechenlandkenner, Franzosen, Leute, die sich in Schleswig-Holstein oder mit der Parteiendynamik auskennen? Nö. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, eine erfolglos gegen ihn kandidiert habende Grüne, ein ehemaliger Wirtschaftssenator von Berlin für die Linke, zwei Kandidaten aus dem nordrhein-westfälischen Wahlkampf sowie der Bundesgeschäftsführer der Piratenpartei. In dieser Besetzung könnte Jauch eigentlich den Rest des Jahres weiterdiskutieren lassen, egal zu welchem Thema.

Es fehlte nur Wolfgang Bosbach (CDU), weil der nämlich auch nichts mit den Ereignissen des Abends zu tun hatte, aber mitunter sogar gern dabei ist, wenn er nicht einmal mit dem Thema der Talk-Show etwas zu tun hat (so wie neulich, als er in der Rolle des Grillkohlekäufers bei einer Jauch-Runde über Aldi dabei war).

Das ist die Aufrundung von Kirchhofs Argument: Die Leute zahlen Gebühren für ein Fernsehen, das sie nicht nutzen, die damit finanzierten Talkshows laden Gäste ein, die nichts zu dem beitragen können, was gerade geschieht, die Zuschauer vergessen sofort, was gesagt wurde, eben weil es kein sinnvoller Beitrag zu etwas war - und das Ganze nennen wir Bildungsauftrag, Öffentlichkeit, Aufklärung oder Demokratie oder so.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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