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F.A.Z.-Romane der Woche : Wenn ein Buch Biss hat, dann dieses

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Das ist nicht „König Lachen“, sondern sein Feind: Christopher Lee in „Horror of Dracula“ (1958, von Terence Fisher) Bild: Photoshot

Bücher von Ralf Rothmann, Hélène Bessette, Martin Nawrat und Annett Gröschner. Und: Bram Stokers „Dracula“ in neuen Übersetzungen.

          Zum hundertsten Todestag Bram Stokers sind gleich zwei neue „Dracula“-Übersetzungen erschienen. Wer denkt, er wisse schon alles über den Ober-Vampir, irrt gewaltig. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Die europäische Mythenwelt hat einen ziemlich umfangreichen Vorrat an Sonderwesen: Zentauren, Trolle, Elfen, Riesen, Hexen, schattenlose Wanderer und so weiter. Der Vampir gehört nicht dazu. Er ist eine vergleichsweise späte Erfindung, in die zwar Volksaberglaube einging, der jedoch selbst nur wenige Geschichten hervorbrachte. Die Märchen kennen, so weit zu sehen ist, keine untoten Blutsauger und keine Menschen, die sich in Fledermäuse verwandeln oder vor Rosenkränzen zurückschrecken.

          Der Vampir ist zunächst, wenn man so will, eine empirische Figur. Theologen und Mediziner interessieren sich als Erste für ihn. Im achtzehnten Jahrhundert macht ein nordserbischer Untoter in Europa von sich reden, auf dessen Umtriebe und eine rätselhafte Seuche angeblich siebzehn Sterbefälle zurückgehen. Sofort setzen sich Gutachter in Bewegung, werden Traktate publiziert, ist der Vampir Salongespräch an den Höfen. Theologen gehen dabei vor allem der Frage nach, wodurch es zu solchen Exzessen der Einbildungskraft kommen kann.

          Ein gewisser Professor Arminius Vámbery

          Doch schon 1755 platzt der Wiener Zentrale des Habsburger Reiches wegen eines Olmützer Falles, in der Grenzregion zwischen Schlesien und Mähren also, der Kragen. (Vampire, das wird sich durchhalten, entstammen stets Grenzregionen.) Als herauskommt, dass die katholische Kirche die Leichen von Personen hat enthaupten und verbrennen lassen, denen Vampirismus nachgesagt wurde, zieht die Verwaltung das Thema an sich, gebietet der Totenschändung Einhalt und dekretiert, dass es keine Vampire gibt.

          Nur wenige Jahrzehnte danach beginnen sich die Vampire in der Literatur auszubreiten, bei Bürger („Leonore“), Goethe („Die Braut von Korinth“) und dann eben von jenem verregnete Sommer am Genfer See aus, in dem 1816 in Gesprächen englischer Romantiker nicht nur „Frankenstein“ und sein Monster erfunden wurden, sondern auch John Polidori, ein sonst nicht weiter auffällig gewordener Arzt, die Anregung zu „The Vampyre“ erhält. Das ganze Jahrhundert über wird dann das Motiv gepflegt, wobei die Vampire mal lesbisch („Carmilla“), mal sympathisch, aber suizidgeneigt („Varney the Vampyre“), mal auch unbestimmte brasilianische Etwasse („Le Horla“ von Guy de Maupassant, übersetzt etwa „Der Dortdraußen“) sind. So richtig durchschlagend war das alles nicht.

          Dann jedoch erschien 1897 ein Werk, das jetzt gleich in zwei Neuübersetzungen vorliegt: Bram Stokers typusbildender „Dracula“. Der Autor, von dem weder vorher noch nachher etwas Berühmtes kam und der den Erfolg seines Buches nicht mehr erlebte, war ein irischer Buchhalter, Theaterkritiker und Bühnenmanager, der für sein überragend berühmtes Hauptwerk einfach in der richtigen Zeit und am richtigen Ort lebte. Um ihn herum und teilweise unter seinen Bekannten befanden sich: Oscar Wilde, Arthur Conan Doyle und Robert Louis Stevenson mit ihren motivverwandten Geschichten über den Fluch ewigen Lebens, den Kampf gegen Monstren und Tag-Nacht-Doppelexistenzen, sowie ein gewisser Professor Arminius Vámbery - was für ein Name in diesem Zusammenhang! -, der als jüdisch-ungarischer Orientalist, vierfacher Konvertit und englischer Spion auf dem Balkan maßgeblich zu Stokers Stoffkenntnis über den historischen Grafen Dracula aus dem fünfzehnten Jahrhundert und über Transsylvanien beigetragen haben dürfte.

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