15.05.2010 · Der Westen spottet über die Weltausstellung von Schanghai, doch China entdeckt im universalen Prinzip der Technikleistungsschau ein ideales Feld für seine Ambitionen und Interessen.
Von Mark Siemons, SchanghaiIn der westlichen Öffentlichkeit hat es sich bereits eingespielt, die Expo von Schanghai mit Geringschätzung zu bedenken: China benutze ein Auslaufmodell, um ein weiteres Mal seine Großmannssucht zu befriedigen. Der Nationalismus, der Fortschrittsoptimismus und die Fixierung auf physische Gegenwart (als ob es keine elektronischen Medien gäbe!), die die Weltausstellung aus dem neunzehnten Jahrhundert übernommen habe, passe nicht mehr in die heutige Zeit - und nur China habe das noch nicht mitbekommen. Doch man könnte auch und mit mehr Recht das genaue Gegenteil sagen: Wenn eine Weltausstellung überhaupt wieder einen Sinn hat nach ihren heroischen Gründertagen, dann in China.
Der Weltzusammenhang, den eine Expo herstellt, hat in diesem Land, das sich jahrtausendelang als eine Welt für sich verstand und nun einen rapide wachsenden Einfluss ausübt, nichts Selbstverständliches, geschweige denn Abgestandenes. Bei den chinesischen Besuchern der Expo zeigt sich eine selbst nach zweistündigem Schlangestehen gutgelaunte Neugier auf andere Länder, wie sie bei tourismuserfahrenen Europäern schwer vorstellbar ist.
Amerika zeigt Amerikaner bei ihren Versuchen, chinesisch zu grüßen
Natürlich führen die von kommerziellen Interessen durchsetzten Inszenierungen der jeweiligen Regierungen nicht die „Realität“ der Welt vor. Doch der Wettkampf der Selbstbilder ist ein Spiegel der aktuellen Weltordnung eigener Art: Er informiert über die Fähigkeit der Länder, ein stimmiges Konzept ihrer selbst im Verhältnis zum Rest der Welt zu entwerfen. Wie die Pavillons Amerikas und Großbritanniens zeigen, hängt es vor allem von den Nationen selbst ab, ob dabei Anachronistisches herauskommt oder nicht.
Im robusten Stahlbau der Amerikaner wird das Publikum durch drei unterschiedlich ausgestattete Kinosäle nacheinander geleitet. Im ersten sitzt man auf dem Boden und schaut in dem dort gezeigten Film Amerikanern bei ihren sympathisch verzweifelten Versuchen zu, auf Chinesisch „Willkommen!“ und „Guten Tag!“ zu sagen. Im Film des zweiten Saals - hier sitzt man auf Bänken - bezeichnen Barack Obama, Hillary Clinton und eine Reihe Kinder und Professoren Amerika als eine Nation von Einwanderern, die sich durch Vielfalt, Innovation und Optimismus auszeichne. Im dritten Saal schließlich - hier haben die Bänke sogar Lehnen - wird auf drei wolkenkratzerförmigen Leinwänden in einer Mischung aus Film, Schattenriss und Animation die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt, das die ganze Nachbarschaft dazu bewegt, im düsteren Hinterhof Blumen zu pflanzen. Höhepunkt ist der Donnerschlag eines Wolkenbruchs, in dessen Folge tatsächlich Wasser von oben auf die Zuschauer tropft. Zum Schluss des Besuchs folgt ein Geschäft mit amerikanischen Merchandising-Artikeln.
Großbritannien setzt auf die Begeisterung für bukolische Szenen
Amerika interpretiert seinen Expo-Auftritt also als pures, mit allen technischen Möglichkeiten der Verführung arbeitendes „Nationen-Branding“, unfreundlicher formuliert: als Propaganda. Der britische Pavillon dagegen stellt gar keine Behauptungen auf. Es geht von der Tradition englischer Landschaftsgärten und einer von den Royal Botanic Gardens gegründeten Institution aus, um daraus einen Bau zu schaffen, der in seiner Nutzlosigkeit ebenso erhaben wie ästhetisch zwingend wirkt. Der stachlige Kubus besteht aus sechzigtausend Acrylstäben, in denen Samen aus der „Millennium Seed Bank“ enthalten sind, der weltweit größten Konservierungsanstalt für das Saatgut bedrohter Baum- und Pflanzenarten.
Der blendend helle Innenraum dieser „Kathedrale der Samen“ hat auf völlig unanmaßende Weise tatsächlich etwas Sakrales (wenn die ununterbrochenen Ansagen der offiziellen Erklärer nur mal etwas Stille zuließen). Draußen lagern sich Besucher auf einem leicht gewellten Rasen um den abends sanft von innen her leuchtenden Kubus wie um ein geheimnisvoll-ehrfurchtgebietendes und dabei spielerisches energetisches Zentrum: eine bukolische Szene inmitten des lärmenden Spektakels, die umso bewegender ist, als man sie in diesem rastlos geschäftigen Land sonst selten antreffen kann. Dieser Pavillon hat offensichtlich viel mit Großbritannien zu tun, doch souverän geht er über bloß nationales Marketing hinaus, um durch eine ästhetische Erfahrung etwas Universelles zum Ausdruck zu bringen.
Das afrikanische Lächeln leuchtet bis in moderne Zeiten
Im Vorhinein hatte China den Umstand herausgestellt, dass dies die erste Expo in einem Entwicklungsland sei, und damit suggeriert, es werde sich dort auch eine Verschiebung weg von der westlich dominierten Weltordnung dokumentieren. Doch auch in Schanghai verläuft die Unterscheidung zwischen Ländern, die die finanziellen Mittel und den kulturellen Impetus haben, eine Mission für die ganze Welt vorzustellen, und jenen anderen, die sich mit Folklore und Naturschönheiten bloß wie eine touristische Destination präsentieren, immer noch weitgehend entlang der Nord-Süd-Achse, die den „Westen“ von den anderen trennt.
Besonders markant wird das im afrikanischen Gemeinschaftspavillon deutlich, einem der wenigen, vor dem man sich nicht in eine Schlange stellen muss. In der halbdunklen Halle wird man von einer überdimensionalen Animation negroider Gesichter willkommen geheißen, die ihren Mund zu einem Lächeln öffnen, während eine fortlaufende Leuchtschrift erklärt: „Das afrikanische Lächeln leuchtet von alten bis in moderne Zeiten. Die menschliche Zivilisation strahlt von Afrika aus in die Welt.“ Wie es heißt, sollen bei den Vorbereitungstreffen auch afrikanische Vertreter ihren Unmut über solch gönnerhafte Klischees in dem von China stark mitfinanzierten und -gestalteten Pavillon geäußert haben. Die einzelnen Länder zeigen dann in nachgebauten Hüttendörfern und Basaren, was sie an Totemfiguren und Keramik zu bieten haben.
Saudi-Arabien zeigt, wie in der Wüste Oasen wuchsen
Aber auch Indien, immerhin das zweitgrößte Schwellenland, das zusammen mit China die bisherigen Machtroutinen herauszufordern beginnt, kommt über Brauchtum kaum hinaus. Unter einer immerhin eindrucksvollen Kuppel, die von der Großen Stupa in Sanchi inspiriert ist, bietet das Land nicht mehr als eine traditionelle Tänzerin, ein Kleidergeschäft, Informationsstellwände und zwei Schnellimbisse auf. Saudi-Arabien gibt da schon einen anderen Willen zur Macht zu erkennen. Der Ölstaat hat sich seinen Pavillon - nach dem chinesischen der teuerste der Expo - 146 Millionen Dollar kosten lassen. Doch innerhalb des ellipsenförmigen Stahlgebäudes, dessen einschüchternde Wirkung allein die darauf befindlichen Palmen etwas mindern, fährt man auf einem Rollband bloß eine 1600 Quadratmeter große Leinwand entlang, auf der vorgeführt wird, wie in Wüsten Oasen wuchsen - ohne die geringste Anstrengung, aus der gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Realität des Landes etwas Spezifisches herauszudestillieren.
Selbst Nordkorea, das zum ersten Mal an einer Expo teilnimmt, verzichtet darauf, dem Westen etwas Eigenes entgegenzustellen. Zwar spart der Pavillon nicht an Wiedererkennungsmerkmalen - von den schwarzen Sonnenbrillen der Wächter über das Motto „Paradies für das Volk" bis hin zu den Filmschleifen, die glückliche Kinder in Pjöngjang zeigen. Aber das Hellblau des Himmels, der die ganze Längsseite des Pavillons bedeckt, und der Springbrunnen mit Putten, die eine Taube steigen lassen, sind von einer Oberflächen-Undurchdringlichkeit, als hätte ein Jeff Koons sie geschaffen. Nordkorea präsentiert sich als reines Rätsel, ohne jeden Inhalt; von Kommunismus kein Wort.
Die chinesischen Besucher brüllen im deutschen Pavillon
Man könnte die Expo-Teilnehmer danach unterscheiden, ob sie sich mit Fremdenverkehrswerbung begnügen, ob sie andere von der universellen Bedeutung ihrer Werte überzeugen wollen oder ob sie wie Großbritannien die Grenze des Nationalen zu einem universellen Symbol überschreiten. Die meisten europäischen Länder gehören zur pädagogischen zweiten Kategorie. Der deutsche Pavillon strahlt mit seinem soliden, aber fraktalisierten Beton etwas Grundehrliches aus; auch drinnen wird fortgeschrittene Wertarbeit (Vakuumisolationspaneele!) ebenso wie gebrochenes Bewusstsein (Brüder Grimm, Nietzsche, Grass!) präsentiert.
Auch der erzieherische Ehrgeiz hat etwas Treuherziges: „Ist das aber schön hier! Und es riecht so gut“, ruft die Chinesin Yanyan, eine virtuelle Figur, die durch den Pavillon führt, angesichts einer typisch deutschen Landschaft aus, und ihr deutscher Freund Jan erklärt: „Und das soll auch immer so bleiben! Hier wird kein Baum gefällt, ohne dass mindestens ein neuer gepflanzt wird. Echt ,nachhaltig'!“ Bei der Länderpräsentation von Thüringen können sich die Besucher vor einem Foto der Wartburg neben einen Gartenzwerg setzen. Am besten aber kommt im deutschen Pavillon, dessen Schlangen zu den längsten gehören, die „Energiezentrale“ am Schluss an, bei der man durch kollektives Brüllen eine in der Mitte hängende Kugel bewegen kann, offenkundig eine Allegorie auf die Macht der Massen.
Der Gastgeber hält sich unterdessen in seinem roten Riesenpavillon, der mit sechzig Meter Höhe den Rest um mehr als das Dreifache überragt, merkwürdig zurück. Seine Botschaften scheinen sich allein an ein innerchinesisches Publikum zu richten, wobei die Linien der bisher vertrauten Propaganda ins vage Ökologische und Urbanistische ausgezogen werden. Am Ende werden pflichtschuldig einige Schautafeln über chinesische Windräder, Elektroautos und LED-Lampen aufgeboten. Auch China will bei seiner großen Schau die kulturelle Dominanz des Westens offenbar vorerst nicht in Frage stellen.