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Facebook-Phänomen „Momonews“ : Ein Mann legt Dortmund lahm

„Nix los, aber“: Mohamed Satiane Bild: Facebook Screenshort

Eine achtzehnjährige Facebook-Berühmtheit macht einen angekündigten Einkaufsbummel in Dortmund und legt dabei die Innenstadt lahm. Was ist da passiert - und warum ist Mohamed Sartiane so berühmt?

          Ein achtzehnjähriger Schüler geht in Dortmund einkaufen und versetzt durch seine bloße Präsenz Hunderte Teenager in Hysterie, als wäre er kein normaler Jugendlicher, sondern Justin Bieber leibhaftig. Als das Spektakel zu eskalieren droht, greift die Polizei ein. Die Innenstadt liegt lahm.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Frankfurter Schüler heißt Mohamed Satiane, macht dieses Jahr Abitur, und auf seiner Facebook-Seite („Momonews“) haben bislang knapp eine halbe Million Menschen den „Gefällt- mir“-Button gedrückt, Tendenz steigend. Der neueste Begeisterungsschub dürfte besonders an dem zehnsekündigen Handyvideo liegen, das die Absurdität der Dortmunder Szene dokumentiert. „Was geht ab, Leute, heute in Dortmund? Nix los!“, brüllt er ins Handy und hält es, umringt von Fans, in die Höhe. Die Teenager kreischen, Mohamed Satiane, Lederjacke, Haartolle, formt seine Hand zum Peace-Zeichen und streckt die Zunge raus. Bei Facebook schreibt er: „Dortmund ich Danke euch für die Tausenden von Menschen heute! Die besten Fans!!! Und tut Mir leid das es abgebrochen wurde nach einiger Zeit aber die Polizei nahm mich zu meiner Sicherheit mit Weil es einfach zu krank war alter hahahahahah aber ich mach es wieder gut Freunde!“

          Der Post, mit dem sich „Die Fantastischen Vier“ unlängst bei ihren treuen Fans bedankten, klingt ähnlich: „Grandioser Tourabschluss! Berlin! Danke für’s TROY sein!“ Nur: „Die Fantastischen Vier“ sind seit mehr als zwanzig Jahren erfolgreich im Showgeschäft. Ihre Platten verkaufen sich millionenfach.

          Und Mohamed Satiane? Welche außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt er? Was ist sein allergrößtes Talent? Was macht ihn zu einer digitalen Berühmtheit, der ihre Fans nach Dortmund folgen, um ihn live zu erleben? Satiane postet gern Handyvideos, Selfies, mag Hiphop und spielt Fußball. „Shades of Grey“ hat er im Kino gesehen, fand er aber doof. Sein Lächeln ist niedlich, die Oberarme sind durchtrainiert. Ansonsten? Nichts. Was er der Öffentlichkeit präsentiert, ist atemberaubend talentfrei. Darin besteht offenbar die Pointe.

          Aufmerksamkeit potenziert sich

          Satiane ist erst seit 2013 bei Facebook, doch sein Aufstieg in die Liga der Super-Performer mit hunderttausendfach gelikten Posts vollzog sich rasant. Schon nach zwei Monaten habe er knapp 100000 Fans gehabt, sagte er in einem Interview. Die Berühmtheitsmaschinerie lief spätestens von diesem Zeitpunkt an von ganz allein auf Hochtouren. Die Logik: Wer so viele Likes hat, der muss ein Star sein! Aufmerksamkeit zieht Aufmerksamkeit nach sich. Irgendwann setzt sie wohl auch den Impuls des Hinterfragens außer Kraft. Bei der Foto-Sharing-Plattform Instagram – auch dort ist Satiane – hat sich für dieses Phänomen die Bezeichnung „Instafame“ etabliert. Satiane selbst führt seine große Fangemeinde auf sein Entertainment-Talent sowie sein thematisches Gespür zurück. „Ich mache immer Videos zu Themen, wo die Menschen sagen können: ,Das kenn’ ich auch!‘“

          Der amerikanische Schriftsteller Daniel Boorstin hat Celebrities einst als „pseudo-events“ bezeichnet, als Menschen, die bekannt sind für ihre Bekanntheit. Mohamed Satiane ist dafür bekannt, Mohamed Satiane zu sein. Sein Alltagsleben ist sein Narrativ. Zu der Dramaturgie dieses simplen Drehbuchs, das im Reich der sozialen Netzwerke unzählige Male erfolgreich angewandt wird, gehört, Banales mit vermeintlicher Bedeutung aufzuladen. Wenn Satiane also ein Foto postet, das ihn in der U-Bahn oder im Fitnessstudio zeigt, dann ist das allein schon mitteilenswert. Satianes Werbekampagne für sein eigenes Ich vermittelt uns das Bild des coolen Typen von nebenan. „Ich bin einer von euch! Und: „Jeder kann das schaffen, was ich geschafft habe!“ lautet die Botschaft, die in der Welt der Ich-Vermarktung auf so fruchtbaren Boden fällt. Die Masse bedankt sich mit Klicks. Weder Casting-Richter noch Agent verstellen den Weg zur Sichtbarwerdung. Benötigt wird nur ein internetfähiges Handy.

          Doch was bedeutet dieses Sichtbarsein tatsächlich? Internetphänomene wie Mohamed Satiane sind nicht mit Stars im herkömmlichen Sinne zu verwechseln. Ein Star zu sein wie Rihanna oder sich wie eine „Micro-Celebrity“ im Internet zu inszenieren und eine Netzgemeinde um sich zu scharen sind, auch ökonomisch betrachtet, nach wie vor zwei gänzlich verschiedene Dinge. Nicht aus jedem Filmchendreher wird ein Justin Bieber. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingen mag, ist keine mehr. Der Traum vom Ruhm durch beharrliche Selbstdarstellung, die auf Talent, Arbeit und Verzicht pfeift, ist verführerischer denn je.

          Quelle: F.A.Z.

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