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Fälschungsskandal Die Heilige Kuh heißt Provenienz

10.09.2010 ·  Eine faule Quelle kontaminiert den Kunstmarkt nachhaltig: Der Skandal um gefälschte Werke aus der „Sammlung Jägers“ beweist, dass Sorgfalt die erste Pflicht ist - wie oft sie aber auch von Experten vernachlässigt wird.

Von Rose-Maria Gropp
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Auch große Skandale haben klein angefangen. Der aktuelle um die Fälschungen aus der angeblichen Kölner „Sammlung Jägers“ begann Mitte Juli im Branchenblatt „Informationsdienst Kunst“, dem keiner so recht Glauben schenkte, zu monströs klang das alles. Der Skandal explodierte mit sommerlicher Verzögerung, jetzt ist die unerhörte Causa auf dem Tisch (Das Titanweiß verrät den Fälscher ) - und wird nur immer noch erstaunlicher. Gegen fünf Personen wird vom Berliner Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft Köln wegen schweren Betrugs ermittelt, drei davon sitzen seit Tagen in Untersuchungshaft.

Von mindestens fünf Gemälden im gehobenen und im hochpreisigen Segment ist die Rede, die inzwischen als Fälschungen identifiziert seien, drei darunter - eines von Heinrich Campendonk und zwei von Max Pechstein - wurden im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigert, eines war bei Christie's in London eingereicht, ein weiteres über den französischen Handel vertrieben. Von daran anschließenden Verdachtsfällen ist die Rede, und nach Auskunft des Berliner LKA ist noch kein Ende der Untersuchungen in Sicht. Die Quelle allen Unheils ist die „Sammlung Jägers“, von der inzwischen niemand mehr glaubt, dass sie überhaupt jemals existiert hat. Die eigentliche Ursache dieses Flurschadens, der sich keineswegs nur nach seinem geschätzten pekuniären Wert im vagen „siebenstelligen Bereich“ bemisst, sondern die gesamte Branche in eine (freilich nicht die erste) Vertrauenskrise stürzt, ist ein allzu sorgloser Umgang mit der zu Recht Heiligen Kuh des internationalen Handels: der Herkunft eines Kunstwerks nämlich.

Spezialist von Sotheby's ignorierte seine Sorgfaltspflicht

Die zentrale Bedeutung der Provenienz ist wahrlich nicht neu und durch die rezenten Debatten um die nationalsozialistische Raubkunst auch in der breiten Öffentlichkeit verankert. Dem relativ engen Zirkel des Kunsthandels indessen, zumal des Auktionsgeschäfts, sollte ein Lehrstück noch in den Knochen stecken, das 1997 die so geheißene „Anderson Collection“ mit exzellenten Fotografien geliefert hat. Sie galt als „sensationelle Entdeckung“ auf einem Dachboden, an die alle glauben wollten - bis in der F.A.Z., zwei Tage vor dem Auktionstermin bei Sotheby's in London, der Fotografiehistoriker Herbert Molderings Indizien dafür ausbreitete, dass es sich bei dem angeblichen Fund um eine gefälschte Provenienz handeln musste.

Der zuständige Spezialist des Auktionshauses, Philippe Garner, ignorierte diesen Appell an die Sorgfaltspflicht, obgleich seine Firma kurz zuvor einen Ethikleitfaden herausgebracht hatte, der die Klärung der Provenienz an die erste Stelle setzte. Noch einen Tag vor der Auktion beschied Garner Molderings in einem Gespräch, dass er auf die schriftliche Erklärung seines Einlieferers vertraue, der rechtmäßige Besitzer zu sein und die Geschichte der Sammlung korrekt berichtet zu haben.. Garner ließ die Auktion durchführen, die Lose wurden zu Höchstpreisen an internationale Sammler, Investoren und Museen versteigert - obwohl Molderings recht hatte. Für Garner blieb das alles bis heute folgenlos, er arbeitet jetzt als Spezialist bei der Konkurrenz Christie's.

Wohldosiert wurden die Werke nur einzeln angeboten

Der aktuelle Skandal um die „Sammlung Jägers“ hat sich anders angebahnt, genau im Gegenteil auf Samtpfoten; jedoch die Moral der Geschichte bleibt. Gutgläubigkeit ist schön, Recherche ist besser. Es ging auch jetzt um „sensationelle Funde“, kapitale Bilder, anscheinend marktfrisch eben, weil entweder nirgends gelistet oder als verschollen geltend. Sie wurden wohldosiert einzeln angeboten; das Erste von ihnen, ein angebliches Gemälde Purrmanns, lehnte Lempertz 1995 sogar ab, weil die Familie des Künstlers Zweifel hegte. Aber dann kamen Werke, auf deren Rückseiten Schildchen der Galerie Alfred Flechtheim klebten. Und die Einlieferer - die zwei Enkelinnen des 1992 gestorbenen, angeblich klandestin sammelnden Werner Jägers - traten offenbar eindrucksvoll vertrauenstiftend auf.

Was jetzt im ganz großen Stil auffliegt, ist wohl nur die Spitze des Eisbergs einer Fertigkeit, die es so lange gibt wie die Kunst selbst: das nachempfindende Fälschen. Diese Technik trieb zum Beispiel der berühmte Han van Meegeren zur Perfektion, der ja 1942 über einen Mittelsmann Göring den falschen Vermeer „Christus und die Ehebrecherin“ andrehte. Das seit Jahren andauernde, extrem kompetitive Klima des Markts befördert solche Aktivitäten nur zusätzlich. Für sie gibt es ein einziges Antidot: den radikalen Willen zum Wissen der lückenlosen Herkunft.

Ein Klebezettel als gefälschtes Elaborat

Ins Zentrum des aktuellen Geschehens geriet das „Rote Bild mit Pferden“, das Campendonk 1914 gemalt haben soll. Es wurde für 2,4 Millionen Euro im November 2006 bei Lempertz in Köln zugeschlagen, ein absoluter Rekord für den Künstler; entsprechend hoch war die Aufmerksamkeit. Die Käuferin, die „Trasteco Limited“ auf Malta, hat nach dem Erwerb beim Doerner-Institut in München eine Analyse des Werks in Auftrag gegeben; zum Zeitpunkt der Versteigerung lag keine schriftliche Expertise vor. Tatsächlich enthält der damalige Katalog lediglich als Herkunftsangabe „Alfred Flechtheim; um 1930 bei Flechtheim erworben, seitdem in Familienbesitz, Privatsammlung Frankreich“. Der rückseitige Sammlungsaufkleber mit dem Holzschnittporträt Flechtheims ist abgebildet, und es ist auf ein verschollenes Gemälde desselben Titels aus dem Werkverzeichnis von Andrea Firmenich verwiesen, allerdings dort „o. Abb. mit dem Hinweis ,Öl a.? Maße, Signatur und Verbleib unbekannt'“.

Das Ergebnis der chemischen Untersuchung war, wie berichtet, der Nachweis von Titanweiß auf der Leinwand, einem Pigment, das zum Zeitpunkt der vorgeblichen Entstehung noch nicht benutzt wurde. Die Trasteco klagt seit einiger Zeit gegen das Auktionshaus, dessen Pflicht zur Rückabwicklung drei Jahre nach dem Verkauf freilich prinzipiell erloschen ist. Dass die Geschichte nun öffentlich wurde, liegt maßgeblich an den Nachforschungen von Ralph Jentsch, der jüngst ein Buch über George Grosz und Flechtheim publiziert hat. Jentsch identifizierte obendrein den Flechtheim-Klebezettel, der sich auf mehreren Werken der „Sammlung Jägers“ befindet, als in die Karikatur spielendes gefälschtes Elaborat.

Wer soll denn jetzt noch vertrauen?

Dass 2003 selbst ein unbestrittener Expressionismus-Profi wie der in der Schweiz agierende Kunsthändler Wolfgang Henze ein Jägers-Bild bei Lempertz teuer ersteigerte, nämlich angeblich Pechsteins hübschen „Liegenden Akt mit Katze“, ohne diese Provenienz Jägers noch einmal abzufragen, demonstriert bloß einmal mehr die fragile Stelle, in die von den Fälschern eingestochen wurde, und führt zum einen Punkt zurück: Warum hat niemals jemand diese „Sammlung Jägers“ unter die Lupe genommen? Wieso wollte keiner darüber mehr wissen? Irgendjemand hätte diese aufregend-verschwiegene Herkunft zu Nachforschungen reizen können, zum fulminanten outing einer verschütteten singulären Kollektion.

Inzwischen ist der Campendonk umringt von einer Korona weiterer (mutmaßlicher) Fälschungen ganz verschiedener Künstler, von Derain bis Max Ernst. Die Mengenangaben sind schwankend, von bis zu zwanzig Gemälden ist die Rede. Hier liegt das tiefgehende Problem dieser schlimmen Geschichte, das nachhaltige Auswirkungen haben wird in der gesamten Branche, vor allem für die Usancen der Auktionshäuser - weit über den Fall Jägers hinaus, der es bloß überlebensgroß macht. Wer soll denn jetzt noch in Provenienzen vertrauen, auch wenn er nur ein kleines Objekt im drei- oder vierstelligen Bereich erwerben will? Es wird seine Zeit dauern, bis diese Kontamination wieder beseitigt ist. Und die Frage nach der Sorgfaltspflicht stellt sich mit neuer Schärfe.

Heute mutet das freudige Staunen über den Fund treuherzig an

Von ihrer Komplexität auf dem Gebiet des Kunsthandels können die Juristen ein Lied singen, denn sie wird keineswegs erst durch diese Causa aufgeworfen. Nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, sind sich alle Beteiligten einig darin, dass man die Quelle Jägers unter Generalverdacht hätte stellen müssen. Im Nachhinein mutet das allgemeine freudige Staunen über die Sammlung eines Geschäftsmanns beinah treuherzig an, die niemandem, schon gar im eng vernetzten Rheinland, bekannt war - vor allem angesichts der Tatsache, dass aus ihr sukzessive bisher ungesehene Spitzenstücke in erstaunlicher Dichte flossen.

Zuletzt ist bekanntgeworden, dass der harte Kern der Bande - nämlich die Enkelinnen von Jägers und deren einer Gatte, der als der fähige Imitator gelten darf - in Freiburg im Breisgau erwischt worden sind, wo sie auch wohnen. Das lässt diese so urbane Angelegenheit ein wenig ins Provinzielle spielen, ins Spitzweghafte. Wer das Städtchen kennt und dort die Hanglage des Viertels Herdern, wo altes Freiburger Bürgertum zunehmend von den zugezogenen Nouveaux Riches durchsetzt wird, zu denen auch das zwielichtige Duo gehörte, ahnt die perfekte Tarnung. Das ist schon eine sarkastische Pointe. Da überbietet die Wirklichkeit die Phantasie der Fiktion, was die Gefährlichkeit eher steigert. Doch die Konsequenz aus dem Skandal, dessen Grund noch lange nicht erreicht ist, liegt auf der Hand. Es ist die sorgfältigst mögliche Recherche nach der Provenienz. Diese Forderung ist und bleibt das ceterum censeo des Kunstmarkts.

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