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Zensur bei Facebook : Zieht sie an!

Symbol der Fruchtbarkeit: die 1908 im österreichischen Willendorf entdeckte Venus. Bild: NhM/Screenshot FAZ.NET

Immer wieder liegen die Facebook-Algorithmen bei der Bewertung von anstößigen Bildern daneben. Die neueste Zensur trifft ein 30.000 Jahre altes Kunstobjekt.

          Wieder ist von einem Verstörungspotential in den sozialen Netzwerken zu lesen, das gerade rechtzeitig beseitigt wurde. Im jüngsten Fall holten die dauerbeschäftigten Facebook-Algorithmen aus den Weiten ihrer Chroniken die Abbildung eines weiblichen Körpers hervor: zu provokant für ein Netzwerk, das Wert auf seine moralische Integrität legt. Die italienische Nutzerin Laura Ghianda war für den Post verantwortlich, der bereits vor zwei Monaten entfernt wurde. Viermal versuchte sie anschließend, gegen die Löschung anzugehen, ohne Erfolg. Dann warf sie Facebook einen „Krieg gegen die menschliche Kultur“ vor.

          Ausladende Nacktheit

          Das Objekt des Anstoßes war die Venus von Willendorf, eine gerade elf Zentimeter große Figur aus dem Paläolithikum, die im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen ist. In ihrer ausladenden Nacktheit mag die Kalkstein-Frau, die sich für ihr Alter von knapp 30000 Jahren bemerkenswert gut gehalten hat, aufreizend wirken. Ein Fall für „MeToo“ ist sie nicht: Der Schöpfer oder die Schöpferin ist unbekannt, Beschwerden sind nicht überliefert. Trotzdem entschied Facebook, die Abbildung der Venus als anstößig zu bewerten.

          Das Naturhistorische Museum Wien rief dazu auf, Likes für die Freizügigkeit der Venus zu vergeben.

          Das Naturhistorische Museum in Wien kritisierte das Vorgehen im Januar. Nachdem sich nichts tat, sagte Christian Köberl, Generaldirektor des Museums, dem „Art Newspaper“: „Bei uns hat sich noch nie jemand über die Nacktheit der Statue beschwert.“ Er sehe keinen Grund, die Venus von Willendorf zu bekleiden – weder in sozialen Medien noch im Museum. Ein Sprecher verwies darauf, dass die Figur schon in einem Valentinstags-Beitrag auf der Facebook-Seite des Museums nackt zu sehen gewesen sei, ohne dass sich das Netzwerk daran gestört habe. Auch sonst herrscht Unverständnis. „Wieso ist das pornographisch? Was sehen wir denn jeden Tag in der ,Kronen Zeitung‘?“, schrieb eine österreichische Nutzerin.

          Wann immer die Facebook-Algorithmen beim Thema Nacktheit versagen, bietet die als Prüderie der Amerikaner wahrgenommene Zensur Anlass zu Häme. 2015 hat das Netzwerk in seinen strengen Sittlichkeitsregeln zwar Ausnahmen eingeführt, die es erlauben sollen, zwischen der expliziten Darstellung von Nackten und angesehenen Kunstobjekten zu unterscheiden. Die versagten aber auch schon bei einer Abbildung der kleinen Meerjungfrau am Ufer Kopenhagens. Die Auslöserin der Debatte jedenfalls zeigte sich am Donnerstag sehr zufrieden: Wenn der Anstoß nicht ausreiche, um die Facebook-Algorithmen zu verbessern, schrieb Laura Ghianda in ihrer Chronik, so habe sie doch ihr Ziel erreicht, der beleibten Venus die größtmögliche Öffentlichkeit zu verschaffen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

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