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Heimito von Doderer: „Seraphica Montefal“ : Seine Schönheit nur rettet das Feuer

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Der junge Heimito von Doderer schrieb über die Gestalt des Heiligen Franziskus ein Prosastück, in dem schon viele Motive seines reifen Werkes anklingen. Bei dem kurzen Text kann man verfolgen, wie sich Doderer in der Erleuchtung des Heiligen spiegelt.

          Das Gegenstück zu den französischen „Proustiens“ sind im deutschen Sprachraum die „Heimitisten“, wie sich die eingeweihten Leser des Heimito von Doderer schon zu dessen Lebzeiten nannten, der seltsame Vorname – er soll vom spanischen Jaime abgeleitet sein – hat dem Begriff von Anfang an eine ironisch-familiäre Note mitgegeben. Heimitisten interessieren sich für jedes Mosaiksteinchen, das dazu bestimmt war, Teil der großen Roman-Kompositionen zu werden, aber mit ebensolchem Eifer betrachten sie auch die Steinchen, die der Autor zwar gesammelt, aber beiseitegelassen hat.

          Viele sind das nicht, denn es gehört zu Doderers Eigentümlichkeiten, dass er in seinem jahrzehntelangen Kampf um diese Hauptwerke den meisten Themen und Motiven, die ihn in jungen Jahren bewegten, treu geblieben ist, ja es scheint manchmal, als sei es bei dieser mit verzweifelten Mühen belasteten Arbeit vor allem darum gegangen, eine Art epische Arche Noah für alles zu zimmern, was den werdenden Schriftsteller zwischen seinem zwanzigsten und seinem dreißigsten Lebensjahr beschäftigt hatte.

          Ein Vorläufer eigener Sehnsüchte

          Das Romanschreiben war für Doderer eine geistige und womöglich gar geistliche Übung, das unbedacht und wahllos geführte Leben dieser Jahre ein zweites Mal, nun aber in einer gesteigerten Bewusstheit und Hellsichtigkeit zu leben. Im Doderer-Archiv der Wiener Universität wird eine Vielzahl von Artikeln aufbewahrt, die Doderer in den zwanziger Jahren für die Zeitungen geschrieben hat, Gelegenheits- und Auftragsarbeiten ganz offensichtlich – und umso überraschender für den Leser der Romane: Man kennt sie alle wieder, in noch so beiläufiger Weise haben sie ihren Platz im Werk gefunden.

          In diesem Archiv haben Gerald Sommer und Martin Brinkmann nun zwei bislang unveröffentlichte Erzählungen des jungen Doderer entdeckt. Das größere und gewichtigere Stück heißt „Seraphica“ und erzählt das Leben des heiligen Franziskus von Assisi, es ist zwischen 1922 und 1927 entstanden. Gerade in diesen Jahren beschäftigten sich auffällig viele Schriftsteller mit diesem Stoff. Hermann Hesse, G. K. Chesterton und Julien Green haben Franziskus-Biographien geschrieben, der heilige Landstreicher, der heilige Troubadour, „der Geliebte der ,Frau Armut‘“, der Feind der Institution musste in einer von Expressionismus und Jugendbewegung ästhetisch geprägten Zeit als Vorläufer und Vorbild eigener Sehnsüchte verstanden oder missverstanden werden.

          Auffällig wenig Religion

          Doderers „Seraphica“ kann sich mit den erwähnten Werken nicht messen, aber umso deutlicher stellt sich bei der Lektüre heraus, dass hier des Autors eigene Sache verhandelt wird. Doderer war noch längst nicht katholisch, als er die „Seraphica“ schrieb; das wurde er, unter Anleitung eines Wiener Priesters, der ein Hilfswerk für getaufte Juden organisierte, erst 1939 und beendete damit endgültig seine Mitgliedschaft in der NSDAP, zu deren Merkwürdigkeiten es gehört, in keiner Zeile des gleichzeitig entstandenen Werks irgendeinen Niederschlag gefunden zu haben. Für Protestanten bestand der Reiz der Franziskus-Gestalt natürlich gerade in deren Gegensatz zu Macht und Reichtum der Papst-Kirche. Doderer verliert über diesen Aspekt des Franziskus-Lebens kein Wort. Als junger Historiker hatte er sich besonders mit mittelalterlichen Quellen befasst, und so waren es denn hauptsächlich die Berichte von Augen- und Ohrenzeugen, die Viten des Thomas von Celano und die „Legenda trium sociorum“, darüber hinaus natürlich die berühmten „Fioretti“, die er las und übersetzte, um dem Geheimnis der franziskanischen Sinneswandlung auf die Spur zu kommen.

          Bei „Seraphica“ sollte aus den übersetzten Quellen und eigenen Passagen ein Geflecht entstehen, das man vielleicht mit Clemens Brentanos Bearbeitungen der Anna-Katharina-Emmerick-Visionen vergleichen könnte. Die expressionistischen Landschaftsbeschreibungen sollten in eine Sprache hinübergleiten, die nach den spätlateinisch-mittelalterlichen Gesetzen einer Prosa-Rhythmisierung geformt war. Für eine Heiligen-Vita ist auffällig wenig von Religion die Rede in den „Seraphica“, aber gewiss nicht, um ihr auszuweichen. Das Phänomen dieses Lebens sollte auf einer tieferen Ebene erfasst werden, unter den fertigen Begriffen hindurchtauchend.

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