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EZB-Gebäude Zurück aus Utopia

17.02.2004 ·  Wohnen, Arbeiten, Konsum und Kultur in ausgewogenem Verhältnis, angesiedelt in ansprechenden, Tradition und Neuerung einenden Architekturen - das ist der eigentliche Sieg, der sich mit dem der Doppeltürme von Coop Himmelb(l)au abzeichnet.

Von Dieter Bartetzko
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Kein weiteres Wort darüber, daß die drei prämierten Entwürfe des Wettbewerbs für das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main Doppeltürme präsentieren, die man als Europas Reaktion auf den 11. September deuten könnte. Und auch nur den einen Satz, daß die Sieger, Coop Himmelb(l)au, im Herbst 2001 New York einen pessimistischen, auf den Kopf gestellten Turm Babel vorschlugen. Das Frankfurter Ergebnis ist da - und es spricht für sich.

Die himmelstrebenden Grashüpfer sind - spät, aber doch - erwachsen geworden: „Architektur muß brennen, stechen, schmerzen“, schrieben sie 1983 und lehrten Wien mit flammenden Environments das Gruseln. 1988 setzten sie ein Glasgeschoß in die Wiener Dachlandschaft, das dort stak wie eine aufgespießte Hornissse. 1999 stellten sie den "Ufa-Kristallpalast" als implodierende Druse neben die Platten-Ödnis von Dresdens Prager Straße - und haben nun eingelenkt, als die Frankfurter Jury nach der ersten Wettbewerbsphase riet, das Architektenteam möge bei der Überarbeitung des Entwurfs die geplante Okkupation der denkmalgeschützten, 1928 von Martin Elsaesser ans Mainufer plazierten Großmarkthalle rückgängig machen.

Zwei kristalline Prismen

Nun stehen also zwei wie von Riesenfäusten verdrehte kristalline Prismen beieinander, auf ganzer Höhe verbunden von einem auskeilenden, zum "Atrium" bestimmten Glaskörper, in dem schräge Stege für prickelnde Unruhe sorgen. So hat sich das dekonstruktivistische Ungestüm der Architekten gebändigt zur markanten Form, zum gigantesken prägnanten Zeichen und damit zu dem, was ein Hochhaus ästhetisch einzig zu leisten vermag. Der Abstand, der nun zur Großmarkthalle gewahrt wird, hat nichts Kleinlautes: Das hinzugekommene, in der Länge etwa gleich große, aber niedrigere Konferenzzentrum - "Groundscraper" -, hinter dem die beiden Türme wachsen, wirkt wie ein Passepartout für den faszinierend unterkühlten Expressionismus des Altbaus. Es macht um so deutlicher, daß das Wirbeln der Türme auf seine Art den Dynamismus des Denkmals fortsetzt und zugleich einen stürmischen Kontrapunkt zum satten Vibrato der im Hintergrund getürmten Frankfurter Skyline darstellt.

Spitze metropolitanen Städtebaus

Ein Symbol ist mit diesem Gebilde gewonnen, für die EZB, für die Bundesrepublik, für Europa. Frankfurt aber könnte sich damit nach Jahren eines blamablen Ad-hoc-Wahns in die vorderste Riege metropolitanen Städtebaus katapultieren: Was mit dem begonnenen Umbau des die Großmarkthalle umgebenden einstigen Osthafengebiets und einem neuen Stadtteil rings um Hans Kollhoffs expressiv verklinkerten Apartment-Turm am gegenüberliegenden Mainufer Gestalt gewinnt, wird mit dem EZB-Areal vollendet: eine Stadt in der Stadt, die, sinnvoll verbunden mit dem Vorhandenen, eigenständig neue Aufgaben wahrnimmt, ohne das tradierte europäische System zu verlassen. Wohnen, Arbeiten, Konsum und Kultur in ausgewogenem Verhältnis, angesiedelt in ansprechenden, Tradition und Neuerung einenden Architekturen - das ist der eigentliche Sieg, der sich mit dem der Doppeltürme von Coop Himmelb(l)au abzeichnet. Er bliebe auch dann gültig, wenn die Zwillingstürme der Zweitplazierten - des Berliner Büros ASP - oder das Turm-Duo der dritten, des Teams Büro 54f aus Darmstadt und Malaysia, zur Ausführung kämen. Die Details aller Entwürfe werden vom 21. Februar an im Deutschen Architekturmuseum zu sehen sein.

Coop Himmelb(l)au melden sich also zurück aus Utopia, Frankfurt meldet sich zurück aus der architektonischen Talsohle - und Europa wagt im Zeichen der verarmten und schrumpfenden Städte einen Moment Hoffnung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2004, Nr. 40 / Seite 33
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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