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Sibylle Lewitscharoff: „Apostoloff“ : Die Ideenlehre des Schafskäses

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Der Plot ist so banal wie ein Billigflug an die Schwarzmeerküste, allein die unaufhörlich rotierende Gedankenmaschine der Erzählerin wirft Spannungsfunken ab: Sibylle Lewitscharoff sucht in Bulgarien das Vaterland und setzt ihre Totengespräche fort.

          Gibt es im Fegefeuer eigentlich ein Handynetz? Auf dem Friedhof von Sofia findet sich das monumentale Grabmal eines jüngst verstorbenen Mafioso, lebensgroß ist er auf einer polierten Stele abgebildet, das Mobiltelefon am Ohr, im Hintergrund ein Mercedes. Mit dreiunddreißig Jahren ist der Mann mit Namen Angelow gestorben, im besten Messias-Alter also, und seine letzten Worte werden vielleicht gewesen sein: „Mein Gott, mein Gott, warum gehst du nicht ran?“

          Sibylle Lewitscharoff setzt in ihrem neuen Buch ihren Dialog mit den Toten fort und kann dafür auf alle technischen Medien verzichten. Denn die Erzählerin bekommt regelmäßig, meist des Nachts, Besuch von ihrem aus Bulgarien stammenden Vater, der sich erhängte, als sie neun Jahre alt war. Jetzt überführt sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester seine exhumierten Überreste; Grund der merkwürdigen Reise ist die Obsession eines steinreichen Exilanten, der alle seine einstigen Stuttgarter Freunde in bulgarischer Erde ruhen wissen will.

          Das persönlichste Buch von Sibylle Lewitscharoff

          So rollt ein seltsamer Tross aus elf schwarzen Limousinen, halb Staatsbesuch, halb Rosenmontagszug, von Stuttgart-Degerloch nach Sofia, mit den Angehörigen als Eskorte von „kyrotechnisch“ spezialbehandelten Knochenhaufen. „Von den vierzig leibhaftigen Bulgarien-Fahrern hatte jeder im Schnitt vielleicht fünfzehn Geistleute um seinen Kopf zirkulieren, das mochten selbst erinnerte oder vom Hörensagen erinnerte sein, also grob gerechnet sechshundert tote, aber mit einiger Schwungkraft um uns kreisende Begleitpersonen“. Die Erinnerung hat auch unterwegs immer Empfang.

          „Apostoloff“ ist das persönlichste Buch von Sibylle Lewitscharoff, das mit dem erkennbar höchsten autobiographischen Anteil, was auch gar nicht verborgen wird. Viele Details teilt die Ich-Erzählerin mit der Autorin, viele Motive und Themen aus früheren Büchern finden sich wieder. Der einstige Aufbruch der Erzählerin aus der engen schwäbischen Herkunftswelt wurde schon in „Montgomery“ in ganz andere Lebensgeschichten eingenäht; das Motiv der unentwegt plappernden Stimmen aus dem Jenseits war der erzählerische Grundeinfall des letzten Buchs „Consummatus“.

          Vaterhass und Landhass, verquickt

          Auch der Orpheus-Mythos wurde darin variiert, der Versuch, die Geliebte aus der Unterwelt zurückzuholen. Hier heißt es nun, der Vater, Kristo mit Vornamen, soll so wunderbar gesungen haben, „dass es nicht auszuhalten gewesen sei“. Von Beruf Frauenarzt, dabei ein melancholischer Schwerenöter, Nietzsche-Leser und schon lange vor seinem Ende ein seelisches Wrack, wird der Vater in den Phantasien der zurückgelassenen Tochter zum allwissenden und mahnenden Gott, zum „bösen, entzündeten Auge“, dessen Blick von klein an zu fliehen war. Der Selbstmord des Vaters ein Höllensturz, die Vertreibung aus dem Himmel der Kindheit.

          Solche Verweiskrumen streut die studierte Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff mit links als Dünger in ihre dann auch barock-manieristisch sprießenden Erzählbeete: „Engel sind Wahrhalter, denke ich mit eigensinniger Kraft gegen den Daihatsu an, von den in Luftzügen schwebenden, driftenden, flatternden Wörtern müssen sie noch die winzigsten darin verfitzten Botschaftskörner vernehmen.“ Zum reinen Gefäß des göttlichen Logos geworden, eignet sich der Engel aber gerade nicht zum Romancier, dessen Kunst auch im Überhören und Weglassen liegt.

          Sibylle Lewitscharoff will dieses Praxisproblem lösen, indem sie ihrem Vaterroman eine doppelte Reisestruktur unterlegt. Die Schwestern lassen sich von einem Verwandten, Rumen Apostoloff, am Steuer auf einer Entdeckungsreise durch Bulgarien begleiten. Dies bietet genügend Anlass zu bösen (und böswilligen) Reisenotizen über ein im Sozialismus verheertes Land, sein ungenießbares Essen, den schlechten Wein, die verschandelten Städte und zubetonierten Küsten, der allgemeinen sittlichen Verwahrlosung. Da räuspert sich die Großmutter, „als warte in ihrer Brusthöhle ein Riesenbatzen Schleim auf eigenes Rederecht“, und die Eingangshalle eines Luxushotels wirkt „wie das Aufmarschgelände zu einer monumentalen Fußpilzhölle“. Doch werden diese bis zum Exzess gesteigerten Tiraden psychologisch wieder relativiert: „Vaterhass und Landhass sind verquickt und werden auf vertrotzte Weise am Köcheln gehalten.“

          Eine Prosa in transzendentem Dauerglühen

          Diese reportagehaften Passagen werden durch Rückblicke auf den skurrilen paneuropäischen Trauerzug durchbrochen, bei dem Mitglieder der bulgarischen Exilantengemeinde Mosaiksteinchen zur dunkel schillernden Ikone des anwesend-abwesenden Vaters ergänzen. Die Kindheitserinnerungen an den sozialistischen Alltag der nicht ausgereisten Verwandten dienen der Erzählerin als Spiegel ihrer früheren eigenen Begeisterung für Lenin, Trotzki und Mao. Reiselektüre ist Martin Amis’ Stalin-Buch, nicht zufällig ebenfalls ein literarischer Vatermord (Kingsley Amis war lange fanatischer Kommunist).

          Es ist leicht zu erkennen, was Lewitscharoff sozusagen wider Willen an Bulgarien faszniniert: Es ist Nation gewordener Platonismus; die herrliche Idee und ihr tristes Abbild sind nur als Ganzes zu bekommen: „Bulgarien, wie es ist, kommt in den Köpfen der Bulgaren kaum vor. Nur ihre Leiber sind darin gefangen.“ Wie die Verehrung der Ikonen kein Götzendienst ist, da nicht sie, sondern die dahinter liegende Wahrheit angebetet wird, so ist auch die Abfertigung des sichtbaren Trümmerhaufens gleichen Namens kein Sakrileg gegen die strahlende Idee des Vaterlandes. Oder der stinkende Fettklumpen kein Widerspruch gegen die Idee des Schafskäses: „Er ist glatt, feucht, feinporig, frisch, er leuchtet in lammhafter Unschuld, ist weder versalzen noch verwässert. Seine Substanz ist überirdisch. Kein Schafskäse der Gegenwart reicht an ihn heran. Sicher, Koljo Wuteff verkaufte an seinem Stand in der Stuttgarter Markthalle den besten Schafskäse, der in der Bundesrepublik zu kriegen war, aber die Differenz zum mythischen Original war groß.“

          Diese Diskrepanz zwischen Idee und Wirklichkeit, Seele und Körper, reinem Logos und seinen schwachen Emanationen im Kunstwerk ist der Motor des Schreibens von Sibylle Lewitscharoff. Spannungsfunken wirft hier nicht der Plot ab, der so banal ist wie ein Billigflug an die Schwarzmeerküste (Urlaubsliebschaft inklusive), sondern nur die unaufhörlich rotierende Gedankenmaschine der Erzählerin. In diesem Buch wird deutlich wie nie zuvor, dass das tranzendente Dauerglühen dieser Prosa Konsequenz einer radikalen und frühen Verlusterfahrung ist (wie auch die manchmal verkrampfte Komik ein Antidot gegen die Schwermut). Mittels der Sprache wird alles durchsichtig auf eine höhere Wirklichkeit; man kann das auch Simulation von Mystik nennen. Diese Sprache kann viel, muss vieles können, am Ende gar Tote zum Leben erwecken. Dass es daran immer wieder scheitert, anders scheitert, besser scheitert, gehört zum Wesen dieses Werks.

          Sibylle Lewitscharoff: „Apostoloff“. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 254 S., geb., 19,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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