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Facebook als Lebensarchiv : Exhibitionismus

Bild: reuters

Facebook ist schon längst im Alltag angekommen. Das ist Firmengründer Mark Zuckerberg nicht genug. Seine Pläne reichen weiter. Eine entscheidende Funktion fehlt jedoch in seinem Konzept.

          Eine eigentümliche Vorstellung: Wir gehen joggen im Park um die Ecke und lassen in dieser Zeit einen Fremden allein in unserem Stadtgarten-Appartement zurück. Nein, Bargeld und Wertsachen sind nicht das Problem, wir sind abgebrannt bis auf die Knochen und haben naturgemäß nichts in der Wohnung zurückgelassen, was zum Diebstahl reizen könnte. Außer - uns selbst. Denn ein Blick in unser Zuhause reicht, um sich ein Bild von uns zu machen. Die Semiotik der alltäglichen Dinge hat etwas ganz und gar Unbestechliches.

          Schon die Art, wie wir unsere Frühstücksreste hinterlassen, lässt tief blicken. Wie es in unserem Kühlschrank aussieht, welche Bücher aufgeschlagen auf dem Sofa herumliegen, welche Zettelchen an der Korkwand hängen, wie die Kissen im Bett, der Dekor auf dem Nachttisch und die Pflanzen im Garten sortiert sind - all das verrät mehr von uns als tausend Worte. Intimität ist, mit anderen Worten, eine sehr äußerliche Sache; mit jeder Spur, die man in seiner bis zum Jahre 2011 noch Privatwohnung genannten Bleibe hinterlässt, entäußert man sich selbst.

          Ein Leben unter teilnehmender Totalbeobachtung

          Bis zum Jahre 2011? Ja, denn soeben hat Mark Zuckerberg angekündigt, dass sein soziales Netzwerk Facebook ein Lebensarchiv werden soll, in dem Vergangenheit und Gegenwart der digitalen Existenz öffentlich einsehbar sind. In einer Art multimedialem Tagebuch sollen als Text, Foto oder Video noch die alltäglichsten über Facebook abgewickelten Lebensäußerungen festgehalten und automatisch dem digitalen Freundeskreis mitgeteilt werden. Das sei dann, erklärt Zuckerberg, für die Freunde so, als könnten sie sich ungehindert in einem Appartement umschauen, dessen Mieter außer Haus sei. Vorausgesetzt, die Nutzer spielen mit, wäre tatsächlich eine neue Zivilisationsstufe erreicht: das einvernehmliche Zusammenspiel von Exhibitionismus und Voyeurismus.

          Nicht notwendig mit sexueller Lust verbunden, hätte man es bei der digitalen Entblößung mit einer kindlichen Form des Exhibierens zu tun, wie sie der Sexualforscher Ernest Bornemann beschrieb. Epistemisch steht man vor dem Problem der verlorenen Grazie: Wie verändert sich ein Leben, wenn es unter teilnehmender Totalbeobachtung steht? Wird es im digitalen Panoptikum noch achtlos liegengelassene Dinge, unwillkürlich getroffene Entscheidungen geben? Wenn das umfassend vernetzte Lebensarchiv ein Erfolg werden soll, dann wird Zuckerberg auch für die Simulierung der menschlichen Scham-Funktion sorgen müssen. Anderenfalls wird sich Facebook vollends zu einer Anstalt für enthemmte Charaktere entwickeln: für jene unheimlichen Menschen, denen irgendwann das Gefühl abhandenkam, belästigt zu werden.

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