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Pierre Bayard: Freispruch für den Hund der Baskervilles Der Mann, der Sherlock Holmes hasste

Können sich erfundene Figuren verselbständigen und sich gegebenenfalls an ihrem Schöpfer rächen? Pierre Bayard liest dem Sherlock-Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle die Leviten.

© Kunstmann Vergrößern

Manchmal fällt uns auf, dass in der merkwürdigen Parallelwelt, die die Menschen auch Literatur nennen, Dinge geschehen, die sich in der sogenannten Realität wiederholen. Nach einem Wort Oscar Wildes ahmt das Leben mehr oder weniger erfolgreich die Kunst nach. Auch wenn man nicht so weit gehen möchte, ist eine leichte Osmose zwischen Wirklichkeit und Fiktion nicht von der Hand zu weisen. Sie vollzieht sich nicht nur im Rausch der einen oder anderen Art, wenn sich die Grenzen auflösen. Sie findet auch dann statt, wenn etwa wirkliche Menschen an erfundene glauben; man denke an die Aufregungen um Schauspieler, die stärker bewacht werden als der Präsident der Vereinigten Staaten. Dergleichen trägt ein Element des Unwirklichen in die Wirklichkeit und erscheint eben darum umso wirklicher. Die Literatur lebt von der bewussten Aufhebung des Unglaubens, und so kann die Literaturgeschichte mit zahlreichen Übergriffen auf die Realität aufwarten. Von der Werther-Welle bis hin zu den Marsmenschen, die New York angreifen, haben die Menschen sich nicht in ihrem Glauben an das Fiktionale beirren lassen. Und besteht nicht ein großer Teil der Politik und Ökonomie aus dem Einsatz nützlicher Fiktionen zur Erreichung gewünschter Resultate?

Warum also nicht einmal einen Graph erstellen, der den Realitätsgehalt fiktionaler Figuren (und den Fiktionsgehalt realer Figuren) verzeichnet? Auf diesem Graph würde der größte Detektiv aller Zeiten, Sherlock Holmes, sicherlich an die neunzig Prozent erreichen, denn er ist auf jeden Fall realer als so schattenhafte Gestalten wie Vladimir Putin oder George Bush. Allein an den Briefen, die bis heute aus aller Welt regelmäßig in 221B Bakerstreet eintreffen, ist dies abzulesen. Es sollen an die siebenhundert im Jahr sein, die den Detektiv um Rat fragen oder nur wissen wollen, was er zum Frühstück isst und ob das Gerücht stimmt, es gebe ihn gar nicht.

Verdorbenes Profil

Dem Autor Conan Doyle war die Realität seiner Figur eher ein Dorn im Auge. Holmes brachte ihm zwar jede Menge Geld ein, verdarb aber das Profil eines Schriftstellers, der lieber als Autor von Romanen über den Hundertjährigen Krieg oder einer Dokumentation des Burenkriegs gesehen werden wollte. Nicht zufällig lautet der Titel einer Biographie Doyles „The Man Who Hated Sherlock Holmes“.

Dieser Hass des Autors auf sein Geschöpf ist auch Ausgangspunkt für die Überlegungen des französischen Literaturprofessors und Psychoanalytikers Pierre Bayard. Grundlegend ist dabei die Vorstellung, dass sich erfundene Figuren verselbständigen können und sich gegebenenfalls an ihrem Schöpfer rächen können. Bayard spricht von dem „Golem-Effekt“, den man etwa auch bei Mary Shelleys „Frankenstein“ beobachten kann und der sich in der heutigen Automatenwelt ja schon herumgesprochen hat. Diese Autonomie der Figuren in einer Fiktion macht insbesondere den Kriminalroman zu einer höchst problematischen Veranstaltung. Krimis präsentieren uns zwar meist am Ende den Verbrecher, aber woher wissen wir, ob der Autor nicht geblendet wurde von seinen Figuren? Vielleicht wollten sie es ihm heimzahlen wie in Flann O’Briens „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“, vielleicht auch wollte der Autor an ihnen sein Mütchen kühlen?

Aufruf zur Gerechtigkeit

Genau dies wirft Bayard Conan Doyle vor. Doyle soll seinen Detektiv so gehasst haben, dass er ihn den Fall von Baskerville habe vergeigen lassen, oder er habe schlicht selbst den Überblick über Handlung und Figuren verloren. Eine solche kritische Distanz zu den Werken der Kriminalliteratur kennzeichnet die sogenannte Kriminalkritik, die Bayard einfordert. Jeder Fall der Detektivliteratur müsste demnach noch einmal neu aufgerollt werden. Zu viele Unschuldige sind im Laufe der Literaturgeschichte verurteilt worden, zu viele Verbrecher laufen noch frei herum zwischen Bücherdeckeln und auf Kinoleinwänden. Die Kriminalkritik ist mithin ein Aufruf zur Gerechtigkeit. Sie will aber nicht nur die Irrtümer der Detektive und ihrer Autoren analysieren, sie will auch den wahren Schuldigen herausfinden. Das scheint Bayard schon im Falle von Agatha Christies „Alibi“ gelungen zu sein, bevor er sich auch an „Hamlet“ versuchte.

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Veröffentlicht: 14.10.2008, 18:00 Uhr