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„Postfaktisch“ : Die Faktendämmerung hat eingesetzt

Den brauchen wir jetzt nicht mehr: „Mund der Wahrheit“ Bild: AFP

Die Oxford Dictionaries haben „postfaktisch“ zum internationalen Wort des Jahres gewählt. Willkommen im Zeitalter des ungesunden Menschenverstandes. Brauchen wir eine Renaissance der Aufklärung? Ein Kommentar.

          Schon Pilatus quälte sich bekanntlich, als er die Hände in Unschuld wusch, mit der trickreichen Frage herum: Was ist Wahrheit? Und das in einer Situation, in der es mehr um Emotionen als um Tatsachen zu gehen schien, aber irgendwie klar war, dass daraus wohl Fakten folgen würden. Da kann man wohl nervös werden, denn wie oft wurden schon Entscheidungen auf faktenfernster Basis getroffen, weil Leute irgendetwas glaubten oder glauben wollten und glauben gemacht wurden. Die Menschheitsgeschichte ist voll davon, auch lange bevor es das Internet gab.

          Trotzdem riefen erst 2004 der Autor Ralph Keyes und der Journalist Eric Alterman die post-truth era aus, also das Zeitalter nach der Wahrheit. Das war, ein Jahr nachdem Colin Powell die Notwendigkeit des Irak-Kriegs damit begründet hatte, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen bereithalte. (Heute sagt der frühere amerikanische Außenminister, man habe ihn getäuscht.)

          Der laute Schrei im Netz

          Lüge und Wahrheit nach alter Falken Sitte machen freilich noch keine neue medienpolitische Ära. Das Schlagwort von einer Gegenwart jenseits des Tatsächlichen – dem postfaktischen Zeitalter, wie es hierzulande heißt – konnte nur Karriere machen, weil es endlich eine griffige Formulierung liefert für das netzmediale Massenverschwörungsrauschen, für das man keinen Aluhut aufsetzen oder an Reptiloide glauben muss, um es zu hören. Einen Begriff für das Hassreden- und Propagandagetöse, für das grassierende Gefühl, dass in einer überkomplexen Welt sowieso keiner mehr mit dem Faktencheck hinterherkommt und deshalb aus dem Bauch heraus entschieden wird, dafür, dass öffentliche Diskurse von Redeverboten bis auf eine politisch korrekte Fassade ausgehöhlt werden, gleichzeitig nur der lauteste Schreihals sich noch Gehör verschaffen kann und mit jeder Lüge durchkommt, wenn er nur geschickt genug auf der Klaviatur der sozialen Netzwerke spielt.

          Das Projekt der Aufklärung am Ende? Und dann kamen Typen wie Farage und Trump, scheinbar Inkarnationen des postfaktischen Menschen. Das Oxford Dictionary aus dem Post-Brexit-Land hat gerade post truth zum Wort des Jahres gekürt. Womit erwiesen wäre: Das vermeintliche Ende der Fakten und Wahrheiten wird erst dann so richtig interessant, wenn es neue Fakten und Wahrheiten geschaffen hat. Der Brexit und Trump lassen sich nicht einfach so wegtwittern, und auch die Verbreiter von Unwahrheiten – was immer das sein mag – nicht einfach per Klick aus Facebooks Werbedeals kicken, wie es Mark Zuckerberg, von den Clinton-Anhängern für den Sieg Trumps mitverantwortlich gemacht, vollmundig ankündigte. Das Ende der Wahrheit gibt es genauso wenig wie das Ende der Geschichte. Vielleicht wäre es Zeit für eine neue Sachlichkeit.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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