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F.A.Z.-Romane der Woche : Sie nannten uns Polentafresser

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Bild: Verlage

Neue Bücher von Antonio Penacchi, Angelika Meier, Hélène Grémillon und Dea Loher. Außerdem: James Joyces „Ulysses“ in der Hörspielfassung.

          Antonio Penacchi erzählt von der größten Pioniertat des Duce, Angelika Meier erklärt der eigenen Unterwürfigkeit den Krieg und das berühmteste ungelesene Buch der Welt liegt jetzt in einer glanzvollen Hörspielbearbeitung vor. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Woran Nero, Papst Pius VI und Napoleon gescheitert waren, das gelang Mussolini: mit einem gigantischen Kanal legte er die Pontinischen Sümpfe südlich von Rom trocken. Eine einzigartige Pioniertat und eine Hybris sondergleichen. Denn seine Agronomen und Techniker verwandelten nicht nur das Sumpfland in fruchtbares Ackerland und bauten darauf Tausende von Musterbauernhöfen, sondern stampften in Rekordzeit auch noch die Städte Littoria (heute Latina) und Sabaudia aus dem Boden. Das ganze Gebiet bevölkerten sie mit Zehntausenden von Siedlern, die aus Norditalien herbeigeschafft wurden.

          Ein Garten Eden sollte es werden, ein Zeugnis faschistischer Allmacht, und der Turm von Littoria sollte mit seiner Spitze den Himmel berühren. Auch die bitterarme Familie Peruzzi trifft 1932 hier ein, mit vielen Kindern, Onkeln und Tanten. Von ihrer Entwurzelung und dem Kampf um eine neue Heimat erzählt Antonio Penacchi in seinem Roman, der gleichzeitig eine ganze historische Epoche einfängt: „Canale Mussolini“ ist ein funkelndes und burleskes Familienepos, ein politischer Roman und eine subtile psychologische Fallstudie.

          Zwischen Bloßstellung und Einfühlung

          Mit dieser Geschichte einer zuerst leidenschaftlich sozialistischen, später genauso leidenschaftlich faschistischen Familie greift Penacchi ein heikles Thema auf, das in Italien bis heute gern totgeschwiegen wird. Denn die Landarbeiter und Bauern waren keineswegs alle Linke und antifaschistische Widerständler - im Gegenteil. Sie blieben dem Duce ihr Leben lang dankbar für das zugeteilte Land (und bis heute wählen ihre Nachkommen rechts). In einer bitter komischen Szene sprengt nach Kriegsende, als alle Brüder sich wieder bei den Sozialisten eingeschrieben hatten, eine der Tanten die erste Gedenkfeier für die antifaschistischen Kämpfer: auch die Penacchis seien bei der Resistenza gewesen, behauptet sie stolz, schließlich hätten die Siedler am Canale Mussolini den englischen Vormarsch einen entscheidenden Tag lang aufgehalten, bis die deutschen Truppen sich dort sammeln konnten. Diese Kundgebung, die mit Handgreiflichkeiten endet, ist typisch für die politische Haltung des Romans, der kräftig nach links und rechts austeilt und seinen ätzenden Spott gleichmäßig über allen politischen Lagern ausgießt.

          Er verherrlicht den Faschismus keineswegs, sondern erzählt auf der Messerschneide zwischen Bloßstellung (der faschistischen Verführungen) und Einfühlung (in die Nöte und Hoffnungen der kleinen Leute). Penacchi, der für sein Polit-Epos mit dem Premio Strega ausgezeichnet wurde, ist ein erklärter Bewunderer von Solochovs „Stillem Don“. Und auch wenn er weit von dessen Propaganda entfernt ist, gibt es doch Ähnlichkeiten, denn sein Roman besteht ebenfalls aus konzentrischen Kreisen: das emotionale Zentrum bildet eine erschütternde Liebesgeschichte, die eingebettet ist in die Familiengeschichte und die Geschichte der Siedler insgesamt. Sie sind traditionell geprägt, jeder Clan hütet eifersüchtig seinen kleinen Kosmos und seine Ehre.

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