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#nomakeup : Fake Face

Ein Model lässt sich für eine Modenschau bei der London Fashion Week schminken. Bild: AFP

Nacktbilder, Homestorys oder tränenreiche Seelenentblößungen in Talkshows haben ausgedient: Heute zeigt sich die Prominenz im Gesicht nackt und überschwemmt das Internet mit Fotos.

          Als wäre die Sache mit den Fake News, die Donald Trump immer „so sad“ findet, weil sie gar nicht Fake sind, nicht schon lästig genug, und als käme nicht dazu, dass Meinungsroboter und andere Multiplikatoren unterschiedslos alles Mögliche als Fake etikettieren – unliebsame Tatsachen, Falschmeldungen, Propaganda, ironische Scherze, Verleumdung und kritische Recherche – als wäre die Frage nach dem Falschen im Wahren nicht schon kompliziert genug, werden wir auch noch von Fake Faces verfolgt. Die sich für mindestens so real ausgeben wie @realDonaldTrump auf Twitter.

          Wenn die grassierende Paranoia vor der Verlogenheit der Welt einen bleibenden Trend gesetzt hat, dann diesen: Wer immer als weiblicher Star oder Möchtegern-Promi etwas darstellen will, hält sein ungeschminktes Gesicht vor die Kamera. Hat die amerikanische Bloggerin Leandra Medine die Lawine losgetreten? Gwyneth Paltrow, als sie ein Selfie postete, auf dem sie au naturel aus einer Wasserflasche trinkt, wortlos kommunizierend: Ich bin echt schön dank Wasser und Yoga? Oder Beyoncé? Unter dem Stichwort #nomakeup verbreitete Bilder sind zu einer echten Seuche geworden. Nacktbilder, Homestorys oder tränenreiche Seelenentblößungen in Talkshows haben ausgedient. Gilt es, die Aura des Intimen und Wahrhaftigen um die Selbstrepräsentation zu legen, heißt es: oben ohne. Alicia Keys landete einen PR-Coup, als sie ihr Comeback ohne Makeup anging und Moderatoren einer Fernsehshow dazu brachte, sich live abzuschminken. Das wirkte so echt, so authentisch, so real, so feministisch stark, wie ihre Musik sein will. Wahr, schön und gut in Tateinheit, befreit vom Diktat der Beautyindustrie. Bis herauskam, dass die Soul-Sängerin angeblich Brauendefinierer, ein selbstbräunendes Anti-Aging-Serum und Mattierer im Wert von mehreren hundert Dollar benutzt, wenn sie nichts sonst im Gesicht trägt.

          Das ist natürlich nicht überraschend. Und ungeschminkte Frauen, die sich chirurgisch optimieren ließen, haben etwas von Rokoko-Schönheiten, die mit ihren vom Korsett verformten Rippen auch nackt schlanke Taille demonstrieren konnten. Das Ungeschminkte ist nur eine andere Form der gesellschaftlichen Maske. Vielleicht ist die Forderung nach dem wahren Gesicht auch eine Obsession, die immer dann ausbricht, wenn Leute Probleme mit ihren Eliten haben. Die bleiweiß gepuderte höfische Gesellschaft konnte davon am Ende ein Lied singen. Oder wir haben es mit neuer Prüderie zu tun. Aber mal ehrlich: Wer will schon das wahre Gesicht seines Gegenübers sehen? Ist es nicht besser, wenn sich darüber der Firnis gesellschaftlicher Konventionen legt?

          Ob Donald Trump Schminke trägt, wissen wir nicht. Dass er ganz er selbst ist, wenn er twittert, scheint möglich. Dass alle aufatmen, wenn er die Larve des Staatsmanns überstreift, ist gewiss.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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