Antonio Penacchi erzählt von der größten Pioniertat des Duce, Angelika Meier erklärt der eigenen Unterwürfigkeit den Krieg und das berühmteste ungelesene Buch der Welt liegt jetzt in einer glanzvollen Hörspielbearbeitung vor. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.
Woran Nero, Papst Pius VI und Napoleon gescheitert waren, das gelang Mussolini: mit einem gigantischen Kanal legte er die Pontinischen Sümpfe südlich von Rom trocken. Eine einzigartige Pioniertat und eine Hybris sondergleichen. Denn seine Agronomen und Techniker verwandelten nicht nur das Sumpfland in fruchtbares Ackerland und bauten darauf Tausende von Musterbauernhöfen, sondern stampften in Rekordzeit auch noch die Städte Littoria (heute Latina) und Sabaudia aus dem Boden. Das ganze Gebiet bevölkerten sie mit Zehntausenden von Siedlern, die aus Norditalien herbeigeschafft wurden.
Ein Garten Eden sollte es werden, ein Zeugnis faschistischer Allmacht, und der Turm von Littoria sollte mit seiner Spitze den Himmel berühren. Auch die bitterarme Familie Peruzzi trifft 1932 hier ein, mit vielen Kindern, Onkeln und Tanten. Von ihrer Entwurzelung und dem Kampf um eine neue Heimat erzählt Antonio Penacchi in seinem Roman, der gleichzeitig eine ganze historische Epoche einfängt: „Canale Mussolini“ ist ein funkelndes und burleskes Familienepos, ein politischer Roman und eine subtile psychologische Fallstudie.
Zwischen Bloßstellung und Einfühlung
Mit dieser Geschichte einer zuerst leidenschaftlich sozialistischen, später genauso leidenschaftlich faschistischen Familie greift Penacchi ein heikles Thema auf, das in Italien bis heute gern totgeschwiegen wird. Denn die Landarbeiter und Bauern waren keineswegs alle Linke und antifaschistische Widerständler - im Gegenteil. Sie blieben dem Duce ihr Leben lang dankbar für das zugeteilte Land (und bis heute wählen ihre Nachkommen rechts). In einer bitter komischen Szene sprengt nach Kriegsende, als alle Brüder sich wieder bei den Sozialisten eingeschrieben hatten, eine der Tanten die erste Gedenkfeier für die antifaschistischen Kämpfer: auch die Penacchis seien bei der Resistenza gewesen, behauptet sie stolz, schließlich hätten die Siedler am Canale Mussolini den englischen Vormarsch einen entscheidenden Tag lang aufgehalten, bis die deutschen Truppen sich dort sammeln konnten. Diese Kundgebung, die mit Handgreiflichkeiten endet, ist typisch für die politische Haltung des Romans, der kräftig nach links und rechts austeilt und seinen ätzenden Spott gleichmäßig über allen politischen Lagern ausgießt.
Er verherrlicht den Faschismus keineswegs, sondern erzählt auf der Messerschneide zwischen Bloßstellung (der faschistischen Verführungen) und Einfühlung (in die Nöte und Hoffnungen der kleinen Leute). Penacchi, der für sein Polit-Epos mit dem Premio Strega ausgezeichnet wurde, ist ein erklärter Bewunderer von Solochovs „Stillem Don“. Und auch wenn er weit von dessen Propaganda entfernt ist, gibt es doch Ähnlichkeiten, denn sein Roman besteht ebenfalls aus konzentrischen Kreisen: das emotionale Zentrum bildet eine erschütternde Liebesgeschichte, die eingebettet ist in die Familiengeschichte und die Geschichte der Siedler insgesamt. Sie sind traditionell geprägt, jeder Clan hütet eifersüchtig seinen kleinen Kosmos und seine Ehre.
Der faschistische Wunderbaum
So ist es kein Zufall, dass die Urszene, in der Großvater Peruzzi politisiert wird, von seinem Jugendfreund Rossoni ausgelöst wird, der später Mussolinis Stellvertreter wird: er beschützt ihn bei einer illegalen, sozialistischen Kundgebung 1904 gegen die Polizeiknüppel und sitzt dafür mit ihm im Gefängnis. Rossonis Satz: „Hilf mir, Peruzzi, hilf mir“ durchzieht den ganzen Roman, alle Söhne werden in die Gewalt hinein erzogen und besonders der hünenhafte Älteste, Pericle, tut sich als faschistischer Schläger hervor, in dessen Umkreis sich kurz vor der Machtergreifung die Unfälle häufen. „Das war kein Unfall? Verstehe, aber so kommen wir doch nicht weiter. Lassen sie mich doch erzählen, ich bitte Sie“, protestiert der Erzähler listig, der wie beim traditionellen, bäuerlichen Plausch, dem filó, scheinbar naiv berichtet, sich unterbrechen lässt, nachfragt, um in die tiefsten Gefühlsschichten der Figuren vorzudringen. Penacchi, der 1950 in Latina geboren wurde, stützt sich dabei auf die Geschichte seiner Familie, der er mit seinem Roman ein Denkmal setzt. Deshalb schreibt er nicht nur mit profunder Kenntnis, sondern ist auch von einem glühenden Aufklärungswillen getrieben, der besonders in den - höchst unterhaltsamen - Fachexkursen spürbar wird: über den Straßenbau und die „Nivelette“ etwa oder das sonderbare Schicksal des Eukalyptus, des faschistischen Wunderbaumes. Bis in die Kochgewohnheiten und die Konstruktion des Klohäuschens zeichnet er den Alltag der Peruzzis nach, die (wie alle Siedler) bei den Einheimischen verhasst waren. „Polentafresser nannten sie uns (...) und beteten, daß die Malaria uns dahinraffen möge.“
Gefühle, hart wie Beton
Aber Planung und Ausführung des Großprojektes waren perfekt, und manchmal schaute der Duce persönlich vorbei, kontrollierte, half medienwirksam bei der Ernte und hörte den Bauern zu. Wer sonst hätte das vorher getan, fragt der Erzähler, und fügt hinzu: mit der Freiheit, die der Faschismus uns genommen hat, war es auch vorher nicht weit her - jedenfalls für die armen Bauern.
So glauben die Peruzzi an diesen „Mann der Vorsehung“, an den ja sogar der Papst glaubt, und geraten in alle Winkelzüge der Weltgeschichte: die Söhne kämpfen freiwillig in Spanien und im Abessinien-Krieg, dessen Gräuel aus nächster Nähe geschildert werden, mit den Augen des Bauernsoldaten, der versucht, irgendwie zu überleben. Doch die Sympathie, die der Autor seinen Figuren entgegenbringt, ist kritisch und klarsichtig: er horcht ihren Ambivalenzen und Widersprüchen nach und seziert mit seinen sarkastischen Schilderungen ihre faschistisch-auftrumpfenden Gesten bis auf deren schäbiges Skelett. Wahres Heldentum billigt er nur ihrem handwerklichen Geschick und dem mühsamen Arbeitsalltag zu, und sogar der blutjunge Mussolini wirkt sympathisch, als er bei seinem ersten Besuch die kaputte Egge repariert und von seinem Vater erzählt, der Schmied war.
Nach einigen zu verplauderten Passagen entfaltet Penacchis szenisches Erzählen im letzten, temporeichen Drittel des Romans seine größte Brillanz. Denn das schrecklichste Drama - nach Krieg, Hunger und dem „Tod des Vaterlandes“ 1945, der nach Meinung des Erzählers noch in Berlusconis Amoral nachwirkt - ist die nicht folgenlose Liebesgeschichte zwischen einem jungen Neffen und seiner Tante Armida, der Witwe des in Afrika gefallenen Pericle. Mit unvorstellbarer Grausamkeit beendet die Familie diese Liebe und auch der Erzähler lüftet erst jetzt das Geheimnis seiner Herkunft. „Jeder hat seine guten Gründe“ lautet der Wahlspruch des Großvaters, und auch wenn die Handlungen der Menschen oft rein impulsiv wirken: die Gefühle, die sie steuern, sind hart wie Beton, denn in ihnen haben sich die Erfahrungen der Generationen abgelagert.
Nicole Henneberg