04.09.2008 · Exzessive Trinkgelage unter Studenten sind Grund für unzählige Verbrechen und Todesfälle. Amerikanische Universitätspräsidenten wollen diesem heimlichen Kult jetzt Einhalt gebieten - indem sie die Altersgrenze für Alkoholkonsum senken. Amerikas Eltern protestieren gegen diese kontroverse Maßnahme.
Von Katja Gelinsky, WashingtonEs entspricht dem Geist von Hochschulen, auf Einsichtsfähigkeit zu setzen. Doch darf man auf Verständigkeit hoffen bei einem Verhalten, das darauf zielt, den Verstand auszuschalten? Einige Präsidenten amerikanischer Universitäten und Colleges wollen jetzt Trinkgelagen unter Studenten auf kontroverse Weise Einhalt gebieten. Das Mindestalter für Alkoholkonsum soll von derzeit 21 Jahren auf achtzehn Jahren heruntergeschraubt werden.
Weniger Probleme mit dem Trinken durch Ausdehnung der zum Trinken befugten Gruppe? Wenn der Gesetzgeber junge Erwachsene zu Kindern erkläre, dürfe er sich nicht über kindisches Verhalten wundern, argumentieren die Akademiker, angeführt von John McCardell. Die bisherige Altersgrenze habe eine „gefährliche Kultur heimlicher Alkoholexzesse gefördert“, kritisiert der frühere Präsident des Middlebury College in Vermont, das zu den besten Liberal-Arts-Colleges in den Vereinigten Staaten zählt. Präsidenten renommierter Hochschulen wie Johns Hopkins, Duke und dem Ivy League Colleg Dartmouth stimmen McCardell zu. Rund 130 Hochschulen haben bislang Unterstützung für seine „Amethyst-Initiative“ bekundet, bei deren Namensgebung man sich mit klassischer Bildung schmückte: Im antiken Griechenland wurde dem Edelstein Amethyst befreiende Wirkung von Trunkenheit zugeschrieben.
Alkoholverbot hat „lebensrettende Wirkung“
Amerikanische Studenten trinken exzessiver als junge Amerikaner, die bereits Geld verdienen. Alljährlich fordern die Trinkgelage auf und um den Campus 1700 Todesopfer, 600.000 Verletzte und 100.000 Sexualverbrechen, schreibt das staatliche „National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism“. Das ließe sich ändern, wenn die Studenten die Chance hätten, verantwortungsbewusstes Trinken zu lernen, sagen die Anhänger der Amethyst-In-itiative. Sie schlagen ein abgestuftes Genehmigungssystem vor, das Amerikanern zwischen achtzehn und zwanzig Jahren das Trinken zunächst nur unter Aufsicht der Eltern oder anderer Betreuungspersonen erlauben würde. Außerdem sollen die jungen Erwachsenen verpflichtet werden, auf eigene Kosten an einem Kurs zum verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol teilzunehmen.
Die vorgeschlagenen Begleitmaßnahmen zur Senkung des Trinkalters gehen freilich unter in der hitzigen Debatte, die der Vorstoß der Hochschulpräsidenten entfacht hat. Einflussreiche Institutionen und Interessengruppen wie die oberste Behörde für Verkehrssicherheit, die Versicherungsindustrie, Gesundheitsinstitute und selbst Vertreter der Alkoholindustrie argumentieren, dass das Alkoholverbot bis zum 21. Lebensjahr lebensrettende Wirkung habe. Seit die amerikanischen Bundesstaaten die Altersgrenze in den achtziger Jahren heraufgesetzt hätten, sei die Zahl der Verkehrstoten im Alter von sechzehn Jahren bis zwanzig Jahren jährlich um die Hälfte gesunken, so das „Insurance Institute for Highway Safety“.
„Mothers Against Drunk Driving“
Intensive Lobbyarbeit für die Beibehaltung der bisherigen Altersgrenze betreibt insbesondere die Elternorganisation „Mothers Against Drunk Driving“ (MADD), die mit Unterstützung bekannter Persönlichkeiten für staatliche Beschränkungen des Alkoholkonsums ficht. Die Amethyst-Initiative sei ein Manöver, um das Versagen der Hochschulen bei der Verhinderung von Alkoholexzessen zu sanktionieren, behauptet MADD. Eltern sollten sich gut überlegen, ob sie ihre Kinder auf die beteiligten Colleges und Universitäten schickten.
Die Aktivisten haben aber ohnehin die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Nach einer jüngsten Umfrage sind Dreiviertel der Amerikaner gegen eine Lockerung der Altersgrenze. Außerdem hat der Kongress in Washington schon vor Jahren Vorsorge dagegen getroffen, dass die Bundesstaaten nicht Argumenten folgen, junge Amerikaner, die wählen und in den Krieg ziehen dürften, seien mündig genug, sich ein Glas Wein oder eine Flasche Bier zu bestellen. 1984 unterzeichnete Ronald Reagan als Präsident ein Gesetz, das die Bundesstaaten mit dem Verlust finanzieller Zuschüsse zum Straßenbau bestraft, wenn sie jungen Erwachsenen vor dem 21. Lebensjahr den Erwerb und Konsum von Alkohol erlauben. Solange dieses Gesetz nicht geändert wird, sehen selbst die Betreiber der Amethyst-Initiative „kaum Chancen“ für eine Reform.
Keine Genusskultur
Ralph Burgwald (SorryDude)
- 04.09.2008, 16:56 Uhr
@ Leser Burgwald
Carl Weekbrod (weicc001)
- 04.09.2008, 18:56 Uhr
An Ralph Burgwald (SorryDude)
Leo Bronstein (juvog)
- 04.09.2008, 23:43 Uhr