18.02.2010 · Viele Menschen, die täglich das Internet nutzen, sind dennoch digitale Analphabeten. Blind vertrauen sie Google und Facebook und sind orientierungslos, wenn die Unternehmen plötzlich ihre Website überarbeiten. Gerade Facebook nutzt das Unwissen seiner Nutzer sogar aggressiv aus.
Von Friederike HauptAm 10. Februar geschah im Internet etwas, das zunächst lustig schien: Das Technik-Blog „ReadWriteWeb.com“ berichtete über die Kooperation von Facebook und AOL. Unter der Überschrift „Facebook Wants To Be Your One True Login“ beschrieb der Autor die Hintergründe. Doch was dann geschah, hatte mit diesen wenig zu tun: Schnell sammelten sich Hunderte von Kommentaren unter dem Text, in denen sich Facebook-Nutzer darüber beschwerten, dass sie sich nicht mehr einloggen könnten. Was war geschehen?
Es stellte sich heraus, dass die Nutzer bei Google die Suchbegriffe „Facebook“ und „Login“ eingegeben hatten, um auf die Startseite des Netzwerks zu gelangen. Dabei hatten sie, da der Artikel in der Trefferliste der Suchmaschine weit oben stand, auf dessen Link statt auf „facebook.com“ geklickt. Ohne einen Blick auf die Adresse und den Inhalt des Blogs zu werfen, suchten sie nach dem Login-Feld für ihren Facebook-Account. Als der nicht zu finden war, vermuteten sie, Facebook habe, als es kürzlich seine Homepage überarbeitete, auch den Login versteckt.
Lustig schien das vielen, die den Vorfall anschließend im Internet kommentierten. Denn es war immerhin eine Vielzahl gestandener Netzwerknutzer, die so unbedacht geschimpft hatte und offenbar täglich eine Adresse googelte, die man einfach selbst eintippen kann. Aber wie naiv die planlose Suche nach dem Netzwerk-Login wirken mag: Sie zeigt, dass viele Google uneingeschränkt vertrauen - und dass sie, obwohl sie häufig soziale Netzwerke nutzen, kaum damit umgehen können. Dies machen sich die Netzwerkbetreiber zunutze - allen voran Facebook.
Es war nicht einmal besonders aufwendig
Tatsächlich hat das Netzwerk Anfang Februar seine Internetseite überarbeitet. Dabei hat es aber nicht etwa das Login-Feld versteckt, sondern vielmehr - das Feld zum Abmelden. Während dieses früher gut sichtbar über dem Profil stand, muss der Nutzer jetzt über die Funktion „Konto“ gehen, die als letzte von sieben Optionen „Abmelden“ anbietet. Während die einen mutmaßen, dies trage nur dem Verhalten der Nutzer Rechnung, die sich ohnehin selten abmeldeten, sind andere irritiert: Facebook wende sich arrogant gegen die Wünsche der weltweit 400 Millionen Nutzer und spiele seine Macht auf Kosten des Datenschutzes aus. Das Unternehmen änderte aber noch eine andere Anzeige: Anders als zuvor kann man jetzt sehen, welche Applikationen die eigenen Freunde kürzlich genutzt haben. Wer während der Arbeitszeit die beliebteste aller Facebook-Applikationen, das Spiel „Farmville“, nutzt, muss sich nun von seinem Chef beobachten lassen, wenn dieser - gut möglich - in der Kontaktliste steht.
Dass etliche der Angebote auf Facebook gar nicht vom Unternehmen selbst, sondern von Vertragspartnern stammen, ist vielen nicht bewusst. So ist es auch mit „Farmville“, das laut Facebook von mehr als 75 Millionen Nutzern gespielt wird. Das Spiel stellt der Softwareentwickler Zynga zur Verfügung; virtuelles Geld, das einen im Spiel weiterbringt, erhält der Nutzer etwa dafür, dass er Newsletter abonniert oder bei anderen Plattformen Mitglied wird. Auch die Verlinkung auf Seiten, die ohne Zustimmung des Nutzers kostenpflichtige Verträge abschlossen, wird der Firma vorgeworfen.
Dass aber Facebook nicht nur die Naivität seiner Kunden ausnutzt, sondern die kaum geschützten Daten auch Kriminelle anlocken, ist die Konsequenz daraus. Unlängst sorgte ein Forscherteam des internationalen Isec-Labors für IT-Sicherheit für Aufregung: Es wies nach, dass man die Mitglieder sozialer Netzwerke anhand ihrer Gruppenmitgliedschaften namentlich identifizieren und auch Profile verschiedener Netzwerke miteinander in Verbindung bringen kann. „Technisch gesehen war es nicht einmal besonders aufwendig“, sagt Gilbert Wondracek von der Technischen Universität Wien, der Mitglied des Forscherteams ist. Diese Methode des „History Stealings“, bei dem der Browserverlauf ausgewertet ist, hat schon in anderen Fällen gezeigt, dass Anonymisierung von Daten im Internet kaum funktioniert. Und gelegentlich auch nicht funktionieren soll.
„Die Firmen hinter den Netzwerken haben kein Interesse daran, die Leute über die Risiken aufzuklären. Manchmal führen sie sie sogar bewusst in die Irre, um Bedenken auszuräumen“, sagt Wondracek. Zwar kann man mit Tricks wie dem Löschen des Browserverlaufs manchen Datenraub vermeiden. Aber wie das Verhalten der orientierungslosen Facebook-Nutzer, die den Login suchten, zeigt, herrschen Bequemlichkeit und Ahnungslosigkeit vor. „Die Unternehmen nutzen die Naivität der digitalen Analphabeten aus, verhalten sich wie Bauernfänger“, meint Wondracek. Während das Vertrauen vieler Nutzer noch groß ist, häufen sich die Meldungen über Cyberkriminalität und Sicherheitslecks. Kurz nach seinem Beginn, Anfang Februar, geriet Googles Supernetzwerk Buzz in die Kritik, weil es die Nutzer automatisch mit Bekannten vernetzte - und diese Verbindungen für jeden sichtbar machte. Wenige Wochen zuvor noch hatten drei Google-Forscher vor der Aushöhlung der Privatsphäre in Netzwerken wie Facebook und Myspace gewarnt.
Dass vor allem Facebook in der Kritik steht, liegt daran, dass die Nutzer dort Daten veröffentlichen, die nicht jeder lesen soll. Bei Twitter etwa geht es darum, möglichst viele Menschen zu erreichen. Hinzu kommt aber, dass gerade Facebook immer aggressiver vorgeht und kaum auf Kritik reagiert. Vor wenigen Tagen meldete „USA Today“, dass Facebook juristisch gegen Internetseiten vorgehe, die beim Ausstieg aus sozialen Netzwerken helfen. Auch seien die Server der Seiten „Web 2.0 Suicide Machine“ und „Seppukoo“ blockiert worden, die im Auftrag von Facebook-Mitgliedern deren Profile löschen.
Die ausschließlich vom Nutzer selbst kontrollierte digitale Identität ist das Ziel des Software-Entwicklers Marc Canter. Er plädiert für offene Standards, für Netzwerke also, die von den Nutzern selbst weiterentwickelt werden können. „Wenn die Nutzer nichts von ihren Rechten wissen, ist es unsere Pflicht, sie aufzuklären“, sagt er. Canter, der das Unternehmen Macromedia gegründet und verschiedene Internetplattformen mitentwickelt hat, hat daher schon vor fünf Jahren die Initiative „Identity Gang“ gegründet. „Sie sollte darauf aufmerksam machen, dass es bald eine Schlacht um die eigene Identität im Web 2.0 geben wird“, sagt Canter. „Diese Schlacht ist nun losgegangen.“
Canter glaubt nicht, dass Facebook und Google in Zukunft sorgsamer mit Nutzerdaten umgehen werden. Der einzige Weg sei, den Nutzern Software zur Verfügung zu stellen, um ihren Einfluss auf ihre Daten im Internet zu vergrößern. Als eine Möglichkeit sieht er dezentrale Netzwerke, in denen Menschen sich mit Gleichgesinnten verbinden. Seine „Bill of Rights for Users of the Social Web“, mit der er vor zwei Jahren mehr Freiheit und Selbstbestimmung für die Netzwerknutzer forderte, sei heute aktueller denn je. „Die Menschen müssen sich endlich klarmachen, dass es auch anders geht.“