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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Ex-RAF-Terroristin Verena Becker Versteckt zwischen Sonnenblumen

 ·  Geheimsache RAF: Gegen die ehemalige Terroristin Verena Becker wird nach anfänglicher Weigerung der Bundesanwaltschaft nun wegen Mordes im Fall Buback ermittelt. Journalisten haben bei Recherchen Indizien gegen Becker entdeckt.

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Verwilderte Sonnenblumen schmücken das [...] Haus, nicht weit von Berlin. Hunde bellen, als wir ankommen. Eine Frau in Kapuzenpulli und Gartenhosen nähert sich. „Guten Tag, wohnen Sie hier mit Verena und Annelie Becker?“ Überrascht bestätigt sie, windet sich aber in der weiteren Unterhaltung damit heraus, dass diese beiden schon lange nicht mehr da gewesen seien. Sie wohnten eigentlich gar nicht mehr hier.

Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker ist nicht nur für Michael Buback in höchstem Grad verdächtig, am 7. April 1977 in Karlsruhe seinen Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback, mit dessen Begleitern Wolfgang Göbel und Georg Wurster erschossen zu haben. Michael Buback äußert sich dazu gegenüber dieser Zeitung: „Ich hatte drei Jahrzehnte lang uneingeschränktes Vertrauen in die Arbeit der Ermittlungsbehörden gehabt und keine eigenen Schritte zur Aufklärung des Karlsruher Attentats unternommen. Als im April 2007 Zweifel aufkamen und ich dann am 18. April 2007 von einer bedeutsamen Zeugenaussage erfuhr, habe ich der Generalbundesanwältin bereits vier Tage später geschrieben, dass neben Stefan Wisniewski in meinen Augen Verena Becker besonders tatverdächtig sei, und dies ausführlich erläutert. Ich habe darauf keine Antwort erhalten, und es wurde kein Ermittlungsverfahren eröffnet.“

Informationen über Becker waren zwielichtig

Niemand wusste bislang, wo Verena Becker lebt. Doch die von Michael Buback und einigen Journalisten entdeckten Indizien, die gegen die ehemalige Terroristin sprechen, haben nach anfänglicher Weigerung die Bundesanwaltschaft nun doch dazu veranlasst, ein Ermittlungsverfahren gegen sie einzuleiten. Es wird seit April dieses Jahres geführt. Buback zeigt sich darüber erfreut: „Warum erst jetzt, ist mir unverständlich, aber ich bin beruhigt, dass es überhaupt noch passiert ist.“

Zwielichtig waren die Informationen, die über Verena Becker seit etwa dreißig Jahren stückweise ans Tageslicht kamen. In den siebziger Jahren wurde sie Mitglied der „Bewegung 2. Juni“, beteiligte sich an Banküberfällen und einem Bombenanschlag auf einen britischen Yachtclub in Berlin, bei dem ein Bootsbauer getötet wurde. 1974 wurde sie deswegen verurteilt, schon ein Jahr später aber im Austausch gegen den von Terroristen entführten CDU-Politiker Peter Lorenz freigelassen und in den Jemen ausgeflogen, wo sie sich der RAF anschloss. Am 3. Mai 1977 wurde sie in Singen zusammen mit Günter Sonnenberg nach einer heftigen Schießerei mit Polizisten verhaftet. Obwohl das Terroristenpaar jene Waffe bei sich führte, mit der die Karlsruher Morde vom 7. April 1977 begangen worden waren und Frau Becker laut Haftbeschluss deswegen auch festgesetzt worden war, wurde sie wegen dieses Attentats nie angeklagt. Im Dezember 1977 verurteilte man sie aber wegen anderer Verbrechen zu lebenslanger Haft. Zwölf Jahre später wurde sie von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt und vorzeitig freigelassen. Seitdem galt sie als spurlos verschwunden.

Wurde Verena Becker vom Staat gedeckt?

Über den Fall Verena Becker haben Tobias Hufnagel, Dokumentar des Südwestrundfunks, und der ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt ein Feature erarbeitet, das am kommenden Sonntag um 14.05 Uhr gesendet wird. Sein Titel lautet „Verschlusssache Buback! Rekonstruktion der geheimen Akte“. Ende April 2007 konnten Journalisten belegen, dass Verena Becker mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zusammengearbeitet hat - in welcher Art und welchem Ausmaß, blieb unbekannt. Das nährte unter anderem bei Michael Buback den Verdacht, Frau Becker werde vom Staat gedeckt. Über ihre Tätigkeit für den Geheimdienst gibt es mehrere Akten, in einer davon sind Verena Beckers Aussagen über ihre früheren Kumpane von der RAF enthalten. Diese Akte wurde vom Bundesinnenministerium zum Staatsgeheimnis erklärt. Selbst der Bundesanwaltschaft ist die Einsicht verweigert. Das erhärtete den Verdacht: Verena Becker wird vom Staat versteckt.

Das Feature von Hufnagel und Schmidt deutet das in Form eines fiktiven Verhördialogs an. Frau Becker wird darin von einem BfV-Agenten mit dem Decknamen „Hans Goldmann“ verhört. Die Autoren Hufnagel und Schmidt hatten zuvor aber den Fall Buback neu aufgerollt: Sie sprachen mit zahlreichen Zeitzeugen, hielten Akten in ihren Händen, die nie offengelegt werden sollten und fanden zahlreiche Versäumnisse und Widersprüche in Anklageschriften und Urteilen. Das Ergebnis ihrer Nachforschungen präsentieren sie nun in den fiktiven Dialogen, die von tatsächlichen Zeitzeugen im Originalton gestützt werden. Erstmals äußert sich dabei ein Zeuge öffentlich, der die Mörder von Karlsruhe am Tag vor der Tat gesehen hatte. Er und einige andere Personen sind aber nie vor Gericht gehört worden.

Der Todesschütze soll eine Schützin gewesen sein

Ein weiteres Beispiel: Unmittelbar neben Bubacks Dienstwagen, in den bei einem Ampelhalt geschossen wurde, stand am 7. April 1977 ein anderes Fahrzeug. Dessen Fahrer vermutete bereits vor dreißig Jahren, der Todesschütze sei eine Schützin gewesen. Bundesanwalt a. D. Joachim Lampe verplappert sich einmal, als er über den Tathergang spricht: „Es sieht auch so aus, als wenn sie mehrfach gerichtet hat“, um sich allerdings sofort zu korrigieren: „. . . wenn der Täter mehrfach gerichtet hat“. Rainer Hofmeyer, ehemaliger taktischer Einsatzleiter der Ermittlungen im Mordfall Buback, gibt zu, dass man „natürlich“ wusste, dass Verena Becker zum Umfeld von Christian Klar gehörte, der unter anderem wegen der Karlsruher Morde verurteilt wurde. Bundesanwalt Lampe aber verharmlost Frau Becker: Sie sei „nicht so tough, nicht so cool wie diese Jungs“ gewesen. Der frühere Strafverteidiger Verena Beckers, Heinz Herbert Funke, hält dagegen, das sei eine „Verhohnepiepelung“, die „mit dem realen Eindruck nichts zu tun“ habe.

Das Feature zitiert aus dem Haftbeschluss, der 1977 gegen Verena Becker erlassen wurde, weil Indizien schon damals zeigten, dass sie „in die Ausführung des Attentats [auf Buback] als Mittäterin einbezogen war“. Als der BfV-Agent die Terroristin im fiktiven Verhör in die Ecke drängt und ihr staatliche Hilfe in Aussicht stellt, bekennt sie in dem Feature: „Von mir aus, dann lief es halt so: Stefan hat geschossen.“ Damit ist der RAF-Terrorist Stefan Wisniewski gemeint, der 1981 als Mehrfachmörder zu lebenslanger Haft verurteilt, aber bereits 1999 vorzeitig auf Bewährung entlassen wurde. Seit April 2007 ermittelt Generalbundesanwältin Monika Harms wieder gegen ihn.

Die journalistischen Recherchen ergaben, dass am 14. Juli 1989 eine Geheimkonferenz zwischen Bundesanwaltschaft und dem BfV in Köln stattgefunden hat. Dabei soll es um die vorzeitige Freilassung von Verena Becker gegangen sein. Acht Tage nach diesem Treffen sprach sich der Generalbundesanwalt gegenüber Bundespräsident Richard von Weizsäcker höchst positiv für eine Begnadigung Verena Beckers aus. Das Bundespräsidialamt will sich zu den Vorgängen nicht äußern. Nun ist auch das bisherige Versteck Frau Beckers gefunden, und ein Ermittlungsverfahren gegen sie läuft. Allerdings ohne dass man dazu bislang etwas Offizielles gehört hätte.

Anmerkungen Verena Beckers

Der Autor veröffentlichte zuletzt das Buch „Die Akte RAF“. Er gehörte auch zu den Befragten für das Feature „Verschlusssache Buback! Rekonstruktion der geheimen Akte“. Es läuft am 8. Juni um 14.05 Uhr im Hörfunk auf SWR2.

Quelle: F.A.Z.
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