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Eurovision Song Contest : Heil des Landes

Wider die „zero points“: Die Heilsarmee zieht für die Schweiz nach Malmö. Ein Angriff mit Musik und Moral? Die Europäische Rundfunkunion meldet bereits Bedenken an.

          Jetzt spielen sie wieder und verbreiten festliche Stimmung. In der Schweiz ist die einst vielbelächelte Heilsarmee zum nationalen Hoffnungsträger geworden. Ihre Musiker haben die einheimische Ausscheidung für den Eurovision Song Contest gewonnen, bei dem sich die Schweiz in den vergangenen Jahren mit peinlichen Auftritten und Niederlagen blamierte - auch weil sie in Europa kaum noch auf Alliierte zählen kann. In modisch gestylten Uniformen waren die Musiker der besten Heilsarmee-Band angetreten, „Me And You“ lautet der Titel ihres Songs.

          Aus dem Gag wurde ein Triumph, die Schweiz erhofft sich viele Punkte und eine Verbesserung des Images in Europa. Mit Pauken und Trompeten den Streit um den Fluglärm übertönen. Mit der unbestechlichen Moral der Heilsarmee den Zynismus der Steuerpauschalen vergessen machen. Trost spenden für den Verlust des Bankgeheimnisses. Als die singenden Soldaten der Heilsarmee vor wenigen Tagen ihre „Topfkollekte“ starteten, kam sogar der Minister der bewaffneten Armee, die er für die „beste der Welt“ hält.

          Tarnung ohne Uniform

          Ihre Manöver im Herbst standen im Zeichen des Ernstfalls: wenn der Euro zusammenbricht und nicht nur Geld, sondern massenhaft Flüchtlinge ins Land strömen. Da wären selbst die Unterkünfte der Heilsarmee überfordert. Doch für den Kampf gegen Europa ist sie besser gewappnet als die bewaffneten Truppen, die an die Neutralität gebunden sind. Ein Angriff mit Musik und Moral ist die beste Verteidigung gegen die Kavallerie des Mannes, der Deutschland regieren und die Schweiz besiegen will. Doch sie ist allein. Schon winkt die Europäische Rundfunkunion mit dem Reglement. Es erlaubt keinerlei Beiträge politischer oder religiöser Natur. Und die Heilsarmee ist nun einmal eine Freikirche mit militärischer Organisation, in der es Soldaten, Offiziere, Generäle gibt.

          Der Auftritt in Malmö und vor hundert Millionen Zuschauern ist in Gefahr. Das Fernsehen behauptet, im Vorfeld alle Fragen mit der Europäischen Rundfunkunion geklärt zu haben. Wieder einmal verdient die Schweiz für ihre Verhandlungsfähigkeit mit Europa „zero points“. Jetzt klammert sie sich an eine „kreative Lösung“, zu der die Band eine Hand reichen soll. Das Heil des Landes steht auf dem Spiel. Sogar an einen Auftritt unter falschem Namen wird gedacht. Ihre Seele will die Heilsarmee um keinen Preis verkaufen. Aber notfalls zur Tarnung auf die Uniformen verzichten.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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