24.07.2005 · Immer wieder gibt es Streit über die Evolutionstheorie. Die Wissenschaft macht um Gott schon methodisch einen großen Bogen. Das hat die Suche nach Gottesbeweisen bis heute nicht verhindert.
Von Ulf von RauchhauptSelbst einem Erzbischof platzt mal der Kragen. Und dann schützt auch Purpur nicht vor rhetorischem Mißgeschick.
So muß sich Christoph Kardinal Schönborn aus Wien in jüngster Zeit ziemlich über Versuche geärgert haben, aus der Darwinschen Evolutionstheorie ein atheistisches Weltbild abzuleiten. Sein in der New York Times formulierter Widerspruch hörte sich allerdings an, als verdamme der Kardinal die Evolutionstheorie selber.
Die Blumen und der Gärtner
Während die Kreationisten erwartungsgemäß Beifall klatschten, war man in der katholischen Welt eher peinlich berührt. Dort ist Darwin spätestens seit 1950 kein Thema mehr; damals hatte sich Pius XII. in seiner Enzyklika „Humani generis“, wenn auch noch recht vorsichtig, mit der Evolutionsidee befaßt. Warum soll sich Gott beim Schöpfen nicht eines so eleganten und effizienten Mechanismus bedient haben? Auch ein allmächtiger Gärtner würde doch seine Blumen selber wachsen lassen, statt sie Molekül für Molekül zusammenzubasteln.
Das Problem ist nur: Kann man von den Blumen notwendig auf den Garten und damit auf die Existenz des Gärtners schließen? Daß der menschliche Geist in der Lage ist, hinter den Wundern der Biosphäre Gottes Hand zu erkennen, ergibt sich aus Nr.36 des aktuellen Katechismus. Allerdings wendet der sich ja an Leute, die bereits wissen, daß sie sich in einem Garten befinden. Für die anderen bräuchte man einen Gottesbeweis.
Der unbeliebte Gottesbeweis
Gottesbeweise aber haben heute keinen guten Ruf. Die Theologie mag sie nicht, weil sie allenfalls einen „Gott der Philosophen“ beweisen würden und nicht den „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, wie es Blaise Pascal formulierte. Und tatsächlich kann sich eine Ablehnung der Notwendigkeit außertheologischer Begründungen von Glaubensinhalten sogar auf Christus berufen, der dem ungläubigen Thomas ins Stammbuch schrieb: „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20, 29).
Das hielt Philosophen allerdings nie davon ab, sich an Gottesbeweisen zu versuchen. Hochkonjunktur hatten solche Bemühungen im Mittelalter, das keinesfalls das rational unterbelichtete Zeitalter war, für das es manche halten. In Wahrheit war den christlichen Denkern viel an der Vernunft gelegen. Deswegen waren sie ja so sehr darauf aus, zu zeigen, daß die Existenz Gottes, also eines in allen positiven Eigenschaften absoluten Wesens, auch dem einleuchten müsse, der die biblische Offenbarung nicht ohne weiteres akzeptiert.
Existenz ist keine Eigenschaft
Einig über die Gültigkeit solcher Beweise war man sich allerdings schon damals nicht. Das ging bei dem sogenannten „ontologischen Gottesbeweis“ des Anselm von Canterbury (1033-1109) los, dessen Idee auf Augustinus zurückgeht. Anselm bestimmte Gott als das Höchste, so hoch, daß darüber hinaus nichts Höheres gedacht werden kann. Solch ein Begriff läßt sich tatsächlich bilden, und man kann fragen, ob ihm auch etwas in der Wirklichkeit entspricht. Damit denkt der Fragende aber nicht nur an das gedacht Höchste, sondern schon an das wirklich Höchste. Und dieses ist doch wohl noch höher als das bloß gedachte. Das, über das hinaus nichts Höheres gedacht werden kann, muß es also in Wirklichkeit geben - einfach weil wir in der Lage sind, es auf den Begriff zu bringen.
Thomas von Aquin (1125-1274) hielt von Anselms Argument überhaupt nichts. Wie Jahrhunderte später auch Immanuel Kant wies er darauf hin, daß Existenz keine Eigenschaft sei, die in einem Begriff a priori enthalten ist. Es ist bis heute umstritten, ob dieser Einwand greift. Kants süffisante Bemerkung, 100 gedachte Taler seien ja wohl noch lange keine 100 wirklichen Taler, ist wohl zu billig. Schließlich geht es um Gott, und wenn es ihn „gibt“, dann sicher in einem anderen Sinne als bei einem Sack Münzen. Die platonische Tradition, in der Ausgustinus und Anselm stehen, sieht Denken nicht als Repräsentation von Möglichem, sondern als Teilhabe an Wirklichem, was die Unterscheidung von Gedanke und Gedachtem insbesondere dort fragwürdig macht, wo es um das Höchste geht.
Die „fünf Wege“
Allerdings: So wie Anselm ihn formulierte, ist der Schluß von der Denkmöglichkeit auf die Wirklichkeit Gottes logisch ungültig - das hat etwa der Salzburger Philosoph Edgar Morscher nachgewiesen. Doch gibt es einen anderen, streng formalen Gottesbeweis, der wie Anselm im augustinischen Sinne argumentiert und „zeigt, daß sich die These von der notwendigen Existenz Gottes auf eine Weise entwickeln läßt, die den allerstrengsten Anforderungen an wissenschaftliche Begründungen genügt“, wie der Philosoph Andre Fuhrmann schreibt. Dieser ontologische Gottesbeweis stammt von keinem Geringeren als Kurt Gödel (1906-1978), dem wohl bedeutendsten Logiker neuerer Zeit, und wurde erst 1987 bekannt. Auch Gödel war ein bekennender Platoniker, was den Axiomen, also den Grundannahmen seines Beweises, anzusehen ist; der mathematisch Interessierte sei hier auf die ausführliche Darstellung in Fuhrmanns Artikel verwiesen, der im Internet nachzulesen ist (www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Philosophie/Fuhrmann/papers/goedel.pdf).
Thomas von Aquin dagegen stand weniger in den Fußstapfen Platons als in denen des Aristoteles. Seine eigenen Gottesbeweise - die „fünf Wege“ - gehen daher nicht vom Denken aus, sondern von der Wahrnehmung. So sehen wir etwa, wie Dinge durch andere verändert oder Umstände von anderen verursacht werden. Wie schon Aristoteles schließt Thomas daraus auf ein letztes Unveränderliches (erster Weg) und Unverursachtes (zweiter Weg). Ferner folgert er aus der Kontingenz der Welt - also daraus, daß es Dinge gibt, die sein können, aber nicht sein müssen - auf etwas schlechthin Notwendiges (dritter Weg), aus der Beobachtung unterschiedlicher Qualitätsstufen auf etwas ganz und gar Vollkommenes (vierter Weg) und aus der augenscheinlichen Zielgerichtetheit von Naturvorgängen auf etwas letztlich Lenkendes (fünfter Weg) - und identifiziert all das mit Gott.
Der Einfluß Kants
Kant allerdings lehnte diese Art von „physiko-theologischen“ Gottesbeweisen ebenfalls strikt ab. Der Schluß von der sinnlichen Welt auf Gott war Kant von seinem ganzen Ansatz her unmöglich, denn sein Wissenschaftsverständnis, das sich stark an der aufstrebenden empirischen Naturwissenschaft orientierte, sah im Nachdenken über Absolutes nur „Begriffsdichtung“. Durch den enormen Einfluß Kants darauf, was seither als „wissenschaftlich“ gilt, wurde Gott aus dem nichttheologischen Denken nachhaltig herauskomplimentiert. So gesehen war es Kant und nicht erst Darwin, der eine wissenschaftliche Ableitung der Existenz Gottes aus dem Naturgeschehen unmöglich machte.
Was Darwin aber bewirkte - und was ihm die Kreationisten bis heute so übelnehmen -, war, daß er die Zielgerichtetheit in der belebten Natur (der Ausgangspunkt von Thomas' fünftem Weg) zum Epiphänomen anderer Zusammenhänge erklärte, etwa der Naturgesetze. Dabei war das doch immer der Gottesbeweis gewesen, der weniger gebildeten Menschen am leichtesten eingeleuchtet hatte.
Gotteswahrscheinlichkeit bei 67 Prozent
Kants Verdikt und aller Verkomplizierungen der Welt durch die moderne Naturwissenschaft zum Trotz gibt es noch heute Leute, die sich zu einem philosophischen Beweis der Existenz Gottes herausgefordert sehen. Der jüngste Versuch in dieser Richtung stammt von dem Briten Stephen Unwin. Als gelernter Quantenphysiker begnügt er sich allerdings damit, die „Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes“ (so der Titel seines gerade auf deutsch erschienenen Buches) induktiv zu ermitteln - eine Idee, die auf den Philosophen Richard Swinburne zurückgeht.
Dazu betrachtet Unwin verschiedene Evidenzen, die für oder gegen eine Existenz Gottes sprechen: die Tatsache, daß Menschen das Gute erkennen können, die Existenz des Bösen, des Leids sowie religiöser Erfahrungen. Diesen ordnet er dann Zahlenfaktoren zu, die ungefähr erfassen sollen, um wieviel wahrscheinlicher die jeweilige Evidenz in einem göttlichen Universum vorkommt als in einem gottlosen. Aus diesen Zahlen läßt sich dann mit einem mathematischen Verfahren, dem sogenannten Bayesschen Theorem, eine Wahrscheinlichkeit Gottes berechnen. Unwin kommt auf 67 Prozent. Die Existenz Gottes wäre damit nicht sicher, aber einigermaßen wahrscheinlich.
Das Problem des Gottesbeweises
Die Sache hat natürlich einen Haken. Unwins Zahlenfaktoren sind subjektiv angesetzt, wie er auch selber zugibt. Zwar bemüht er sich um Objektivität und beurteilt etwa Berichte von übernatürlichen Wundern neutral; da sie seiner Ansicht nach alle auch natürlich erklärbar sind, erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit Gottes nicht. Allerdings wiegt für Unwin die Fähigkeit der Menschen, das Gute zu erkennen, deutlich schwerer als die Tatsache, daß sie auch Böses tun - Leute mit pessimistischerer Lebenseinstellung dürften das anders sehen.
Hier wird ein grundsätzliches Problem deutlich: Wer Gott beweisen (oder widerlegen) will, bringt offenbar immer sich selber, seine Sicht der Welt und ihrer Tiefenstruktur ins Spiel. Denn nicht nur wegen Gottes der Sinnenwelt entrückter Eigenschaften (deretwegen Kant ihn aus der strengen Wissenschaft verbannte) können wir nicht über ihn nachdenken wie über irgendein Ding. Eben weil er der Höchste ist, denken wir seine Existenz oder Nichtexistenz immer schon mit, sobald wir über die Welt als Ganzes nachdenken. Möglicherweise kann daher die Existenz des Gärtners tatsächlich nur dem einleuchten, der sich - als Glaubender oder als Platoniker - in der Welt bereits wie in einem Garten fühlt.
Ulf von Rauchhaupt Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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