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Schriftsteller Don Winslow: „Cops tendieren zu einer einfachen Weltsicht“

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„Korruption ist Teil des Systems“

Der Schriftsteller Don Winslow 
kennt die Abgründe Amerikas. 
Wie verrottet die Polizei ist, beschreibt 
er in seinem neuen Roman.

Interview: RAINER SCHMIDT
Illustrationen: ROBERT WENKEMANN

14. Juni 2017 · Der amerikanische Schriftsteller Don Winslow ist ein harter Rechercheur, der seine Bücher maximal mit Wirklichkeit auflädt. Nach Romanen voller Fakten wie „Zeit des Zorns“, „Tage der Toten“ oder „Das Kartell“ gilt er als Experte für jede Art von Drogenkrieg, nicht nur in Mexiko. Mit seinen Thrillern ist er zu einem der weltweit erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren geworden. In seinem jetzt erscheinenden neuen Werk „Corruption“ (Droemer Knaur) geht es um einen altgedienten Detective bei einer gefeierten Elite-Einheit der New Yorker Polizei, der sich in einen Sumpf aus Korruption und Gewalt begibt und darin langsam untergeht.

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Sie stellen die New Yorker Polizei als durch und durch korrupt dar. Wie stark haben Sie übertrieben?

DON WINSLOW: Überhaupt nicht. Mindestens alle 20 Jahre gibt es dort einen riesigen Korruptionsskandal, von kleineren Vorkommnissen mal ganz abgesehen. Natürlich sind nicht alle Polizisten korrupt, aber alle Fälle im Buch basieren auf der Realität.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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FAQ: Es gibt „sauberes Geld“ und „dreckiges Geld“, mit dem sich Polizisten bestechen lassen?

DON WINSLOW: Genau. Als Glücksspiel noch illegal war, galt Bestechungsgeld aus dieser Quelle als sauberes Geld, weil niemand verletzt wurde, es gab also keine echten Opfer. Das gilt auch für Prostitution, solange es um Erwachsene geht und nicht um Kinder. Drogengeld gilt als dreckiges Geld, das war immer ein Tabu, aber leider ist so viel davon im Umlauf, deswegen ist es eine große Versuchung. Bei Mord oder Verbrechen gegen Kinder hört allerdings alles auf, niemand würde Geld nehmen, um da wegzuschauen, das ist extrem schmutziges Geld.

FAQ: Und das gilt für alle und alle Hierarchie-Ebenen?

DON WINSLOW: Sagen wir so, für die meisten Cops ist jedes Schmiergeld dreckig, aber einige sind flexibler. Kürzlich konnte man wieder sehen, wie in New York Polizisten aus den obersten Ebenen reichen Leute gegen Geschenke und Geld Gefallen getan haben: Es ging um Waffenlizenzen und Sicherheitsdienste. Die Korruption ist auch in den Penthouses und den schickeren Büros zu Hause.


„Es heißt: 
Wir gegen den Rest. Wenn ein Cop Geld nimmt, wird kein Kollege darüber reden. Das Schlimmste ist es, als Verräter zu gelten, als Ratte.“
Don Winslow

FAQ: Sie beschreiben haarsträubende Gesetzesbrüche: Laufend werden nachträglich Gründe für die brutale Erstürmung oder Durchsuchung von Wohnungen ohne Gerichtsbescheide erfunden, mit Lügen teils tödliche Schüsse auf Verdächtige gerechtfertigt und verwundete Kriminelle extra langsam und über Umwege auf besonders schlechten Straßen ins Krankenhaus gefahren, damit sie mehr Blut oder gar ihr Leben verlieren …?

DON WINSLOW: All diese Sachen sind passiert und passieren. Es geht nicht immer nur um Geld. Die meisten werden Cops aus sehr ehrenwerten Gründen, sie wollen die Verbrecher aus dem Verkehr ziehen. Dann merken sie, der Job ist viel schwerer als erwartet, laufend fühlen sie sich durch Regeln und Vorschriften in ihrer eigentlichen Arbeit behindert. Sie wissen, dass dieser Kerl ein Vergewaltiger oder Mörder ist, aber das Regelwerk stoppt sie. Dann sagen sich einige: Ich breche jetzt zwar das Gesetz, aber doch nur, um dem Guten zu dienen. Und damit geht es los.

FAQ: Bei der Vertuschung von Korruption und schweren Vergehen helfen mehr oder weniger alle. Warum?

DON WINSLOW: Cops tendieren zu einer einfachen Weltsicht, ihr Spiel heißt: Wir gegen den Rest. Wenn ein Kollege Schmiergeld nimmt oder Regeln bricht, wird kaum jemand darüber reden, weil es das Schlimmste für alle ist, ein Verräter zu sein, ein Nestbeschmutzer, eine Ratte. Viele stammen aus Polizistenfamilien, wohnen in Polizistengegenden und sind mit Polizistenfamilien befreundet, das ist eine sehr enge Gemeinschaft, die zusammensteht. Oft haben mir Cops gesagt: Ich kann nur mit anderen Cops richtig reden, niemand sonst versteht mich. Das ist ein in sich geschlossenes System, da will niemand rausfallen.

FAQ: Offiziell wird Korruption natürlich bekämpft – auch innerhalb des Apparates.

DON WINSLOW: Es gibt da eine Menge Heuchelei. Die Vorgesetzten rufen offiziell dazu auf, Vergehen zu melden, aber verachten eigentlich jeden, der es dann wirklich macht. Es hat niemand etwas davon, bei der Aufklärung zu helfen, weil im Grunde jeder dabei schlecht aussieht: die eigene Abteilung, die Vorgesetzten, das Präsidium, die Stadt, der Bürgermeister. Und man muss sich auch ehrlich fragen: Wie viel Wahrheit wollen wir als Gesellschaft wirklich hören? Einerseits wollen wir Cops, die sich eindeutig an unsere Gesetze halten, andererseits wollen wir, dass sie die Verbrecher aus dem Verkehr ziehen – und viele denken doch: notfalls meinetwegen auch mit Abkürzungen.

Richtig bekannt wurde Don Winslow einem großen Publikum vor allem durch die Verfilmung seines gleichnamigen Buches „Savages“ (deutsch: „Zeit des Zorns“) durch Oliver Stone im Jahr 2012. Winslow war mehrfach in Deutschland, 
sein Thriller „Germany“ spielt teilweise hier. Foto: Picture-Alliance

FAQ: So, wie Sie die Welt der Polizisten beschreiben, klingt das ähnlich wie ein Mafia-Milieu?

DON WINSLOW: Die Kulturen sind sehr ähnlich, das ist ja auch kein Wunder. Die einen können nicht existieren ohne die anderen. Ohne Gesetze und Polizei wären viele Geschäfte weder illegal noch lukrativ, dann könnte das jeder erledigen. Die Polizisten wiederum brauchen Verbrecher, sonst wären sie überflüssig. Beide Gruppen arbeiten mit Geheimnissen und oft in gesellschaftlichen Schattenbereichen, sie halten eng zusammen und stützen sich häufig auf Familienstrukturen – und waren bis vor kurzem noch eher geschlossene ethnische Gruppen. Die Mafia wurde aus Sizilianern und anderen Italienern gebildet, die Polizei hatte besonders viele Irisch- und Italienstämmige in ihren Reihen.

FAQ: Ist das nur ein amerikanisches, ein New Yorker Problem? Sie kennen Deutschland, einer Ihrer Romane, „Germany“, spielt teilweise im hiesigen Rotlichtmilieu. Sehen Sie bei der deutschen Polizei ähnliche Tendenzen?

DON WINSLOW: Da möchte ich mir kein Urteil erlauben. Aber in Amerika ist es nicht nur New York, wir sehen gerade einen Skandal in Chicago, wir haben Missstände in L. A. oder New Orleans. In allen größeren Städten gibt es ähnliche Vorkommnisse. Natürlich machen viele Departments hervorragende Arbeit, aber der Sumpf ist ein Teil der Wirklichkeit.

FAQ: In Ihrer Beschreibung sind nicht nur Polizei und Justiz, sondern praktisch alle Gesellschaftsbereiche von Korruption und Machtmissbrauch betroffen. Gilt das auch für die Regierung unter Trump, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen?

DON WINSLOW: Balzac sagte einmal: Hinter jedem großen Vermögen steht ein großes Verbrechen. Korruption ist ein Teil des Systems, und auch, wenn ich an die Demokratie und unsere Institutionen glaube: Es gibt keine unschuldigen Bereiche, wir müssen immer auf der Hut sein. Wenn es starke Verdachtsmomente gibt, etwa in Bezug auf mögliche Kontakte der Regierung zu Russland, würde ich eine Untersuchung begrüßen. Man braucht erst Beweise, dann kann man Schlussfolgerungen ziehen.

FAQ: Kann die Krankheit Korruption geheilt werden?

DON WINSLOW: Nein, weil sie eine chronische Krankheit ist, die systemisch bedingt ist: Wir brauchen Polizisten. Wir geben ihnen also große Macht, bewaffnen sie und bringen sie dann in Situationen, wo sie sehr anfällig sind für Korruption, eben weil sie so viel Macht haben. Man kann aber die Symptome dieser Krankheit lindern. Und ein sehr einfacher Schritt dazu wäre, sofort den leidigen „Krieg gegen die Drogen“ einzustellen. Wenn ich könnte, würde ich morgen sofort alle Drogen legalisieren. Weil ein Großteil der Verbrechen und der Korruption weltweit durch diese unglaublichen Geldmassen entsteht, die im Drogenhandel generiert werden.

FAQ: Warum halten Sie den Kampf gegen das Drogenangebot für sinnlos?

DON WINSLOW: Weil er noch nie funktioniert hat. Wir führen diesen Krieg offiziell seit knapp 50 Jahren, inoffiziell seit fast 100 Jahren. Was sind denn die tollen Erfolge dieses Kampfes? Mit der Alkoholprohibition von 1919 bis 1933 haben wir die Mafia geschaffen, die wir seitdem nicht wieder loswerden. Durch das Drogenverbot haben wir erst die mexikanischen Drogenkartelle geschaffen sowie die europäischen Organisationen, die Sie etwa in Deutschland haben. Wenn man Drogen kriminalisiert, kümmern sich eben die Kriminellen um das Geschäft. Und weil die ihre Konflikte nicht vor Gericht regeln können, greifen sie zu den Waffen. Das Verbot schafft Gewalt. Haben Sie mal zwei konkurrierende Bierhersteller erlebt, die ihren Disput mit Maschinenpistolen austragen? Ich nicht. Weil sie ihren Streit offen austragen oder vor Gericht ziehen können.

FAQ: Warum beharren Regierungen und Verfolgungsbehörden wie die mächtige amerikanische DEA dann weiter auf diesem Krieg?

DON WINSLOW: Wer profitiert? Auch hier gilt die Regel: Follow the money. Zum einen gibt es in den Vereinigten Staaten den puritanischen Background, die moralische Sicht: Drogen sind schlecht, sie müssen weg. Wenn man sich dem Problem so nähert, wird man gar nichts ändern. Zugleich verdienen sehr viele Leute mittlerweile sehr viel Geld mit diesem Krieg. Es werden Unsummen in die Polizei gesteckt, in die DEA, in Geräte und Waffen, und vor allem in die privaten Gefängnisse, das ist eine der großen Wachstumsbranchen in den Vereinigten Staaten. Und darin sitzen dann vor allem junge, nicht weiße Männer, der überwiegende Teil wegen Vergehen ohne Gewalt – alles den Drogen geschuldet. Abgekürzt könnte man sagen: Wir sperren unsere eigenen Leute aus Geldgründen ein.


„Ich würde 
sofort alle Drogen legalisieren, weil ein Großteil aller Verbrechen nur durch das Geld entsteht, 
das man mit Drogen 
verdienen kann.“
Don Winslow

FAQ: Das weltweite Drogensystem wird vor allem durch die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten und Europa befeuert. Die Leute wollen diese Kicks.

DON WINSLOW: Deswegen müssen wir uns um die riesige Nachfrage kümmern: Was läuft da falsch, warum wollen wir so viele Drogen nehmen? Warum wollen wir high sein? Dann könnte eine Antwort heißen: Weil uns das Spaß macht oder weil uns das entspannt. Das müsste man dann auch akzeptieren. Die Probleme mit den Abhängigen sind ein anderer Aspekt: Wir wissen, dass viele Opioide wie Heroin oder andere Substanzen in den Vereinigten Staaten oft als Mittel gegen Schmerzen genommen werden. Was sind das für Schmerzen, wie kann man die sonst behandeln, was müssen wir tun? Das sind schwierige, vielleicht auch unangenehme Fragen.

FAQ: Nobelpreisträger Milton Friedman forderte schon vor Jahrzehnten die Freigabe aller Drogen – weil er Entwicklungen befürchtete, die dann tatsächlich auch gekommen sind.

DON WINSLOW: Milton Friedmann hatte völlig recht. Wenn man legalisiert und dekriminalisiert, fallen sofort die Preise, und das Geschäft wird uninteressanter für Verbrecher. Seit in den Vereinigten Staaten Marihuana großflächig legalisiert worden ist, bauen die mexikanischen Kartelle kein Cannabis mehr an, weil es sich für sie nicht mehr lohnt. Als wir damals die Alkohol-Prohibition stoppten, musste sich die Mafia ein anderes Betätigungsfeld suchen, weil sie plötzlich arbeitslos war. Daraufhin wendeten sie sich übrigens den Drogen zu. Aber wenn man nur Marihuana legalisiert, gibt es den Ballon-Effekt: Man drückt auf einer Seite, und die Luft wird in eine andere Ecke gedrückt.

FAQ: Was heißt das konkret?

DON WINSLOW: Weil sich Marihuana nicht mehr lohnt, haben die Kartelle als direkte Reaktoion darauf massiv die Heroinproduktion ausgeweitet, die Wirksamkeit des Stoffs erhöht und Preise gesenkt, um die Schmerzmittel der amerikanischen Pharmaindustrie damit zu unterbieten. Wer ein Schmerzmittel braucht, sieht also, dass Heroin billiger ist als das Mittel vom Arzt. Das ist die Hauptursache für die aktuelle Heroinepidemie in den Vereinigten Staaten. Diese Politik tötet also Menschen bei uns und in Europa. Deswegen lasst uns besser die Drogen legalisieren und damit die unvorstellbaren Profitmöglichkeiten beseitigen, lasst das den Markt regeln – und wir kümmern uns um die Menschen auf der Nachfrageseite.

FAQ: Die Signale der Trump-Regierung bezüglich der Drogenpolitik scheinen nicht ganz klar zu sein?

DON WINSLOW: Bei der neuen Regierung weiß niemand genau, was sie vorhat. Aber Justizminister Jeff Sessions will wohl den sinnlosen „War on Drugs“ wieder verstärken. Dabei ist die Bilanz dieses Kriegs erbärmlich, man kann es gar nicht oft genug sagen: Wir haben seit Beginn der siebziger Jahre dafür ungefähr 1000 Milliarden Dollar ausgegeben. Resultat: Es gibt mehr Drogen, die billiger und stärker und leichter verfügbar sind als jemals zuvor. Dazu Hunderttausende nicht weiße junge Männer im Gefängnis. Was für eine Verschwendung. Und Sessions will das noch verstärken? Wenn das als Erfolg gilt, möchte ich nicht wissen, wie eine Niederlage aussehen sollte.

FAQ: Warum will die Regierung diesen Weg beschreiten?

DON WINSLOW: Das hat mit Ignoranz zu tun, ein bisschen vielleicht auch mit Rassismus, und es ist eine billige Art, Politik zu machen, weil man scheinbar etwas tut und vorweisen kann, indem man Leute verhaftet und in den Knast schmeißt. Es macht mich sehr wütend, wenn ich sehe, was passiert. In einigen südlichen Bundesstaaten etwa lockern sie zugleich die Waffengesetze, und dann wundern sich einige wirklich, dass diese Waffen plötzlich bei Gang-Konflikten in L. A. auftauchen? Wenn man Waffengesetze lockert und Drogengesetze verschärft, dreht man von zwei Seiten an der Gewaltspirale.

FAQ: Das hört sich alles deprimierend an. Trotzdem bleiben Sie optimistisch?

DON WINSLOW: Ja, es gibt Hoffnung. Wenn man Leuten einmal die Zusammenhänge erklärt, verstehen selbst Konservative das Problem. Es geht hier auch nicht um links oder rechts, sondern einfach um Vernunft.

FAQ: Die Unsummen aus dem Drogengeschäft bergen noch eine andere Gefahr: Sie werden in den legalen Wirtschaftskreislauf eingespeist, sie können die Wirtschaft und politische Systeme unterminieren.

DON WINSLOW: Ja, weil die Milliarden investiert werden wollen, bei uns, in Deutschland, weltweit. Man schätzt, dass in Mexiko sieben bis zwölf Prozent der legalen Wirtschaft auf Drogengeld basieren. Die Geldbewegungen der Kartelle können das Wirtschaftsleben dort erheblich beeinflussen. Ein plötzlicher Entzug des Kapitals hätte gravierende Folgen.

FAQ: Der berühmte mexikanische Drogenboss Joaquín Guzmán, genannt El Chapo, langjähriger Chef des mächtigen Sinaloa-Kartells, sitzt nach seiner Auslieferung in die USA in Manhattan in einem Hochsicherheitsgefängnis und wartet auf seinen Prozess. Sie sagen, vielleicht kommt es dazu gar nicht, weil das für zu viele peinlich werden könnte. Warum?

DON WINSLOW: Der war Chef des Kartells zwischen 2001 und 2015 und hat über Jahre sehr viele Regierungsvertreter quer durch alle Ebenen bis ganz oben geschmiert. Es gibt viele Indizien, dass die mexikanische Regierung das Sinaloa-Kartell im Kampf gegen rivalisierende Kartelle unterstützt hat. Sie hat praktisch einen Gewinner im Drogenkonflikt bestimmt, um eine gewisse Stabilität im Land aufrechterhalten und die unfassbare Gewalt begrenzen zu können. Das mexikanische Militär, besonders die Marines, hat viele Mitglieder der gegnerischen Kartelle in den Jahren 2010 bis 2012 getötet. Dabei wurden Geheimdienstinformationen genutzt, die von der amerikanischen Drogenbehörde DEA kamen. Bewusst oder unbewusst haben wir also das Streben des Sinaloa-Kartells nach Dominanz unterstützt. El Chapo wurde nur gefangen und wiedergefangen nach seiner letzten Flucht, weil seine früheren Partner im Kartell einen Deal mit der mexikanischen Regierung gemacht haben. Die Regierung wollte Frieden und Ordnung, das Sinaloa-Kartell sollte diese Bemühungen unterstützen.

FAQ: Seine letzte Flucht war besonders spektakulär: Durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel mit einem Motorrad auf Schienen, das war eine echte Hollywood-Flucht, über die weltweit berichtet wurde. Aber Sie glauben der Darstellung nicht?

DON WINSLOW: (lacht laut) Auf keinen Fall. Wer es sich in Mexiko leisten kann, für Millionen Dollar einen extrem professionellen Tunnel zu bauen, hat auch genug Geld, ihn nie benutzen zu müssen. Bei seiner frühen ersten Flucht 2001 hatte man uns auch weismachen wollen, er sei in einem Wäschetransporter herausgeschmuggelt worden, später wurde klar, dass er das Gefängnis entweder ganz normal in einem Auto oder per Hubschrauber vom Dach verlassen hatte. Hier wird es ähnlich gewesen sein.

FAQ: Was hat seine Festnahme geändert?

DON WINSLOW: Natürlich nichts. Es werden noch mehr Drogen eingeführt. Ich bin mir sicher, der einzige Grund, warum er überhaupt geschnappt wurde, ist, weil seine Ersatzleute schon fest installiert waren. Er wurde ersetzbar, damit konnte er weg. Und das Einzige, was er noch in der Hand hat, sind die Namen derer, die er im Laufe der vielen Jahre geschmiert hat. Von den Kartellbossen wird er niemanden verraten. Vielleicht macht er einen Deal, kriegt eine kleinere Strafe oder kommt früher raus, man wird sehen.

FAQ: Seit 2006 sind in Mexiko dreimal so viele Menschen im Drogenkrieg getötet worden wie amerikanische GIs in Vietnam. Hat das Land überhaupt noch eine Chance?

DON WINSLOW: Ich liebe die Mexikaner, leider hatten sie noch nie eine Regierung, die ihrer wirklich würdig gewesen wäre. Aber man spürt überall Veränderungen, und ich hoffe, dass man Fortschritte erzielen wird. Sehr viel wird davon abhängen, was unsere, was die westlichen Regierungen, auch die deutsche, in der Drogenpolitik ändern. Denn man darf niemals vergessen: Unsere Drogennachfrage, unser Geld finanziert die unglaubliche Gewalt in Mexiko.

FAQ: Was ist eigentlich Ihre persönliche Lieblingsdroge?

DON WINSLOW: Kaffee. Ich trinke nicht, ich nehme keinerlei Substanzen, aber ich bin bestimmt abhängig von Kaffee. Das ist meine einzige Droge.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 14.06.2017 13:16 Uhr