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Euthanasie für Jugendliche : Tötung auf Verlangen

  • -Aktualisiert am

Bei einer Abstimmung des zuständigen Senatsausschusses im belgischen Parlament wurde der Gesetzesentwurf zur Erweiterung des Euthanasiegesetzes mit deutlicher Mehrheit angenommen. Bild: AFP

In Belgien soll ein Gesetz beschlossen werden, das schwerkranken Kindern und Jugendlichen die Tötung auf Verlangen ermöglicht - ein Akt der Selbstbestimmung oder unzumutbare Belastung?

          Ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art wird wahrscheinlich nächste Woche auf der Tagesordnung des belgischen Parlaments stehen: eine Erweiterung des Euthanasiegesetzes von 2002, das dann auch die Tötung auf Verlangen für einwilligungsfähige Kinder und Jugendliche ermöglichen wird. Die Mehrheit ist dem Gesetzentwurf wahrscheinlich sicher, der auf eine Initiative des sozialistischen Abgeordneten Philippe Mahoux zurückgeht. Bei der Abstimmung im zuständigen Senatsausschuss erhielt er dreizehn Stimmen und kassierte nur vier Gegenstimmen. Ursprünglich hatten die Sozialisten auch geplant, in dem Gesetzentwurf die Zulässigkeit der Tötung auf Verlangen für demente Menschen zu regeln, hatten davon aber, um eine klare Mehrheit zu sichern, wieder Abstand genommen.

          Geregelt wird nun, dass tödlich erkrankte Jugendliche und Kinder in der letzten Phase ihrer Erkrankung, wenn insbesondere ihre Schmerzen und andere physischen Probleme sich als nicht behandelbar erweisen, verlangen können, durch einen Arzt getötet zu werden. Anders als bei Erwachsenen rechtfertigen psychische Leiden des Kindes die Tötung auf Verlangen also nicht. Voraussetzung dafür, dass eine legale Tötung durch den Arzt stattfinden kann, ist, dass die Kinder einwilligungsfähig sind; sie müssen also verstehen, was für eine Krankheit sie haben, wie ihre Prognose ist und was es heißt, wenn sie verlangen, getötet zu werden.

          In den Niederlanden gibt es eine Richtlinie

          Diese Einwilligungsfähigkeit muss von einem Psychologen oder Psychiater untersucht und bescheinigt werden. Zusätzlich ist die Einwilligung der Eltern erforderlich. „So wird sichergestellt, dass hier auf keinen Fall Missbrauch getrieben werden kann“, erläuterte Philippe Mahoux im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Vorstoß in Belgien hat scharfe Reaktionen hervorgerufen. Tatsächlich scheint die Tötung von Kindern als reguläres medizinisches Behandlungsangebot durch einen Arzt ethisch besonders problematisch zu sein. Allerdings regelt der belgische Gesetzentwurf nicht die Neugeborenen- oder Kleinkinder-Euthanasie, bei der zwingend Entscheidungen von Dritten über den Lebenswert eines Kindes getroffen werden und zu dessen Tötung führen können.

          Diese Form von Tötung auf Verlangen anderer ist gegenwärtig in keiner westlich geprägten Industrienation gesetzlich geregelt. In den Niederlanden ist allerdings 2005 das sogenannte Groningen-Protokoll vereinbart worden, das keinen Gesetzescharakter hat, sondern als Richtlinie wirkt, die regelt, unter welchen Voraussetzungen die Tötung eines Neugeborenen oder Kleinkindes durch den Arzt von der Staatsanwaltschaft nicht als Straftat verfolgt wird. Während auch in den Niederlanden, wie in Belgien, die Zahl der Euthanasie-Fälle bei Erwachsenen zunimmt, hat sich die Zahl der nach dem Groningen-Protokoll vollführten Neugeborenen-Tötungen bis 2010 deutlich verringert. 2010 wurden zwei Kinder mit einer tödlich verlaufenden und schwer zu behandelnden Hautkrankheit getötet.

          Sie müssen damit leben

          Auch in Belgien geht der Gesetzgeber davon aus, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die die neue gesetzliche Möglichkeit der Tötung auf Verlangen in Anspruch nehmen werden, nicht mehr als zehn betragen wird. Allerdings ist die vermutete geringe Zahl derer, die eine solche Regelung in Anspruch nehmen werden, eher ein Indiz dafür, dass eine gesetzliche Regelung nicht erforderlich ist, als dass sie deren moralische Unbedenklichkeit belegt.

          Spricht man mit Kindern und Jugendlichen, die tödlich erkrankt sind und die keine lange Lebensperspektive vor sich haben, stellt man oft fest, dass sie sehr klare Vorstellungen von dem haben, was sie wollen, und dass sie auch viel über ihre Krankheit wissen und von ihr verstehen. Besondere Krankheitserfahrungen vermitteln oft auch besondere Kompetenzen in der Fähigkeit zu entscheiden. Deswegen ist es richtig, Kinder und Jugendliche, die einwilligungsfähig sind, auch über die Behandlung ihrer Krankheit mit oder sogar allein entscheiden zu lassen - denn sie müssen dieses Leben leben.

          Unangemessener Paternalismus

          Es ist aber auch die Aufgabe ihrer Eltern und der Gesellschaft, ihnen möglichst gute Chancen zu geben, auch mit schwerer Krankheit zu leben und auch gut versorgt zu sterben. Insofern haben Kinder und Jugendliche stärkere Ansprüche auf Fürsorge und Unterstützung als Erwachsene, die bereits in größerem Maße die Möglichkeit hatten, Vorsorge für kritische Fälle zu treffen. Es gibt also Gründe, Kindern und Jugendlichen Rechte vorzuenthalten, weil sie nicht nur Vorteile, sondern auch Belastungen mit sich bringen, die auch darin bestehen können, überhaupt eine Entscheidung treffen zu müssen.

          Allerdings kann man es insbesondere, wenn man es als Vorteil sieht, seine Tötung verlangen zu dürfen, auch anders sehen: Kindern und Jugendlichen, die entscheidungsfähig sind, denen also attestiert wurde, dass sie die Bedeutung und Konsequenzen einer solchen Entscheidung verstehen, diese Möglichkeit vorzuenthalten wäre dann ein unangemessener Akt des Paternalismus.

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